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Nach Silvester in Köln:Werden die stolzen deutschen Männer auch geflohene Frauen schützen?

Ich bin vor radikalen Muslimen nach Deutschland geflüchtet. Seit Köln fürchte ich mich auch hier. Dabei kann sich die Furcht vor Flüchtlingen irgendwann gegen mich wenden.

Gastbeitrag von Meera Jamal

Es war an einem kalten Januarabend, ich saß in einem Eiscafé und starrte auf den Fernseher an der Wand. Die Nachrichten, die da kamen, jagten mir Schauer über den Rücken. Mein drei Jahre alter Sohn widmete sich seiner Schokoladen-Crêpe und merkte nichts. Mein Mann fragte mich Dinge, die ich kaum verstehen konnte. Ich befand mich in einem Schockzustand. Der Bildschirm, den die meisten Leute um uns herum gar nicht beachteten, zeigte Bilder von einer Schießerei in Paris. Ein Mann wurde von der Polizei getötet, als er auf einen Polizeiposten zurannte und dabei rief: "Allahu Akbar".

Ohne mir dessen bewusst zu sein, sah ich um mich, wie die Leute in dem Café wohl reagieren würden. Schaute jemand misstrauisch nach uns? Niemand schien sich für das alles zu interessieren. Eine Frau am Nebentisch blickte auf meinen Sohn und sagte, er habe so schöne große Augen. Ich dankte der Frau und fragte mich, ob nicht gerade diese Augen und der Charme, den er ausstrahlt, eines Tages für ihn zum Problem werden könnten.

Die Autorin

Meera Jamal, 33, pakistanische Journalistin, schrieb für die englischsprachige Zeitung Dawn in Pakistan vor allem über Menschenrechte. Seit 2008 lebt sie in Deutschland.

Seit Köln schwindet das Gefühl der Sicherheit. Wie in Pakistan

Das geschah kurz nach den Ereignissen in der Silvesternacht von Köln, die mich seither nicht mehr loslassen. Egal wie man diese Ereignisse auch nennen mag, ich fühle mich seither weniger sicher unter dem beharrlichen, prüfenden Blick der arabisch aussehenden Männer, die in jüngster Zeit neu in die Stadt gekommen sind.

Irgendwie erinnert mich das daran, wie ich mich in Pakistan gefühlt habe, unwohl und verletzlich. In Pakistan - einem islamischen Land, in dem die Scharia Verfassungsrang hat - ist außerehelicher Sex verboten und strafbar. Trotzdem wurden drei von fünf Frauen in dem Land schon einmal in der Öffentlichkeit begrapscht oder anders sexuell belästigt. Es ist noch nicht lange her, dass eine Frau vier Zeugen benennen musste, wenn sie den Vorwurf erhob, vergewaltigt worden zu sein.

Sexhungrige barbarische Männer erregen sich in pakistanischen Moscheen ganz offen, wenn von den "Jungfrauen" die Rede ist, die ihnen nach dem Tod zufallen, an der lebhaften Beschreibung ihrer Brüste, Haare und ihrer Haut. Sie rechtfertigen sich damit - ganz ähnlich wie arabische Männer -, dass eine Frau, die ihr Haus verlässt, "wünscht", vergewaltigt zu werden. Sie möchte Männer verführen. Wenn sie Jeans trägt, knappe Kleidung oder Kleidung, die Haut freilässt, ist das eine Einladung zum Sex.

In Deutschland erfuhr ich als Frau Respekt und Vertrauen

Ich kann gar nicht sagen, wie erleichtert und im Frieden mit mir selbst ich war, als ich nach Deutschland kam. Plötzlich konnte ich ausgehen und die ganze Nacht in der Disco feiern, wenn ich wollte. Ich konnte um 5 Uhr morgens heimkommen und musste mir keine Gedanken darüber machen, was die Leute denken. Als Frau hatte ich noch nie den Respekt und das Vertrauen erlebt, die ich hier spürte.

Aber Vorfälle wie die in der Silvesternacht nähren die Furcht vor einer Rapefugee-Krise. Ich fürchte mich vor arabisch aussehenden Männern und bin mir gleichzeitig schmerzhaft bewusst, dass die Situation und die Welle der Furcht vor Flüchtlingen sich gegen uns wenden können.

