bedeckt München
vgwortpixel

Nach Säureanschlag auf Bolschoi-Ballettchef:Verätzt, nicht zerstört

Sergej Filin, Ballettchef am Moskauer Bolschoi-Theater

Sergej Filin im Uni-Klinikum in Aachen: Hier sollen Spezialisten den Chef des Moskauer Ballett-Ensembles nach einem Säureanschlag fit für die Rückkehr machen.

(Foto: REUTERS)

Sergej Filin, der schwerverletzte Chef des Moskauer Bolschoi-Balletts, hat in der Universitätsklinik Aachen seine Rückkehr angekündigt. Wer hinter dem Säureanschlag auf seine Person steckt, will er nicht sagen. Aber er habe da eine Liste von Verdächtigen.

Die Ärzte sind schon da, der Oberarzt der Augenklinik im weißen Kittel, der Direktor der plastischen Chirurgie im Anzug. Stehend warten sie auf den Stargast der Pressekonferenz, ihren "prominentesten Patienten", wie der Klinik-Vorstand ihn später vorstellt. Sergej Filin, Ballettchef des Bolschoi, Opfer einer Säure-Attacke. Wären sie jetzt in Moskau, und nicht in der Universitätsklinik Aachen, die drei Ärzte würden wohl einem Heer von Journalisten gegenüberstehen. Doch auch hier schauen sie in ein gutes Dutzend Kameras.

Dann kommt der Star. Eine Dolmetscherin führt ihn durch den Nebeneingang herein, mit der freien Hand tastet sich Filin am Redepult vorbei durch den schmucklosen grün gestrichenen Hörsaal. Der schmale Mann bewegt sich vorsichtig, aber aufrecht. Den schwarzen Schal hat er hochgezogen bis über die Ohrläppchen, wo er an die schwarze Wollmütze stößt, die Filin weit ins Gesicht reicht. Den Rest verdeckt größtenteils die schwarze Sonnenbrille. Als später während der Konferenz der Schal etwas verrutscht, winkt aufgeregt ein Assistent, bis alles wieder vermummt ist. Die Kameras sollen keine Bilder eines entstellten Ballettstars festhalten.

"Ich habe den Willen, das, was man mir genommen hat, zurückzuholen"

Sie sollen einen positiv eingestellten, angriffslustigen Filin filmen, der die Mediziner lobt, mit ihnen scherzt und wie ein Pantomime der internationalen Presse das morgendliche Ritual mit seinem Augenarzt vorspielt. Das Spiel heißt: "Wie viele Finger halte ich hoch", ein Test der Sehkraft. Am Schluss reckt der Stargast den Daumen hoch. "Wir sind auf einem guten Weg", sagt er.

Die Nachricht dieses Tages lautet: Sergej Filin will zurück. Zurück ans Bolschoi. "Ich habe große Kraft und großen Willen, das, was man mir unrechtmäßig genommen hat, zurückzuholen", sagt er. Und vermutlich kann er sogar zurück, zumindest aus medizinischer Sicht. Es werde zwar eher noch Monate als Wochen dauern, sagt Martin Hermel, Oberarzt der Augenklinik. Seine Prognose ist aber, dass Filin "eine Sehschärfe erhalten" wird, "die es ihm erlauben wird, zu seinem Beruf zurückzukehren". Zu einem der angesehensten Berufe Russlands, der so viel Ehre wie Feinde mit sich bringt.

Einer dieser Feinde plante wohl die Attacke auf Filin an jenem späten Januarabend, als ein vermummter Mann ihm ein Glas Säure ins Gesicht schüttet und dabei Haut und Augen verätzt. Vielleicht könne er nie wieder sehen, fürchten die Moskauer Ärzte zunächst. Mitte Februar verlässt Filin die Stadt, um sich in Aachen behandeln zu lassen.

