Nach dem Tod des Streitschlichters Daniel S. Aufrufe zur Lynchjustiz in den sozialen Netzen

Nichts ist in einer solchen Gemengelage asozialer als die Hetzer in sozialen Netzwerken. Sie bringen es fertig, dass ein Toter gegen Vorwürfe verteidigt werden muss, gegen die er sich als Lebender nie zu wehren brauchte. Im Falle des Todes von Daniel S. hat das Internet als schneller Brüter für Vorurteile, als Katalysator für Hetze und Propaganda, als Echtzeit-Verleumdungsmaschine ganze Arbeit geleistet.

Journalisten, die den ermittelnden Staatsanwalt mit den Worten zitierten, die Nationalitäten von Tätern und Opfer hätten keine Rolle gespielt, wurden als Lügenpresse beschimpft. Diejenigen, die sich dagegen wehrten, dass Rechtsextreme das Tötungsdelikt instrumentalisierten und als beispielhaft für eine "Deutschenfeindlichkeit" hinstellten, wurden persönlich bedroht. Wie Bürgermeister Lemmermann und Gemeinderat Bovenschulte. Wie Pastor Tietz, der angesichts der Tat und ihrer Nachbearbeitung im Internet eine "Abscheulichkeit, die ich kaum aushalten kann" in sich aufsteigen fühlt.

In den "sozialen Netzwerken" fanden sich so viele Aufrufe zur Gewalt bis hin zu Lynchjustiz, dass die Stadt Weyhe eine weitere geplante "Gedenkkundgebung" neben ihrer eigenen am Samstag und eine Demonstration der NPD am Sonntag verbot. Das von den Antragstellern bemühte Verwaltungsgericht in Hannover ließ die Verbote bestehen.

Es kann kein stilles Gedenken geben an diesem Samstag. Wie auch, wenn man den Eindruck hat, jedes zweite Fahrzeug, das durch Weyhe fährt, sei ein Mannschaftswagen der Polizei. Wenn Autofahrer auf der Einfallstraße in Höhe des Supermarkts durch einen engen Hütchenparcours geschleust werden, damit die Beamten beim Passieren des Engpasses das Nummernschild lesen und einen Blick in den Wagen werfen können. Zwölf polizeibekannte Neonazis werden abgefangen und müssen wieder umkehren. Wenn sich Rechtsextreme unter die Trauernden mischen und AntiFa-Gruppen Flugblätter verteilen. Wenn Salafisten, als die sie die Polizei erkannt haben will, sich dem Pastor als "liberale Muslime" vorstellen, die extra aus Mönchengladbach angereist seien, um der Familie von Daniel S. 500 Euro zu schenken. Wenn hinter jedem, der eine Blume niederlegt oder mit winterklammen Fingern mühsam eine Kerze anzündet, ein Fotograf wartet, ein Mikrofonträger oder ein Journalist mit Block und Kugelschreiber. Und wenn Staatsschützer in zivil ein Auge auf alles haben müssen. Es ist Trauer auf einem Pulverfass.

Die Herkunft des Täters "spielt keine Rolle"

1500 Weyer Bürger sind dem Aufruf des "Runden Tisches gegen Rechts und für Integration" der Stadt Weyhe zur Gedenkfeier in dieser politischen Form gefolgt, die nach diesen extremen Tagen und der Schlacht im Internet um die Deutungshoheit in diesem Fall offenbar nötig geworden war. Sie hören jetzt Bürgermeister Lemmermann zu, wie der sein Entsetzen zu zähmen versucht und Zuversicht zwischen die Zeilen presst. "Es trifft zu, dass der Haupttäter türkische Wurzeln hat", sagt Lemmermann, "aber es hätten auch andere junge Männer sein können. Es spielt keine Rolle." Man sei hier, weil man nicht akzeptieren könne, dass junge Menschen so brutal miteinander umgingen.

Nach allem, was Polizei und Staatsanwaltschaft bisher erzählt haben und was man von den Jugendlichen auf dem Weyher Bahnhofsplatz hört, von denen viele Daniel S. und Cihan S. kannten, könnte es so gewesen sein, wie Lemmermann sagt. Erwiesen ist noch nichts. Nach Lage der Dinge war Daniel mit ein paar Freunden in der Wildeshauser Diskothek Fun Factory.

Nach drei Uhr hatten sie einen Bus organisiert, das ist üblich auf dem Land, um die etwa 40 Kilometer nach Weyhe zu kommen. Ein paar Plätze waren noch frei. Cihan und seine Leute, erzählen angebliche Augenzeugen, hätten spontan gefragt, ob sie mitkommen könnten. Gute Sache, wird ja für alle billiger.

"Ein Zufallsopfer"

Daniel und Cihan, sagt ein junger Mann aus Weyhe, hätten sich gekannt. Weyhe ist klein. Auch er habe Cihan gekannt, mit dem sei es immer schwierig gewesen, ein aufbrausender Typ. Die Polizei bestätigt Vorstrafen, eine wegen einer Messerattacke. Im Bus muss es dann zu einem Streit gekommen sein, in den Daniel S. zunächst nicht verwickelt gewesen sei. Cihan S. indes schon. Polizeidirektor Bernd Kittelmann sagt, "es gab Provokation von der einen in die andere Richtung"; welcher Art, welche Richtung, sagt er nicht.

Daniel sei dazwischen gegangen, um zu schlichten, "auch der Busfahrer habe etwas gesagt". Dann soll Cihan aus dem Bus heraus per Handy ein paar Freunde zum Bahnhof nach Weyhe gelotst haben. Dort angekommen, sei Cihan als erster ausgestiegen - und habe wahllos den nächsten nach ihm aus dem Bus kletternden Passagier angegriffen. Das sei Daniel gewesen. "Ein Zufallsopfer", sagt Polizist Kittelmann.

Solche "Zufälle" verändern alles. Weyhe, das bunte Weyhe am Rande der Großstadt, wehrt sich gegen Neonazis. Am Nachmittag, zur Zeit der verbotenen Demonstration, besetzen wieder mehr als 500 Bürger den Platz. Ein paar große Männer mit kurzen Haaren mischen sich darunter, auf einem Parkplatz nebenan nimmt die Polizei zwei Personen vorübergehend in Gewahrsam. Es bleibt angespannt ruhig.

Später weichen die Rechten nach Verden aus, in die Kreisstadt, auch dort kommt es zu Festnahmen. Alles in allem hat Weyhe das gut gemacht. Aber wie wird es weitergehen? Cihan S. sitzt in Untersuchungshaft. Daniel S. ist tot. Weyhe ist anders geworden. "Dieser Platz ist nicht mehr unbefleckt", sagt Bürgermeister Lemmermann. Das Schweigen wird nicht lange halten.