Ich frage mich, ob angesichts des Hasses und der Furcht noch wahrgenommen wird, dass ich mit den Tätern nichts gemein habe als, bis zu einem gewissen Grad, meine Hautfarbe. Doch diese Hautfarbe und mein Status als Flüchtling geben mir Grund genug, um mich zu fürchten vor dem, was noch kommen mag.

Auf der anderen Seite werde ich von Leuten aus meiner Heimat verurteilt, weil ich eine Atheistin und eine Verräterin am islamischen System bin. Kann ich das alles jedermann erklären?

Die Nachbarn fürchten sich vor einem Insektennetz

Kurz nach den Anschlägen von Paris kam eine alte Nachbarin vorbei, um uns Folgendes zu erzählen: Die Frau im Haus nebenan habe ihr berichtet, wie sehr sie sich fürchte, weil sie eine schwarze Flagge in unserem Fenster gesehen hatte. Wegen unserer Hautfarbe waren wir eindeutig Muslime und wollten mit unserer "schwarzen Flagge" jemandem eine Botschaft übermitteln. Die schwarze Flagge war in Wirklichkeit ein Netz, das die Küche vor Insekten schützen sollte.

Unsere Nachbarin, die ein wenig zerstreut ist, hatte vergessen, dass wir Atheisten sind, und fragte sorgfältig nach, was wir über die Anschläge von Paris dachten. Erst als sie unseren Horror und unsere Abscheu ob der Ermordung von Zivilisten erfahren hatte, war sie zufrieden und ging.

Ich weiß, unsere Nachbarin ist eine Schwatzbase und trägt ihr Herz auf der Zunge. Aber plötzlich betrifft es mich, was andere Leute über mich sagen. Ich weiß nicht, was ich mehr fürchten soll - die Gegenwart so vieler Flüchtlinge, die zu einer Religion gehören, vor der ich davongerannt bin, um mein Leben zu retten. Oder das wachsende Unbehagen in der Gesellschaft über Flüchtlinge im Allgemeinen.

Die Rechte schafft Ausreden für Gewalt

Noch verstörender ist das, was die deutsche Rechte tut: Sie destabilisiert die Lage in der Gesellschaft und schafft Ausreden für Gewalt. Angriffe auf Flüchtlinge kamen noch nie so häufig vor wie nach den Silvesterereignissen. Deutsche Männer (Rechte, Pegida, AfD, NPD und überdrehte Jugendliche), die auf den Straßen patrouillieren, machen die Sache nicht besser.

Werden geflüchtete Frauen und Kinder den Preis zahlen für die Verfehlungen einiger weniger männlicher Mit-Flüchtlinge? So ist es in Stockholm geschehen. Werden die stolzen deutschen Männer auch Frauen und Kinder schützen, wenn diese Flüchtlinge sind?

Eine große Paranoia hat sich in den Köpfen sowohl der Flüchtlinge als auch der Einheimischen festgesetzt. Einer fürchtet den anderen und umgekehrt. Das Gefühl der Unsicherheit wächst, Gerüchte schüren das Feuer.

Es stimmt, der riesige Zustrom von Flüchtlingen ist eine große Krise, und auch ich wusste zunächst nicht, was ich dazu sagen sollte. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Menschenleben in Gefahr sind. Journalisten und Menschenrechtler, Frauen und Kinder aus Iran, Irak, Saudi-Arabien, Syrien, Bangladesch, Pakistan und vielen afrikanischen Ländern, die vor Verfolgung, Todesstrafe und Gefängnis in ihrer Heimat geflüchtet sind, müssen in ihrer Heimat die Hölle fürchten (oder gleich den Tod). Es wäre besser, wenn der Zustrom der Flüchtlinge und das System ihrer Integration besser kontrolliert würden. Recht und Ordnung müssen gewahrt bleiben.

Mit all den Kriegen im Nahen Osten und in Asien ist die Welt ein fruchtbarer Boden geworden für Terroristen und Hassprediger. Rassismus erodiert ganz unverhohlen die Vorstellungen von Moral. In der Hoffnung, dass nicht der Hass Deutschlands Gesicht zeichnet, wünsche ich mir, dass die Politik das vorherrschende Unbehagen in der deutschen Gesellschaft besser angeht, als sie es bisher getan hat.

Meera Jamal, 33, pakistanische Journalistin.

© SZ vom 23.02.2016/jly
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