bedeckt München

Nach Tod von Cecil:Hetzjagd auf den Löwenjäger

  • Nachdem er den Löwen Cecil getötet hat, bekommt ein amerikanischer Zahnarzt Hassschreiben und Morddrohungen.
  • Der Mann entschuldigte sich und behauptet, nicht gewusst zu haben, um welchen Löwen es sich handelte.
  • Von organisierten Jagden im südlichen Afrika lebt ein ganzer Geschäftszweig, sie beleben den Tourismus gesamter Regionen.

Von Laura Hertreiter

Die Hetze begann, als der Vorsitzende der Tierschutzorganisation Zimbabwe Conservation Task Force (ZCTF), Johnny Rodrigues, den 55-Jährigen beschuldigte, eine Raubkatze namens Cecil grausam hingerichtet zu haben. Gemeinsam mit einem anderen Jäger habe der Zahnarzt die Raubkatze nachts mit einem Köder aus dem Hwange-Nationalpark im Westen des Landes auf dessen Grundstück gelockt. Innerhalb des Parks ist die Löwenjagd verboten.

Der Zahnarzt habe dann mit Pfeil und Bogen auf Cecil geschossen, das Tier aber nicht erlegt. Erst vierzig Stunden später hätten die Jäger den Löwen wiedergefunden und getötet. Anschließend hätten sie ihn gehäutet und geköpft, berichtete Rodrigues. Er soll 50 000 Dollar, etwa 45 000 Euro, für seine Löwenjagd bezahlt haben, samt Schädeltrophäe.

Der amerikanische Zahnarzt ist ein erfahrener Jäger. Dutzende Bilder im Netz zeigen ihn mit Trophäen. Ein Elch, ein Lepoard, ein Rhinozeros. Keines davon hat bislang für Aufsehen gesorgt. Stattdessen ist er in der Szene für seine Treffsicherheit bekannt: 2009 erlegte er einen Elch mit einem Compoundbogen aus etwa 70 Metern Entfernung, heißt es in mehreren Foren. Der Telegraph zeigt ihn mit einem Rekord-Rhinozeros, das er offenbar mit Pfeil und Bogen erlegt hat.

Sein Name wurde gedruckt, getwittert, gepostet

Cecil allerdings war nicht irgendein Tier, er war offenbar nicht einmal irgendein Löwe. Das Tier mit der auffällig dunklen Mähne war bei Safaritouristen sehr beliebt, unter anderem, weil es nicht menschenscheu gewesen sein soll. Außerdem stand Cecil unter Beobachtung von Tierforschern, die ihm ein mit einem GPS-Sender versehenes Halsband angelegt hatten. Laut Rodrigues sollen die beiden Jäger vergeblich versucht haben, den Sender zu zerstören.

Nach dem Statement des Naturschützers wurde der Amerikaner nun selbst zum Gejagten. Dass er laut ZCTF angeblich wegen mutmaßlich illegaler Jagd gesucht wird, dürfte sein kleinstes Problem sein. Denn zugleich wurde sein Name in den vergangenen Tagen von empörter Presse und zornigen Privatleuten in dicken Buchstaben gedruckt, getwittert, gepostet, dazu immer wieder dasselbe Foto, das ihn triumphierend mit einem leblosen Löwen zeigt. In sozialen Netzwerken wurde er als Mörder beschimpft, satirische und wütende Beiträge rufen zur tödlichen Zahnarzt-Jagd auf.

"Ich hatte keine Ahnung"

Binnen kürzester Zeit entschuldigte er sich öffentlich. "Ich hatte keine Ahnung, dass der Löwe ein bekannter, lokaler Liebling war, ein Halsband trug und bis zum Ende der Jagd Teil einer Studie war", sagte er in den "Colorado News". "Meiner Kenntnis nach war alles an dieser Reise legal und wurde ordnungsgemäß gehandhabt und durchgeführt." Er habe professionelle Jäger beauftragt und alle nötigen Genehmigungen besorgt. Die Behörden in Simbabwe oder den USA hätten ihn noch nicht kontaktiert. "Ich bereue zutiefst, dass ich mit etwas, das ich liebe und dem ich verantwortungsvoll und gesetzestreu nachgehe, diesen Löwen getötet habe."

