Nach Taifun "Haiyan" Internationale Hilfe auf Philippinen kommt in Gang

**BESTPIX** Relief Efforts Continue After Typhoon Haiyan's Destruction TACLOBAN, PHILIPPINES - NOVEMBER 12: An elderly lady and an injured man are carried to a waiting C130 aircraft during the evacuation of hundreds of survivors of Typhoon Haiyan on November 12, 2013 in Tacloban, Philippines. Four days after the typhoon devastated the region many have nothing left, they are without food or power and most lost their homes. Around 10,000 people are feared dead in the strongest typhoon to hit the Philippines this year. (Photo by Paula Bronstein/Getty Images) **BESTPIX**

Endlich treffen die ersten Helfer auf den Philippinen ein. Auch deutsche Organisationen wollen die Taifun-Opfer mit lebenswichtigen Gütern versorgen. Nun aber gefährdet ein neues Unwetter die Rettungsarbeiten - und Rebellen greifen einen Hilfskonvoi der Regierung an.

Die dringend erwartete Hilfe für Hunderttausende Taifun-Opfer auf den Philippinen kommt in Gang. Nun aber gefährdet ein neues Unwetter die Rettungsarbeiten. Die ersten Ausläufer von Tropensturm Zoraida erreichten die Basis der Hilfsorganisationen im Notstandsgebiet, die Stadt Tacloban auf der Insel Leyte, und brachten heftige Regenschauer mit sich. Die Versuche, mit Hilfsgüter in die von der Außenwelt abgeschnittenenen Gebiete vorzudringen, werden dadurch zusätzlich erschwert.

Sturm Zoraida zieht derzeit in Richtung Nordwesten, bliebe er auf der berechneten Bahn, zöge er Mittwoch und Donnerstag südlich am Katastrophengebiet vorbei. Von der zentralen Insel Cebu wurden wegen hohen Seegangs mehrere Fährüberfahrten abgesagt.

In Tacloban mussten Soldaten Hunderte Menschen zurückhalten, die in strömendem Regen auf das Rollfeld des Flughafens drängten, weil sie hofften, mit einer der Militärmaschinen aus dem Katastrophengebiet entkommen zu können. Eine Frau fiel in ihrer Verzweiflung schluchzend auf die Knie. Eine andere übermittelte ihrer Familie in Manila eine Nachricht über den Radiosender DZMM, weil sie ihre Liebsten anders nicht erreichen konnte. Sie hoffte auf einen Platz im Flugzeug. "Papa ist tot, aber uns geht es gut. Sorgt euch nicht, ich bin schon bei unserer Schwester und wir kommen aus Tacloban raus", sagte sie dem Sender.

Nordwestlich von Tacloban kam es zu einem Zusammenstoß zwischen Rebellen und einem Hilfskonvoi der Regierung. Die Rebellen wollten den Konvoi angreifen, der Hilfsgüter in die Provinzen Samar und Leyte bringt, sagte ein Armeesprecher. Die Kämpfe ereigneten sich auf der Hauptversorgungsroute in Richtung Samar, teilte das Militär mit. Präsidentensprecher Edwin Lacierda forderte die Rebellen auf, keine Helfer anzugreifen. "Dies ist eine Zeit der Solidarität mit den Betroffenen. Die Hilfsgüter gehen an sie. Greifen wir sie nicht an."

Trotz der großen Hilfsanstrengungen ist die Versorgung nach wie vor mangelhaft, Tausende Menschen leiden Hunger und Durst. "Die Probleme sind immens, das Gebiet ist riesig, aber wir tun alles Menschenmögliche", versicherte Innenminister Mar Roxas. 55 000 Nahrungsmittelpakete für Familien sollen jeden Tag verteilt werden.

USA schicken Flugzeugträger ins Katastrophengebiet

Immerhin läuft vier Tage nach dem Taifun Haiyan die internationale Hilfe auf Hochtouren. Die USA und Großbritannien schickten Kriegsschiffe zur Unterstützung der Rettungsmaßnahmen in die philippinischen Katastrophengebiete. Erste internationale Helfer erreichten am Montag mit Militärmaschinen mit ersten Hilfsgütern die besonders schwer getroffene Stadt Tacloban auf Leyte.

Nahrung und Trinkwasser im Katastrophengebiet werden knapp: Vor zerstörten Häusern füllt eine Frau ihre Flasche.

(Foto: REUTERS)

Beim Anflug wurde die Verwüstung in der Region sichtbar. "Jedes Dorf, jedes Gebäude ist entweder schwer beschädigt oder zerstört", sagte Marine-Corps-Brigadegeneral Paul Kennedy, der mit 90 Marineinfanteristen eintraf. Zuerst würden nun die Straßen freigeräumt, um weitere Hilfe zu ermöglichen. Mit 90 Soldaten an Bord starteten weitere US-Militärmaschinen von Japan aus in Richtung Philippinen.

