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New York: Winterchaos:Sechs Stunden gefangen auf dem Rollfeld

Nach der Landung begann das Warten: Beinahe so lange wie der Flug über den Atlantik dauerte, stand eine Maschine aus Deutschland in New York auf dem Rollfeld - erst dann durften die Passagiere aussteigen.

Es herrscht weiter Chaos auf Moskaus Flughäfen, allen Ankündigungen zum Trotz. Immerhin gab es auf dem Airport Domodedowo am Mittwoch wieder Strom.

Am Flughafen Domodedowo warten Passagiere Stunde um Stunde darauf, endlich ihr Flugzeug besteigen zu können.

(Foto: AFP)

Im Internet tauchte ein Video auf, das zum Sinnbild wurde für die verzweifelte Lage der zeitweise bis zu 20.000 betroffenen Passagiere: Auf Moskaus Flughafen Scheremetjewo sitzen Reisende vor der Sicherheitskontrolle auf dem Boden und schlagen minutenlang rhythmisch auf blaue Plastikkörbe ein. Tönender Protest gegen das Warten - ein Hit auf YouTube. Nach Schlägereien zwischen Sicherheitspersonal und Passagieren zog die Security sicherheitshalber die Uniformen aus- und Zivilkleidung an.

In Domodedowo ist das Personal selbst unter Normalbedingungen chronisch unverschämt, nach dem Eisregen und den Flugausfällen häuften sich in den russischen Blogs Schilderungen einer Reisehölle auch aus Scheremetjewo. Die Mitarbeiter für den Flug nach Sotschi, schreibt eprst2000, hätten den Passagieren ohne Umschweife erklärt: "Sie können hier sitzen so lange, wie Sie wollen oder gehen, wohin Sie wollen. Informationen kriegen Sie nicht."

Eine Scheremetjewo-Mitarbeiterin berichtete Medien, dass viele Reisende für den Eintritt in die Businesslounge umgerechnet 30Euro bezahlten. Dort gab es Sekt. "Alle waren völlig betrunken, aber wir haben weiter Alkohol ausgeschenkt, sonst hätten sie uns in Stücke gerissen."

Eine Moskauer Anwaltskanzlei bereitet nun eine Millionenklage gegen Flughäfen und Airlines vor. Premierminister Wladimir Putin zitierte Aeroflot-Chef Witalij Saweljew und Michail Wasiljeno, den Generaldirektor des Flughafens Scheremetjewo, zu sich. Regierungschef Wladimir Putin forderte die Räumdienste zu mehr Einsatz gegen die Schneemassen auf. "Jammern hilft nicht", sagte er nach Angaben der Agentur Interfax. Es sei zu früh für vorgezogene Silvesterferien: "Jeder muss arbeiten."

In New York hat sich der Schneesturm gelegt, doch das Chaos auf den Flughäfen bleibt auch hier: Nach ihrer Landung haben die Passagiere eines Lufthansa-Fluges mehr als sechs Stunden auf das Aussteigen warten müssen.

Die Maschine habe auf dem John F. Kennedy Airport keinen Flugsteig zugewiesen bekommen und deshalb so lange auf dem Rollfeld gestanden, meldete CNN am Mittwochabend (Ortszeit). Das Flugzeug gehörte zu den ersten Maschinen aus Deutschland, die nach dem schweren Schneesturm vom Montag wieder in New York gelandet waren.

Damit hatten die Passagiere fast so lange, wie sie über den Atlantik geflogen waren, noch einmal auf dem Rollfeld warten müssen - nur ein paar Schritte von der Ankunftshalle entfernt. Die Lufthansa-Maschine war bei weitem nicht die einzige, deren Passagiere so lange auf dem Rollfeld festgehalten wurden. Passagiere aus London, Paris, Mexiko-Stadt und anderen Städten mussten ähnlich lange warten. Die Spitze erreichte ein Flug aus Korea. Die Passagiere, die schon mehr als 15 Stunden in den Knochen hatten, durften laut CNN am Mittwoch früh nach neuneinhalb Stunden Zwangspause auf dem Rollfeld aussteigen.

In New York hagelt es auch Kritik wegen des chaotischen Winterdienstes der Stadt. Bürgermeister Michael Bloomberg musste sich am Mittwoch heftige Vorwürfe des Stadtrats gefallen lassen. Die Reaktion der Verwaltung sei "inakzeptabel" gewesen, sagte Ratspräsidentin Christine Quinn. Sie verwies auf Hunderte Beschwerden von Bürgern. "Wir hören von überall Berichte von Bürgern, die bis zum Nachmittag des Folgetags keinen einzigen Schneepflug gesehen haben." Sie könne sich an kein vergleichbares Versagen erinnern, sagte Quinn. Bloomberg räumte Mängel ein. "Die Lage ist schlecht", sagte der Bürgermeister. Es werde aber alles Erdenkliche getan. "Wir arbeiten so hart wie wir können", beteuerte Bloomberg.

Der Blizzard war am Sonntag über die Metropole hereingebrochen, in mehr als 24 Stunden fielen bis zu 80 Zentimeter Schnee. Die New Yorker Flughäfen John F. Kennedy und La Guardia mussten vorübergehend schließen.

In der Republik Irland wie auch im britischen Nordirland sind derweil Tausende Wasserleitungen geplatzt. Zehntausende Menschen haben kein fließendes Wasser und müssen notversorgt werden. Der nordirische Ministerpräsident Peter Robinson hat für Donnerstag eine Krisensitzung der Regionalregierung einberufen.

Robinsons Stellvertreter Martin McGuinness kritisierte das Krisenmanagement von Wasserversorgern und Wohnungsgesellschaften: "Das ist nicht gut genug", sagte er. Die nordirische Wasserversorgung hatte zuvor erklärt, das Problem werde in den nächsten Tagen anhalten. Einige Haushalte waren am Mittwoch bereits den achten Tag ohne Wasser und mussten sich mit Kanistern an Tankwagen helfen.

In Prag wurden in diesem Winter bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad Celsius bisher 17 Menschen erfroren aufgefunden. Wie in anderen Ländern trifft auch in Tschechien dieses Schicksal vor allem Menschen, die auf der Straße leben. "Sie haben keinen realen Blick mehr für ihre Situation, sie denken, dass sie es noch aushalten", sagte Petra Latakosova, Leiterin der Hilfsorganisation "Nadeje" (Hoffnung).