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Nach dem Tod des Streitschlichters Daniel S.:Trauer auf einem Pulverfass

Gedenken nach Tod eines jungen Streitschlichters in Kirchweyhe

Am Tatort vor dem Bahnhof im Ortsteil Kirchweyhe gedenken Menschen dem zu Tode geprügelten Lackierer Daniel S.

(Foto: dpa)

Er wollte einen Streit schlichten und wurde getötet - von einem jungen Deutschen mit Migrationshintergrund. Wie manche Gruppen den gewaltsamen Tod des jungen Daniel S. dazu missbrauchen, weiter Hass zu säen. Und wie die Bürger des niedersächsischen Ortes Weyhe solchen Zündlern entgegentreten.

Von Ralf Wiegand, Weyhe

Sehr viele Gedanken werden sich die Menschen in Weyhe über ihren im Ortsteil Kirchweyhe gelegenen Bahnhof noch nicht gemacht haben. Die Bahn baut ihn gerade um, Bahnsteige werden angehoben, verlängert und verlegt. Bauzäune klappern im Wind, und provisorische Übergänge queren die Gleise. Der Bahnhof soll funktionieren, fit sein für den Alltag, das schon. Die Pendler brauchen ihn, um zur Arbeit nach Bremen zu fahren. Aber sonst? Der Kaffee im Kiosk ist heiß und der Milchschaum fest, die Zeitungen riechen nach druckfrischer Farbe. Auf dem Vorplatz kommen Busse an und fahren ab, pünktlich nach Fahrplan, wenn es gute Tage sind. Und manchmal am Wochenende hält mitten in der Nacht so ein privater Discobus, die jungen Leute huschen dann heim durch die Nacht oder um die Ecke ins Maddox, weiter feiern.

Hier hält sich niemand auf. Der Bahnhof im Speckgürtel der Großstadt war bisher ein flüchtiger Ort des Durchgangs, wie überall sonst. Nicht der Rede wert. Jetzt, sagt Bürgermeister Frank Lemmermann, "ist er ein Symbol". Weyhe sei über Nacht "anders geworden".

Es ist Samstagvormittag, wieder einer dieser erbärmlich kalten Tage eines nicht enden wollenden Winters, und Lemmermann steht auf einer kleinen Bühne vor dem Bahnhof und hält eine Rede. Nie hätte er geglaubt, dass das mal sein müsste: "Ich habe es für unmöglich gehalten." Nach ihm wird noch Pastor Holger Tietz sprechen und bitten, die in den Taschen geballten Fäuste zu öffnen und dem anderen die Hand zu reichen. Und dann sollen die Leute schweigen.

Liebe für Daniel, Hass auf die Täter

Es ist ja ein stilles Gedenken geplant gewesen als Erinnerung an Daniel S., 25, der auf diesem Bahnhofsvorplatz in Weyhe irgendwo in Niedersachsen in der Nacht vom 9. auf den 10. März aus dem Discobus aussteigen und durch die Nacht nach Hause huschen wollte, oder rüber ins Maddox. Er habe kaum einen Fuß aus der Bustür gesetzt, sagen die Ermittler, da sei er auch schon attackiert worden. Im Bus habe er einen Streit schlichten wollen, in den er ursprünglich gar nicht verwickelt gewesen sei. Der Mut sollte sich aufs ärgste rächen: Ein Tritt in den Rücken, ein Sturz gegen den Bus, ein Aufprall auf das Straßenpflaster, genau dort, wo jetzt hundert Grablichter brennen und Tulpengebinde langsam erfrieren und Liebesbotschaften neben Hassbriefen an der Straßenlaterne kleben. Liebe für Daniel, Hass auf die Täter.