So sah Cecil im Jahr 2012 aus.

(Foto: AP)

Entschuldigung hin oder her: Die Hetzjagd geht weiter. Reporter haben sich vor seinem Haus und seiner Zahnarztpraxis positioniert, um "den Killer" abzufangen. Hochfrequent posten sie Bilder von seiner verlassenen Einfahrt, dem verlassenen Haus, den heruntergelassenen Jalousien. Mehrere Tierschutzorganisationen veröffentlichten Namen und Adresse und forderten Menschen zu Protestaktionen auf. Die Website der Zahnarztpraxis wurde offline genommen, auf dem Bewertungsportal Yelp wurde er als Besitzer so heftig beschimpft und diskreditiert, dass sich in nächster Zeit keine Patienten mehr blicken lassen dürften. Stattdessen legten wildfremde Menschen Plüschtiere, Rosen und Notizzettel mit Beschimpfungen vor der Praxis nieder.

Das erschreckende Ausmaß dieser Hetzjagd wird vor allem in den Zeilen deutlich, die der britische Reporter Piers Morgan in der Daily Mail veröffentlichte. Er ruft darin zu einer Jagd auf, in der "fette, schleimige, egoistische, mordende Geschäftsmänner" wie der Zahnarzt "in ihrer natürlichen Umgebung erlegt werden", und ergeht sich in detailreichen Fantasien, wie er Menschen wie ihn qualvoll töten würde.

Warum Hasstweets nichts ändern werden

Immer wieder stehen einzelne Jäger in der Kritik. Vor zwei Jahren löste eine amerikanische Fernsehmoderatorin weltweite Empörung aus, nachdem sie in Südafrika einen Löwen erschossen und mit ihrer Trophäe für Instagram-Fotos posiert hatte. Schon damals liefen der Zorn, die öffentlichen Beleidigungen, die Petitionen gegen sie ins Leere. Die Löwenjagd ist in vielen Ländern im südlichen Afrika mit entsprechenden Genehmigungen erlaubt, damals wie heute. Und ganz bequem buchbar: Bei Anbietern wie "Jagd Royal" etwa kann man sich mit wenigen Klicks Jagden auf Löwen, Büffel und Elefanten in Namibia, Tansania, Südafrika organisieren. Solange es diese Möglichkeiten gibt, wird es Menschen geben, die mit toten Löwen vor Kameras posieren.

Und selbst wenn die Petition Erfolg hat, in der bisher mehr als 130 000 Menschen Simbabwes Präsidenten Robert Mugabe auffordern, die Genehmigungen zur Jagd auf vom Aussterben bedrohte Tiere zu stoppen, wird nicht unbedingt alles besser. Von organisierten Jagden lebt ein ganzer Geschäftszweig, sie beleben den Tourismus gesamter Regionen. Und Verfechter sagen, die nachhaltige und selektive Jagd von Löwen schütze deren Bestand.

Lokale Gemeinschaften brauchen die Löwenjagd

Der Ansicht sind nicht nur Waffennarren, sondern auch der Präsident der Naturschutzorganisation "International Council for Game and Wildlife Conservation" (CIC), Bernard Lozé. Er sagt, ein generelles Jagdverbot sei von Nachteil, wie einige Beispiele aus Reservaten in Afrika zeigten: "Die Löwenpopulation im Waza-Nationalpark, im Norden Kameruns, steht kurz vor der Ausrottung, trotz eines jahrzehntelangen Jagdverbotes." Die größte Population Afrikas hingegen lebe in Tansania, wo die Jagd stets erlaubt war. In einer Stellungnahme weist der CIC darauf hin, dass es fragwürdig sei, wenn Tierschützer aus wohlhabenden Industriestaaten arme lokale Gemeinschaften um den Ertrag der Löwenjagd bringen.

Welche Meinung man auch immer zu den Jagdabenteuern reicher Touristen haben mag: Hasstweets, Plüschtiere, Tötungsfantasien werden daran nichts ändern. Und schon gar nicht, dass ein amerikanischer Zahnarzt, der sich öffentlich für seinen Fehler entschuldigt hat, nicht mehr in sein Haus zurückkann.

© SZ.de/ebri
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema