Süddeutsche Zeitung

Nazi-Widerstand nach Kriegsende:Der Mythos der Werwölfe

Ein versprengter Haufen Nazis, "Werwölfe" genannt, sollte 1945 das untergegangene Hitler-Regime rächen - Dokumente der Briten belegen, welch bizarre Waffen die SS entwickeln ließ.

Viel hätte wohl nicht gefehlt, und auch Schneewittchens Giftapfel hätte Eingang gefunden ins Arsenal des Nazi-Untergrunds nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Denn der versprengte Haufen der sogenannten Werwolf-Widerständler legte eine ebenso blühende wie diabolische Phantasie an den Tag, wenn es darum ging, die verhassten alliierten Besatzer zu ermorden: mit giftigem Puder, explodierenden Kohlebrocken, schießenden Gürtelschnallen und - deutsch bis zuletzt - tödlichen Hausmacher-Würstchen.

Die mitunter abwegig erscheinenden Tötungsmethoden sind in vertraulichen Papieren des britischen Inlands-Geheimdienstes MI5 enthalten, die erst jetzt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Wie ausgereift und verbreitet die Pläne waren, geht aus den Dokumenten nicht hervor.

Sicher ist, dass die im September 1944 von SS-Führer Heinrich Himmler ins Leben gerufene Bewegung unter dem "Reichs-Werwolf" Hans-Adolf Prützmann aus Mangel an Freiwilligen keinen entscheidenden Einfluss auf den Verlauf der Kämpfe in den letzten Kriegsmonaten nehmen konnte.

Umso erstaunlicher ist nun die Erkenntnis, wie viel Zeit und Mühe das untergehende Nazireich in die Entwicklung von Waffen investierte, die aus der Werkstatt des fiktiven Chefingenieurs Q aus den James-Bond-Romanen hätten stammen können. Manches erinnert frappant an die verkorksten Attentatsversuche, mit denen die amerikanische CIA in der Nachkriegszeit dem kubanischen Diktator Fidel Castro zu Leibe rückte: Dynamit-Zigarren oder ein Pulver, das seinen Vollbart ausfallen lassen und Castro so der Lächerlichkeit preisgeben sollte.

Zu den deutschen Methoden gehörte - abgesehen von vergifteten Lebensmitteln wie Würsten, Schokolade oder Nescafé - unter anderem ein Giftpulver, das auf Türklinken, Bücher oder Schreibtische gestreut werden sollte und das bei Berührung oder Einatmen zum Tod führte. Tödlich wirkte auch ein anderes Pulver, das von Kellnern in Restaurants jenen Mahlzeiten zugesetzt werden sollte, die von britischen, amerikanischen oder sowjetischen Offizieren bestellt worden waren.

Weibliche Werwölfe wiederum wurden mit Puderdöschen ausgerüstet, die tödliche Bakterien enthielten, mit denen der Gegner infiziert werden sollte.

Todbringende Gürtelschnalle

Manches war mit deutscher Gründlichkeit methodisch Schritt für Schritt durchdacht worden: Wie sollte man etwa jemandem eine vergiftete Aspirintablette unterschieben, der keine Schmerzen hat? Ganz einfach: Man bietet ihm zunächst eine präparierte Zigarette an, die Kopfschmerzen auslöst.

Deutsche Tüftelei wiederum steckte in der Gürtelschnalle, hinter der sich eine Pistole verbarg: Auf Knopfdruck öffnete sich die Abdeckung mit dem Hakenkreuz und feuerte fünf Kugeln in den Bauch des Gegenübers.

Heute mögen Killer-Würste und als Kosmetik getarnte Massenvernichtungswaffen lächerlich wirken; doch nach den Worten von MI5-Historiker Christopher Andrew hatten die Alliierten Grund zur Sorge, dass die Nazis eine gefährliche Freischärler-Bewegung gegründet haben könnten. Britischen Soldaten im besetzten Deutschland war es jedenfalls unter Strafandrohung verboten, deutsche Lebensmittel zu essen oder deutsche Zigaretten zu rauchen.

Das Verbot war freilich leicht einzuhalten - mangels genießbarer deutscher Produkte. Schließlich taten sich die Deutschen selbst lieber an Cadbury und Lucky Strikes aus Besatzerhand gütlich.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1081149
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 05.04.2011/liv/mikö/odg
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.