Süddeutsche Zeitung

Nach Prozess um King of Pop:Die Jackson-Maschine läuft

Michael Jacksons früherer Leibarzt Murray hat Berufung gegen die Haftstrafe eingelegt, die er wegen fahrlässiger Tötung des King of Pop absitzen soll. Das System Jackson wirft nach dem Prozess indes Million um Million ab. Und auch der frühere hessische Manager des Popstars verspricht sich neuen Reichtum.

Vier Jahre lang soll Conrad Murray ins Gefängnis. Weil er den Tod des King of Pop mitverschuldet hat, Michael Jackson, der ihn für seine Dienste mit Hunderttausenden Dollar fürstlich entlohnte, in eine Bewusstlosigkeit gespritzt haben soll, aus der dieser nie wieder aufwachte. Vergangene Woche hatte ein Gericht in Los Angeles das Strafmaß für die fahrlässige Tötung bekanntgegeben. Am Freitag legte der 58 Jahre alte Mediziner Medienberichten zufolge Berufung gegen die Entscheidung ein. Das Promi-Portal tmz.com berichtete, Murray werde derzeit von keinem Anwalt vertreten. Vor zweieinhalb Jahren noch war Murray dem Weltruhm ganz nahe, jetzt ist er alleine. Das System Jackson hat ihn ausgespuckt und läuft ohne ihn weiter.

Michael Jackson: Ein Exzentriker mit kindlichem Gemüt, der gemeinsam mit Geschäftspartnern, Bekannten und Fremden im Phantasiekosmos der Neverland Ranch residierte. Der sich in den letzten Jahren seines Lebens mehr und mehr umringt sah von Neidern, gierigen Managern, Menschen, die ihm Böses wollten und, ja, ihm sogar den Tod wünschten. Wie viel Wahres an diesen Verdächtigungen ist, bleibt offen, aber derart beschreiben Weggefährten den paranoiden Seelenzustand des King of Pop. Weggefährten wie Dieter Wiesner.

Der Mann aus der hessischen Provinz lernte Jackson Mitte der neunziger Jahre über einen Energydrink mit Pfirsichgeschmack kennen, den er mit Hilfe des Sängers vermarkten wollte. Der Deal scheiterte zwar, doch für Wiesner wurde in einem Münchner Luxushotel der Groupie-Traum schlechthin Wirklichkeit: Er wurde aufgenommen in den Zirkel der engsten Jackson-Vertrauten, begleitete ihn 1996 und 1997 auf der HIStory Tour, lebte zeitweise sogar bei ihm auf der Neverland Ranch in Kalifornien. 2002 machte ihn Jackson zu seinem Manager. In Wiesners Büro in Rodgau bei Frankfurt zeugen zahlreiche Erinnerungsstücke und viele Stunden aufgezeichnete Telefonate von der ungleichen Freundschaft.

Jetzt, pünktlich zum Weihnachtsgeschäft - und wohl nicht nur aus uneigennützigen Motiven der Trauerbewältigung - hat Wiesner ein Buch über Jackson herausgebracht. Es enthält ein Vorwort von Jacksons Mutter Katherine und trägt den hochtrabenden Titel Michael Jackson - Die wahre Geschichte. Ob das Werk dieses Versprechen einhalten kann, darf allerdings stark bezweifelt werden. Es ist vielmehr eine Geschichte, und zwar eine, die davon handelt, wie ein Mann in den Bann des ganz großen Ruhms gezogen wird.

Neben der Idealisierung des Sängers Jackson, der Wiesners Neffen persönlich Geschenke macht, der in kleinen Fluchten aus dem goldenen Käfig auf Parkplätzen vor Pizzabuden Erfüllung findet, lässt sie keinen Raum für andere Sichtweisen, etwa auf den Missbrauchsprozess gegen Jackson 2003. Mit der Anklage, unter anderem wegen sexueller Nötigung und Verschwörung, begann der tiefe Fall des erfolgreichsten Musikers aller Zeiten.

Doch vom "großen Polizeiübergriff" bis zum Freispruch 2005: Für Wiesner war der Prozess gegen Jackson nur das Finale einer Kampagne gegen das große Genie: "Wie beim Zurückspulen eines Films sah ich diverse Ereignisse in einem Zusammenhang, in einer folgerichtigen Logik, die ein einziges Ziel zu haben schien", schreibt Wiesner, "Michael fertigzumachen, ihn nicht in Ruhe zu lasssen, ihm sein neues Leben nicht zu gönnen."

Gewinn mit allen - pharmazeutischen - Mitteln

Wiesner selbst wurde etwa zu dieser Zeit im Zuge einer Systemerneuerung aus der Jackson-Maschine entfernt, ersetzt zunächst durch Mitglieder der dubiosen Sekte Nation of Islam, später durch die mächtigen Manager des Unterhaltungskonzerns Anschutz Entertainment Group (AEG) - und eben Conrad Murray. Sie arbeiteten - wohl gegen den Willen des durch die Prozesskosten so gut wie bankrotten Sängers - fieberhaft an dessen Comeback, mit allen, auch pharmazeutischen Mitteln. Das System Jackson lief immer weiter.

Ein System, in dem auch der selbsterklärte Chefkritiker Wiesner eine zweifelhafte Rolle spielte: 2005 strengte Wiesner eine Klage gegen Jackson an, die zwei Jahre später mit einer Millionen-Abfindung endete. Im April berichtete der Spiegel dann von Ermittlungen gegen Jacksons Ex-Manager: Er soll sich dem Magazin zufolge des Betrugs in Millionenhöhe verdächtigt gemacht haben - auch gegen den King of Pop höchstselbst. Von derlei Zwistigkeiten ist in der "wahren Geschichte" Wiesners indes keine Zeile zu lesen.

Die Jackson-Maschine jedenfalls läuft wie geschmiert. Nicht zuletzt der medienträchtige Prozess, in dem sie sich Murrays entledigte, hat ihr neuen Treibstoff geliefert. Und sie beschert denen, die Teil von ihr sind, nicht nur eigene TV-Präsenz - so absolvierten seine Kinder Blanket, Prince und Paris kürzlich einen Gastauftritt in der Castingshow X-Factor - sondern auch Million um Million: Laut dem US-Magazin Forbes verdiente Michael Jackson mit Einnahmen von 170 Millionen US-Dollar im vergangenen Jahr besser als anderen verstorbenen Musiker - und besser als alle lebenden, mit Ausnahme der Band U2. Das System hat gewonnen.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1226517
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
sueddeutsche.de/lala
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.