Süddeutsche Zeitung

Nach Gruppenvergewaltigung in Indien:Studentin erliegt ihren schweren Verletzungen

Lesezeit: 4 min

Zwölf Tage nach ihrer Vergewaltigung ist die 23-jährige Inderin im Krankenhaus gestorben, sie erlag einem Organversagen. Die sechs mutmaßlichen Täter werden jetzt wegen Mordes angeklagt. In Indien hat die Tat heftige Proteste ausgelöst. Denn es sind auch Indiens gesellschaftliche Strukturen, die sexuelle Übergriffe begünstigen und Opfer mundtot machen..

Von Felicitas Kock und Matthias Kohlmaier

Zwölf Tage nach der Vergewaltigung durch sechs Männner in Delhi ist die bei der Tat schwer verletzte 23-jährige Inderin gestorben. Die Studentin erlag ihren schweren Verletzungen, wie das behandelnde Krankenhaus in Singapur am mitteilte.

Wenige Stunden nach ihrem Tod wurde die Anklage gegen die sechs inhaftierten Verdächtigen auf Mord ausgedehnt. Den Männern drohe bei einer Verurteilung die Todesstrafe, erklärte Polizeisprecher Rajan Bhagat in Delhi.

Das Verbrechen vom 16. Dezember 2012 hatte Massenproteste im ganzen Land ausgelöst: Die junge Frau steigt in Delhi mit ihrem Begleiter zu einer Gruppe von Männern in einen Privatbus. Die Männer verprügeln die 23-Jährige mit einer Eisenstange, vergehen sich an ihr. Auch ihr Begleiter wird brutal zusammengeschlagen - nach dem Martyrium werfen die mutmaßlichen Täter ihre Opfer aus dem fahrenden Bus.

Anderthalb Wochen kämpfte die Frau ums Überleben, aufgrund ihrer schweren Verletzungen wurde sie in ein Krankenhaus in Singapur gebracht. Die Patientin habe einen Herzstillstand sowie schwere Hirnverletzungen erlitten, teilte das Mount-Elizabeth-Krankenhaus mit. Zudem seien schwere Entzündungen in Lunge und Unterleib diagnostiziert worden. Nun erlag die Studentin einem schweren Organversagen, wie das behandelnde Krankenhaus mitteilte. "Wir bedauern sehr, bekanntzugeben, dass die Patientin um 04.45 Uhr (Ortszeit) am 29. Dezember 2012 friedlich von uns gegangen ist", erklärte der Chef des Mount-Elizabeth-Hospitals. Die Angehörigen der Patientin seien in der Todesstunde zugegen gewesen. Das Personal beklage mit den Hinterbliebenen den schweren Verlust.

Die Proteste in Indien halten an

Die Protestierenden im Heimatland des Vergewaltigungsopfers sind währenddessen noch nicht zur Ruhe gekommen. Die vorwiegend jungen Menschen demonstrieren gegen das Ausmaß der Gewalt und werfen den Behörden vor, nicht genügend gegen sexuelle Übergriffe zu unternehmen. Tatsächlich gibt es in Indien kein Gesetz, das sexuelle Belästigung oder Nötigung unter Strafe stellt - nur wenn es zum Geschlechtsakt kommt, wird das als Vergewaltigung gezählt und dementsprechend geahndet.

Ein kleines Mädchen wird aus dem eigenen Elternhaus entführt und in den folgenden zwölf Tagen von mehreren Männern vergewaltigt; eine Zweijährige wird sexuell missbraucht und stirbt in der Klinik an ihren Verletzungen. Auf der Internetseite der Times of India finden sich täglich neue Berichte über sexuelle Gewalt. Allein an den beiden Weihnachtsfeiertagen gibt es bei der größten englischsprachigen Zeitung Indiens Artikel zu sieben Vergewaltigungen - und das, obwohl nur die wenigsten Fälle an die Öffentlichkeit gelangen.

Wenn es um die Lebensqualität von Frauen geht, sieht eine Studie das Land, das sich gern als "größte Demokratie der Welt" bezeichnet, nur auf dem letzten Platz unter den G-20-Staaten. In Indien würden Frauen nach wie vor als Sklaven verkauft, bereits im Kindesalter verheiratet und ausgebeutet, heißt es in einem Text zur Studie.

