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Nerviges Jahr 2020:Sind wir nicht alle ein bisschen Zozobra?

Coronavirus - Leipzig

Wie lange müssen wir noch warten, bis das alles vorbei ist?

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Der Winter wird lang, die US-Wahl erweist sich als Hängepartie, und wann es einen Corona-Impfstoff geben wird: unklar. Wir befinden uns in einem nervös-nebulösen Schwebezustand - für den es jetzt immerhin einen Namen gibt.

Von Mareen Linnartz

Es ist irgendwann in den frühen Morgenstunden, als ein Zustand der Auflösung einsetzt und alles verschwimmt. Tänzelt John King von CNN da gerade wirklich noch am Bildschirm vor seinen "Magic Walls" herum? Oder hat er sich mit seinen County für County aufploppenden Wahlprognosen schon längst in den eigenen Dämmerschlaf geschlichen? Abwechselnd leuchten blaue und rote Flächen auf der virtuellen CNN-Karte der Vereinigten Staaten von Amerika auf, Kings aufgeregte Stimme ist zu hören - "Look at Mecklenburg County!" "Again, we have to be patient." Einmal kurz schütteln, dann die Erkenntnis: Das ist kein Albtraum, es passiert wirklich. Sehr viel Rot auf dem Bildschirm. Donald Trump, der auf eine Bühne schreitet und sich zum Sieger erklärt. Das will man jetzt aber nicht sehen und wahrhaben. Kann das Gesehene sich nicht einfach auflösen?

Wie nennt man diesen Gemütszustand? Eine kleine Erschöpfung nach einer langen Nacht, eine etwas größere Überforderung nach zehrenden Pandemie-Monaten, eine Form von Orientierungslosigkeit bei sich überstürzenden Ereignissen? Oder einfach nur einen Schutzmechanismus des Gehirns gegen dieses an schlechten Nachrichten so reiche Jahr? Man hätte so gerne mal Gewissheiten - wie lange dauert dieser Winter, wann kommt ein Impfstoff, wer wird US-Präsident? Aber die kommen einfach nicht, selbst in dieser einen Nacht nicht, wo sich doch alle recht sicher waren. Warum ist in diesem Jahr 2020 ständig kein Ende in Sicht?

Die Belgier erlauben "Knuffelcontact" - allein das Wort hebt die Laune

Wenn etwas zu viel wird, dann versucht man irgendwann, dem zu entkommen, wenn auch nur in Gedanken. Und vielleicht ist es eine kleine Beobachtung dieses Jahres 2020, dass es so eine Art Eskapismus gibt, sich für nicht so schöne Sachen fremdsprachiger Wörter zu bedienen: Die zweite Welle ist mit aller Wucht da, Belgien trifft es besonders heftig, aber - klingt das nicht niedlich! - außerhalb seines eigenen Haushalts darf man noch einen, heißt es dort, "Knuffelcontact" haben, wobei Knuffel "Knüffel" augesprochen wird. Der Begriff machte sofort auch hier in den sozialen Netzwerken die Runde. Und ja, man muss jetzt wieder endlose Runden im Freien mit Freunden drehen, so wie schon im Frühjahr, nur dass es da wärmer war, aber so schlimm ist das auch nicht! Im Norwegischen gibt es da ein schönes Wort, "friluftsliv", bedeutet in etwa: sich gerne im Freien aufhalten und mit der Natur verbunden fühlen.

Für den nervösen, nebulösen Geisteszustand in Krisenjahren und Wahlnächten findet sich nun ein fast harmlos klingendes Wort: "Zozobra" - Spanisch für: Not, Besorgnis, ein bewegtes Meer, das einem Angst einjagt. In einem gerade erschienenen Essay beschreiben die Philosophen Francisco Gallegos und Carlos Alberto Sánchez, warum der Begriff es jetzt so genau trifft. Der Begriff habe sich bei mexikanischen Intellektuellen im frühen 20. Jahrhundert etabliert, er beschrieb den Gefühlszustand, auf wackeligem Boden in fortwährender Unsicherheit und unklarer Zukunft zu leben - ein Gefühl, den diese mexikanischen Intellektuellen damals vor allem bei Einwanderern ausmachten.

Klingt wie ein guter Witz: Was heißt "Jahresende" auf Isländisch?

Jetzt sei das Wort wieder da. Dem starken Bestreben vieler, einen Sinn in allem zu erkennen, steht aktuell eine Welt "on fire" entgegen, die mit einer Pandemie kämpft, Rezession, politischen Umbrüchen, der Klimakrise, und das führt zu einem Gefühl von Desorientierung und der Frage, was jetzt noch Sinn ergibt.

"Zozobra" heißt übrigens auch eine 15-Meter große Marionette, die alljährlich im September auf einem Festival in Santa Fe verbrannt wird und Trübsinn vertreiben soll. In diesem Jahr fand das erstmals wegen Corona ohne Publikum statt. Ob es was bewirkt? Noch knapp zwei Monate hat dieses Jahr. Dann, genau, ist es zu Ende. Jahresende heißt auf Isländisch "Árslok". Gesprochen so, wie man es liest.

© SZ/nas
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