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Neue Theorie zu Londoner Serienmörder:Jacqueline the Ripper

Er soll binnen zwei Wochen im Londoner East End fünf Frauen getötet und verstümmelt haben: Jack the Ripper. Über den Mann hinter dem Pseudonym wird bis heute gerätselt - womöglich aus gutem Grund. Denn der Autor John Morris behauptet nun, eine Frau sei für die spektakuläre Mordserie verantwortlich.

Lena Jakat

Es ist mild in den frühen Morgenstunden des 31. August 1888, der Himmel für Londoner Verhältnisse ungewöhnlich klar. Der Kutscher Charles Cross eilt durch die Gassen Whitechapels zur Arbeit, als er in der Dunkelheit beinahe über den reglosen Körper stolpert. Mary Ann Nichols, "Polly" genannt, ist übel zugerichtet: Die Kehle durchgeschnitten, der Unterleib gezeichnet von den Spuren eines Messers.

ACTOR JOHNNY DEPP IN PUBLICITY PHOTO FROM THE MOVIE FROM HELL

War Jack the Ripper eine Frau? Der ermittelnde Inspektor Frederick Abberline (im Film From Hell gespielt von Johnny Depp) brachte bereits während der Ermittlungen die Möglichkeit einer Täterin ins Spiel.

Was der Kutscher und die herbeigerufenen Polizisten nicht ahnen können: Es ist der erste von fünf brutalen Mordfällen, die in den kommenden zwei Wochen das East End erschüttern werden. Und es ist hier, in der Bucks Row, dass ein Mythos seinen Anfang nimmt: die Legende von Jack the Ripper.

Die Prostituiertenmorde von Whitechapel sind die erste Mordserie, die schon zu ihrer Zeit von der Presse ausführlich kommentiert wurde und bis heute detailreich dokumentiert ist. Doch dass die grausigen Verbrechen auch nach mehr als 100 Jahre noch viele (Hobby-) Kriminologen faszinieren, liegt an einer entscheidenden Tatsache: Die Identität des Rippers wurde nie geklärt. Zu ihr gibt es unzählige Theorien, ihre Argumentationen reichen von nachvollziehbar bis haltlos.

Wer wurde nicht schon alles verdächtigt, der Frauenmörder gewesen zu sein, der in Horrorfilmen und Illustrationen häufig mit dunklem Cape und Zylinder dargestellt wird: Prinz Albert Victor, farbloser und leicht zurückgebliebener Enkel von Königin Victoria; Walter Sickert, deutscher Impressionist; Lewis Carroll, Autor des Kinderbuch-Klassikers Alice im Wunderland sowie unzählige weniger flamboyante Zeitgenossen.

Nun ist die Theoriesammlung um eine Hypothese reicher: John Morris, ein ehemaliger Anwalt und passionierter Ripper-Forscher, behauptet: Jack the Ripper war eigentlich Jacqueline, beziehungsweise "Lizzie the Ripper". Die Waliserin Mary Elizabeth Ann, "Lizzie", Hughes heiratete 1872 den Arzt John Williams. Er nahm sie mit nach London, wo er Karriere machte und 1886 zum Hofarzt aufstieg. Auch für das mutmaßliche Motiv der Dame hat Morris eine Erklärung: Unfruchtbarkeit und Eifersucht.

"Kein Zweifel, dass der Ripper eine Frau war"

Morris ist sich seiner Theorie sicher: "Es gibt absolut keinen Zweifel, dass der Ripper eine Frau war. Aber weil alle glauben, dass der Ripper ein Mann war, wurden alle Beweise, die auf eine Frau deuten, bislang immer ignoriert", sagte der Autor des Buches The Hand of a Woman der Zeitung Birmingham Mail. Diese Beweise sieht Morris unter anderem darin, dass keines der Opfer sexuell missbraucht wurde, dass in dem Blut eines Opfers drei Knöpfe eines Damenstiefels gefunden wurden und darin, dass in einem Zeitungsbericht von damals vermerkt wurde, dass die Habseligkeiten eines Opfers auf "typisch weibliche Weise" zu dessen Füßen arrangiert worden seien.

Der Ripper entnahm außerdem einigen seiner Opfer die Gebärmutter und andere Unterleibsorgane - zusammengenommen mit Mrs Williams' unerfülltem Kinderwunsch für Morris der endgültige Beweis für seine These. Der Ripperologist, wie sich auf den Fall spezialisierte Hobby-Kriminologen nennen, erklärt nicht nur, warum Williams mit dem Töten begann, sondern auch, warum sie wieder damit aufhörte: Mary Kelly, das letzte allgemein anerkannte Opfer des Rippers (insgesamt wurden von 1888 bis 1891 in der Gegend elf Frauen getötet), sei die Geliebte von Lizzie Williams' Mann John gewesen. Mary Kelly, erst 25 Jahre alt und noch brutaler zugerichtet als die vorangegangenen Mordopfer, soll schwanger gewesen sein, als sie starb.

So spektakulär Morris' These klingen mag, wirklich neu ist sie nicht. Der ermittelnde Inspektor Frederick Abberline erwähnte diese Möglichkeit schon zur Zeit der Mordserie. Und bereits 1939 argumentierte William Stewart in seinem Buch A New Theory, tatsächlich habe Jill the Ripper die Morde verübt, und nicht ein Mann.

Auch das Motiv von Morris' Verdächtiger wird häufiger angeführt: Es wurde schon einmal ihrem Mann zugeschrieben. Ein Nachkomme des Ehepaars Williams veröffentlichte 2005 das Buch Uncle Jack, in dem er behauptet, der königliche Leibarzt habe dereinst die Frauen getötet - auf der Suche nach einem Heilmittel für die Unfruchtbarkeit seiner Gattin.

© Süddeutsche.de/jobr

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