Hierarchien und Korruption

Begünstigt wird Gewalt gegen Frauen auch durch das hierarchische Kastensystem. "Wer in eine der unteren Kasten geboren wird, hat einfach keine Stimme", sagt Ulrich Demmer, Ethnologieprofessor an der Ludwig-Maximilans-Universität München. Kaum ein Polizist würde in Indien gegen einen Mann ermitteln, der einer hohen Kaste angehört, wenn eine Frau niederen Standes ihn der Vergewaltigung bezichtigen würde - selbst dann nicht, wenn sie Beweise vorbringen könnte.

"Deshalb kommt es nach wie vor nur selten zu einer Anzeige", sagt Demmer, auch wenn sich die Zahl der Anzeigen in den vergangenen Jahrzehnten bereits vervielfacht hat. Die Chancen auf eine tatsächliche Verurteilung des Täters seien wegen des extrem hierarchischen und korrupten gesellschaftlichen Systems äußerst gering. Die deutliche Mehrheit der Vergewaltigungsfälle bleibe daher ungeahndet - und damit auch von der Öffentlichkeit unbemerkt.

Auch das Heiratssystem erleichtert Gewalt gegen Frauen. Die Braut heiratet in Indien traditionell in die Familie des Mannes ein, was bedeutet, dass sie ihr eigenes Zuhause verlässt. Dadurch entsteht eine starke Abhängigkeit von der Familie des Ehemannes. Wendet sich eine verheiratete Frau wegen des sexuellen Übergriffs eines Familienangehörigen an die Polizei, ist die Schmach für die Frau und ihre neue Familie groß - für viele zu groß.

Vergewaltigung ist in Indien bislang ein Tabuthema. "Die Frau ist in der indischen Gesellschaft grundsätzlich hoch angesehen", erläutert Demmer. Das zeige sich schon in der Religion, wo es nicht nur männliche Götter gebe, sondern auch viele weibliche. Ebenso in der Arbeitswelt: Zahlreiche Positionen, von der Ärztin über die Polizistin bis zur ranghohen Politikerin, seien mittlerweile mit Frauen besetzt. In Pratibha Patil hatte Indien von Juli 2007 bis Juli 2012 auch eine weibliche Präsidentin.

Eine Grenze wurde überschritten

Frauen gelten laut Demmer als Schützerinnen und Behüterinnen, kaum jemand würde etwa seiner Mutter offen widersprechen. "Wenn jemand eine fremde Frau im Gedränge auf der Straße aus Versehen berührt, ist ihm das normalerweise total peinlich", sagt der Dozent. Dass es nach der "für indische Verhältnisse unglaublich dreisten" öffentlichen Vergewaltigung nun zu Massenprotesten komme, erscheint ihm nicht weiter verwunderlich.

Eine Grenze sei hier überschritten worden. Es ist die schmale Grenze zwischen sexueller Gewalt, die im Verborgenen stattfindet und einer öffentlichen Vergewaltigung. Zwischen millionenfachen sexuellen Belästigungen in öffentlichen Verkehrsmitteln, über die viele Inderinnen klagen, und der lebensgefährlichen Verletzung einer Frau, die nun zu ihrem Tod geführt hat.

"Was hier gerade passiert, könnte durchaus etwas bewirken", sagt Demmer. Die Menschen, die jetzt gegen die Gewalt auf die Straße gehen, gehören hauptsächlich zur gebildeten Mittelschicht. Es sind Studenten, junge Intellektuelle, die sich für die Rechte der Frauen stark machen. Laut Demmer sind die Demonstrationen in Delhi auch Zeichen einer wachsenden Zivilgesellschaft. "Viele wünschen sich mehr Teilhabe". Von elitären Schichten bevormundet zu werden, sei für immer mehr Inder nicht mehr tragbar. So könnten durch die aktuelle Debatte nicht nur Frauenrechte gestärkt werden, sondern auch Mitwirkungsrechte insgesamt.

Härtere Gesetze und höhere Strafen für Gewalttäter, wie sie jetzt von den Demonstranten gefordert werden, könnten ein erster Schritt sein, um aus dem Tabuthema sexuelle Gewalt ein Thema zu machen, über das man spricht. Ob es tatsächlich gelingt, Opfern eine Stimme zu geben und was das für die Vergewaltigungsstatistiken des Landes bedeutet, wird sich jedoch erst langfristig zeigen.

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