Der Ballett-Krimi geht weiter

In Moskau geht derweil der Ballett-Krimi weiter. Und er wird immer verworrener. Anfang März werden drei Männer verhaftet, darunter Pawel Dmitrischenko, ein bekannter Solotänzer am Bolschoi; zuletzt spielte er pikanterweise Iwan den Schrecklichen. Er soll die beiden anderen zwei Verdächtigen mit dem Attentat beauftragt haben. Einer davon hat bereits gestanden, dass er das Säureglas gehalten habe.

Und Dmitrischenko? Erst gesteht er: "Ich habe den Angriff organisiert. Aber nicht in dem Maße, wie er verübt wurde." Später widerruft er. Auch Filin äußert sich dazu widersprüchlich, vermutet zunächst, dass andere die Fäden gezogen haben. Und sagt jetzt - ohne Namen zu nennen -, dass der mutmaßliche Täter, der gerade verdächtig werde, auch zu seiner privat aufgestellten Liste der Verdächtigen gehöre.

Filins Kollegen in der Heimat sehen das offenbar anders. Obwohl sie Dmitrischenko als aufbrausend kennen, trauen sie ihm den feigen Anschlag offenbar nicht zu. 300 Mitarbeiter des Theaters sollen einer russischen Nachrichtenagentur zufolge einen Brief an Präsident Wladimir Putin unterschrieben haben, in dem sie sich mit Dmitrischenko solidarisieren. Er wisse nichts von diesem Brief, sagt Filin. Er selbst bekomme aber jeden Tag Briefe von Kollegen aus dem Theater, die ihm Glück wünschen.

Ein Ballettchef am Bolschoi macht sich schon qua Jobbeschreibung Feinde, Neider, frustrierte Tänzer, die nicht die erträumte Rolle bekommen haben. So wie Angelina Woronzowa, Ehefrau von Dmitrischenko. Sie wollte die Schwanenprinzessin tanzen. Filin lehnte ab, riet ihr, künftig bei einer Frau zu trainieren, um weiter zu kommen. Pikant, denn bisher ist Nikolai Tsiskaridze Woronzowas Lehrer - ein Erzfeind Filins, der keinen Hehl daraus macht, dass er selbst gerne Ballettchef wäre.

Von der Innenseite des Arms wurden Hautzellen ins Gesicht transplantiert

Filin könnte aber auch in höheren Etagen angeeckt sein. Das Bolschoi steht für das traditionelle russische Ballett, Schwanensee. Nussknacker, Dornröschen, die Klassiker Tschaikowskis sind Teil der nationalen Identität. Und Filin? Hat internationale Tänzer und moderne Choreografen nach Moskau geholt, und so Ängste vor einer Verwestlichung geschürt. In seiner Abwesenheit haben die Chefs des Bolschoi Filins Stellvertreterin einen künstlerischen Beirat aus alten Ballettgrößen zur Seite gestellt. Es geht bereits die Frage um in Moskau, ob dieser in Zukunft auch die Arbeit Filins überwachen soll. Falls er zurückkehrt.

In Aachen beschreibt der plastische Chirurg, wie er Hautzellen vom Oberarm des Tänzers in dessen Gesicht transplantiert habe: von der Innenseite des Arms natürlich, damit keine Narben zu sehen sind. Wie weit die Narben im Gesicht heilen, könne man noch nicht sagen. Der Augenarzt erzählt, wie die Säure Filins Lieder, die Oberfläche beider Augen, und auch die tiefere Augenstruktur verätzt hat. Filin hört ruhig zu. Als er kurz mit einem Taschentuch die Wangen am Rand der Brille abtupft, klicken die Kameras wie wild.

Er habe keine Angst zurückzukehren, sagt Filin. "In Russland gibt es eine Redewendung: Die Furcht hat große Augen. Meine Augen sind nicht in diesem Zustand." Scherze gehören heute zu seiner Choreografie, von der er nicht abweichen möchte. Zum Schluss sagt er noch, dass er sich freue, dass die Aufführungen in Moskau weitergehen: "Den Applaus dafür höre ich auch hier in Aachen."