Als er am Boden gelegen habe, auf dem Bahnhofsvorplatz, kurz nach vier Uhr morgens, sei es noch nicht vorbei gewesen. Noch mehr Tritte. Daniel S., Lackierer, eines von vier allesamt erwachsenen Kindern einer alleinerziehenden Mutter, kam ins Krankenhaus. Dort starb er am vergangenen Donnerstag, als die Ärzte die Geräte abschalteten. Sein Gehirn sei zu schwer geschädigt gewesen, hieß es.

Streit, Tritte, Tod, diesen Dreiklang zügelloser Brutalität gab es häufiger in letzter Zeit, in München oder Berlin oder Hamburg, und selbst diese Millionenmetropolen haben gebebt. Das alleine hätte schon gereicht, um Weyhe, diesen aus vielen kleinen Gemeinden zusammengeschraubten Ort, nicht mehr so einfach zur Ruhe kommen zu lassen. Aber hier kommt noch etwas dazu. Es ist so, dass der 20 Jahre alte Haupttäter nicht nur ein Weyher Bürger ist, ein nach allem, was an diesem Samstag zu erfahren war, hier geborener und sozialisierter junger Mann, sondern ein Weyher Junge mit Migrationshintergrund. So heißt das, wenn jemand Sohn türkischer Eltern ist und einen deutschen Pass hat. Cihan S. soll auch Deutscher sein, das hat zumindest Andreas Bovenschulte gehört, Bremer SPD-Vorsitzender und Erster Gemeinderat von Weyhe. Bestätigt ist das nicht.

"Türken-Schläger" hätten Daniel S. getötet, heißt es im Internet

Für die Blitzbewertung der Tat im Internet ist es ohnehin unerheblich, da stören alle Fakten. Ein Türke war es, wie die Bekannten des Haupttäters Cihan S. auch - alles Türken. Die Bild-Zeitung habe als einziges Medium "die Wahrheit" geschrieben und die Herkunft benannt. Sie wird im rechtsextremen Netzwerk dafür gefeiert. Im Internet kursiert schnell, "die Türken-Schläger" hätten Daniel S. getötet, eine "Türken-Bande", "Türken-Horden", türkische Kopftreter und so weiter. Sogar am Ort des Gedenkens hängen solche Generalanfeindungen, im heimischen Drucker ausgedruckt und sorgfältig laminiert gegen den Nieselregen, direkt neben roten Luftballons in Herzform.

Im Internet hat auch niemand die Geduld gehabt, darauf zu warten, bis er etwas Fundiertes über Daniel S. erfährt, das Opfer. 25 Jahre, Zwillingsbruder, Lackierer. Dort wird er, angeblich von jungen Türken, als "Bastard-Nazi" beschimpft, von dem es nun einen weniger gebe. Natürlich sind alle Verfasser anonym. Jeder Türke könnte hier ein Deutscher, jeder Deutsche ein Libanese sein, jeder scheinbar Erwachsene ein Kind. Daniel S. war, sagt der Bürgermeister, "nach allem, was ich gehört habe, ein feiner Junge. Er war kein Nazi."

Aufrufe zur Lynchjustiz in den sozialen Netzen

Nichts ist in einer solchen Gemengelage asozialer als die Hetzer in sozialen Netzwerken. Sie bringen es fertig, dass ein Toter gegen Vorwürfe verteidigt werden muss, gegen die er sich als Lebender nie zu wehren brauchte. Im Falle des Todes von Daniel S. hat das Internet als schneller Brüter für Vorurteile, als Katalysator für Hetze und Propaganda, als Echtzeit-Verleumdungsmaschine ganze Arbeit geleistet.

Journalisten, die den ermittelnden Staatsanwalt mit den Worten zitierten, die Nationalitäten von Tätern und Opfer hätten keine Rolle gespielt, wurden als Lügenpresse beschimpft. Diejenigen, die sich dagegen wehrten, dass Rechtsextreme das Tötungsdelikt instrumentalisierten und als beispielhaft für eine "Deutschenfeindlichkeit" hinstellten, wurden persönlich bedroht. Wie Bürgermeister Lemmermann und Gemeinderat Bovenschulte. Wie Pastor Tietz, der angesichts der Tat und ihrer Nachbearbeitung im Internet eine "Abscheulichkeit, die ich kaum aushalten kann" in sich aufsteigen fühlt.

