Wieder 4,4 auf der Skala der Erdbebenforscher, es war heftig in der Nacht zum Donnerstag in Pozzuoli und Bacoli. Derselbe Wert wie im Mai vergangenen Jahres, aber davor gab’s das seit mindestens 40 Jahren nicht. Auch wenn das Beben glimpflich verlief, erinnerte es die Menschen am Rande der Millionenstadt Neapel daran, wie gefährlich sie leben.
Nicht weit von hier ragt der Vesuv auf, der im Jahr 79 nach Christus Pompeji unter Lava und Asche begrub, aber es ist nicht der berühmte Vulkan, der den Menschen heute Sorgen macht. Viel mehr lautet das Stichwort „Campi Flegrei“, jene Ansammlung von unterirdischen Vulkanen westlich von Neapel, die seit der Vorzeit aktiv sind. Die Experten nennen die Phlegräischen Felder einen „Supervulkan“. Als er vor 39 000 Jahren ausbrach, verwüstete er wohl weite Teile Mittelitaliens. Zurück blieb eine Struktur, die als Caldera bezeichnet wird, ein abgesenktes Gebiet in annähernd kreisförmiger Form, das durch Eruptionen entstanden ist und sich über Land und unter Wasser erstreckt.
Zuletzt brach der Vulkan im Jahr 1538 aus, nachdem die Erde 70 Jahre lang rumort und sich angehoben hatte. Ähnliche Erdbewegungen gibt es auch heute, und zwar verdächtigerweise ebenfalls seit etwa 70 Jahren. Erkennbar sind sie etwa am Hafen von Pozzuoli, wo der Wasserspiegel mehrere Meter tiefer ist als die Kaimauer. Seit elf Jahren herrscht Alarmstufe Gelb, das ist immer noch recht entspannt. Natürlich werden die Erdaktivitäten pausenlos überwacht, aber aufgrund besonderer Umstände sind die Experten sicher, dass derzeit kein Ausbruch drohe, erst wieder in vielleicht zehntausend Jahren.
Aber haben die Erdbebenforscher sich vor 16 Jahren nicht schon einmal dramatisch geirrt? Damals gaben sie nach Vorbeben in den Abruzzen Entwarnung. Doch in der Nacht zum 6. April 2009 wurde die Stadt L’Aquila mit einer Stärke von 6,3 großflächig zerstört, mehrere Hundert Menschen kamen ums Leben.
In Pozzuoli jedenfalls kam nach Augenzeugenberichten Panik auf, als die Erde um 1.25 Uhr in der Nacht zu Donnerstag das erste Mal bebte. Es folgten sechs weitere Beben, das letzte um 3.26 Uhr, deutlich schwächer. Die Menschen rannten aus ihren Häusern, kletterten aus den Fenstern und versammelten sich draußen im strömenden Regen. Eine Person wurde aus den Trümmern einer zusammengebrochenen Decke gerettet, glücklicherweise unverletzt. Das starke Erdbeben war zum ersten Mal in der gesamten Stadt Neapel sowie in mehreren Gebieten Kampaniens spürbar. Auch in den Stunden danach maßen die Experten bisher nicht gekannte Werte, berichtete der Bürgermeister, weshalb er die Schließung der Schulen anordnete.
Am Morgen danach ist alles wieder ruhig, so war das auch schon im vergangenen Mai. Einige Straßen sind abgesperrt, das Aufräumen erinnert an normale Bauarbeiten. Die Anwohner sind einerseits beunruhigt und andererseits gelassen. Wir können nichts machen, sagen sie, sie ziehen auch nicht weg, es werden hier weiter Häuser und Grundstücke gekauft. Es ist ja eine sehr schöne Gegend mit der wundervollen Stadt Neapel in direkter Nachbarschaft.
Das Entscheidende für viele ist der Katastrophenschutz: Was passiert, wenn es tatsächlich zu einem großen Beben kommt, in den ersten Minuten und Stunden? Immerhin handelt es sich um eine der am dichtesten bewohnten Regionen Italiens, hunderttausend Menschen und mehr könnten unmittelbar gefährdet sein. Bei Alarmstufe Rot müssten sie in Sicherheit gebracht werden. Nach jedem Beben versprechen die Behörden, ihre Abläufe zu überprüfen, die Regierung in Rom hat einen Staatskommissar eingesetzt. Aber ob die Evakuierung im Ernstfall funktionieren würde, daran haben viele Bewohner Zweifel. Auch dieses Mal berichten die Lokalmedien über allerlei Maßnahmen, die nicht oder zu spät gegriffen hätten.