In der Nacht zu Dienstag machte sich außerdem der US-Flugzeugträger USS George Washington aus Hongkong mit 5000 Marinesoldaten und mehr als 80 Flugzeugen und Hubschraubern auf den Weg, wie ein Pentagon-Sprecher in Washington sagte. Begleitet werde er von zwei Kreuzern und einem Zerstörer der US-Marine. Zwei weitere Schiffe seien bereits unterwegs. Die Besatzung soll die Verteilung der Hilfsgüter unterstützen. Auch ein britisches Kriegsschiff aus Singapur machte sich auf den Weg in die Krisenregion, kanadische Rettungskräfte brachen am Montagabend an Bord einer Militärmaschine auf, um die Bergungsarbeiten zu unterstützen.

Die US-Regierung kündigte zudem humanitäre Hilfe in Höhe von 20 Millionen Dollar (15 Millionen Euro) an, darunter 55 Tonnen Nahrungsmittel und Hygieneartikel. Eine erste Ladung zur Versorgung von etwa 10.000 Familien sei auf dem Weg. Deutschland stockt ebenfalls seine Soforthilfe um eine Million Euro auf. Das Geld geht an die deutschen Hilfsorganisationen, die Verletzten und Obdachlosen vor Ort helfen. Am Wochenende hatte die Bundesregierung bereits 500.000 Euro zur Verfügung gestellt.

Am Mittwoch wollen zudem das Deutsche Rote Kreuz (DRK) und das Technische Hilfswerk von Berlin aus Hilfsgüter zu den Taifun-Opfern auf die Philippinen schicken. Das Flugzeug soll vom Flughafen Schönefeld aus direkt in die schwer betroffene Region Cebu fliegen, hieß es in einer gemeinsamen Mitteilung. Es sei der erste Flug der beiden Organisationen nach dem verheerenden Taifun "Haiyan" von Deutschland aus, sagte eine DRK-Sprecherin am Dienstag. An Bord sollen Hilfsgüter sein wie Zelte, Kochutensilien, Hygieneartikel und Trinkwasseraufbereitungsanlagen.

Eine starke Spendenbereitschaft verzeichnen derweil die Hilfsorganisationen in Deutschland. Diese sei "sehr groß", sagte ein Sprecher von Caritas International am Dienstag. Ähnlich äußerte sich ein Sprecher des UN-Kinderhilfswerks UNICEF. Die Bereitschaft zu spenden sei dem ersten Eindruck nach mit jener nach anderen großen Naturkatastrophen wie dem Erdbeben auf Haiti 2010 zu vergleichen.

Bewohner beklagen Gewalt und Plünderungen

Die Helfer in Tacloban berichten von apokalyptischen Zuständen: "Alles ist zerstört, die Straßen unpassierbar, es gibt keinen Strom", sagte US-Brigadegeneral Kennedy. Einwohner der Stadt riefen verzweifelt nach Lebensmitteln und nach Schutz vor Gewalt und Plünderungen. Mehr als 500 philippinische Soldaten und Polizisten trafen in Tacloban ein, um die Gewalt einzudämmen, wie ein Militärsprecher bekanntgab. Rebellen sollen einen Hilfskonvoi auf dem Weg nach Tacloban überfallen haben, meldet die Nachrichtenagentur AFP. Die Regierung verhängte zudem eine nächtliche Ausgangssperre und richtete Kontrollpunkte in der Stadt ein.

Nach Angaben des Bürgermeisters von Tacloban, Alfred Romualdez, wurden in Tacloban bislang 250 Leichen geborgen. Die Schuttberge erschwerten die Suche nach weiteren Opfern, sagte er dem Sender CNN. Viele Tote würden auch noch in umliegenden Dörfern vermutet. Über die Gesamtzahl der Todesopfer gibt es nach wie nur Schätzungen. Offiziellen Angaben wird sie vorläufig auf 1780 beziffert, insgesamt ist jedoch mit weit mehr zu rechnen. Ein Polizeichef hatte die Zahl von 10.000 genannt, die Regierung wollte sich jedoch nicht auf Spekulationen einlassen. Einem UN-Experten zufolge ist zu befürchten, dass etwa 660.000 Menschen obdachlos geworden seien. Man müsse "mit dem Schlimmsten rechnen", sagte ein Sprecher des UN-Büros für die Koordinierung der Hilfseinsätze (OCHA) in New York.

Unterdessen wurden die Mobilfunknetze in der betroffenen Region teilweise wiederhergestellt. Auf Strom werden die Menschen hingegen noch mindestens zwei Monaten warten müssen, sagte Energieminister Jericho Petilla im Fernsehen. Zu viele Strommasten seien umgestürzt. Weil auch Tankstellen von den verheerenden Winden zerstört wurden, musste der Benzinverkauf auf der Insel Leyte rationiert werden.