In den "sozialen Netzwerken" fanden sich so viele Aufrufe zur Gewalt bis hin zu Lynchjustiz, dass die Stadt Weyhe eine weitere geplante "Gedenkkundgebung" neben ihrer eigenen am Samstag und eine Demonstration der NPD am Sonntag verbot. Das von den Antragstellern bemühte Verwaltungsgericht in Hannover ließ die Verbote bestehen.

Es kann kein stilles Gedenken geben an diesem Samstag. Wie auch, wenn man den Eindruck hat, jedes zweite Fahrzeug, das durch Weyhe fährt, sei ein Mannschaftswagen der Polizei. Wenn Autofahrer auf der Einfallstraße in Höhe des Supermarkts durch einen engen Hütchenparcours geschleust werden, damit die Beamten beim Passieren des Engpasses das Nummernschild lesen und einen Blick in den Wagen werfen können. Zwölf polizeibekannte Neonazis werden abgefangen und müssen wieder umkehren. Wenn sich Rechtsextreme unter die Trauernden mischen und AntiFa-Gruppen Flugblätter verteilen. Wenn Salafisten, als die sie die Polizei erkannt haben will, sich dem Pastor als "liberale Muslime" vorstellen, die extra aus Mönchengladbach angereist seien, um der Familie von Daniel S. 500 Euro zu schenken. Wenn hinter jedem, der eine Blume niederlegt oder mit winterklammen Fingern mühsam eine Kerze anzündet, ein Fotograf wartet, ein Mikrofonträger oder ein Journalist mit Block und Kugelschreiber. Und wenn Staatsschützer in zivil ein Auge auf alles haben müssen. Es ist Trauer auf einem Pulverfass.

Die Herkunft des Täters "spielt keine Rolle"

1500 Weyer Bürger sind dem Aufruf des "Runden Tisches gegen Rechts und für Integration" der Stadt Weyhe zur Gedenkfeier in dieser politischen Form gefolgt, die nach diesen extremen Tagen und der Schlacht im Internet um die Deutungshoheit in diesem Fall offenbar nötig geworden war. Sie hören jetzt Bürgermeister Lemmermann zu, wie der sein Entsetzen zu zähmen versucht und Zuversicht zwischen die Zeilen presst. "Es trifft zu, dass der Haupttäter türkische Wurzeln hat", sagt Lemmermann, "aber es hätten auch andere junge Männer sein können. Es spielt keine Rolle." Man sei hier, weil man nicht akzeptieren könne, dass junge Menschen so brutal miteinander umgingen.

Nach allem, was Polizei und Staatsanwaltschaft bisher erzählt haben und was man von den Jugendlichen auf dem Weyher Bahnhofsplatz hört, von denen viele Daniel S. und Cihan S. kannten, könnte es so gewesen sein, wie Lemmermann sagt. Erwiesen ist noch nichts. Nach Lage der Dinge war Daniel mit ein paar Freunden in der Wildeshauser Diskothek Fun Factory.

Nach drei Uhr hatten sie einen Bus organisiert, das ist üblich auf dem Land, um die etwa 40 Kilometer nach Weyhe zu kommen. Ein paar Plätze waren noch frei. Cihan und seine Leute, erzählen angebliche Augenzeugen, hätten spontan gefragt, ob sie mitkommen könnten. Gute Sache, wird ja für alle billiger.

"Ein Zufallsopfer"

Daniel und Cihan, sagt ein junger Mann aus Weyhe, hätten sich gekannt. Weyhe ist klein. Auch er habe Cihan gekannt, mit dem sei es immer schwierig gewesen, ein aufbrausender Typ. Die Polizei bestätigt Vorstrafen, eine wegen einer Messerattacke. Im Bus muss es dann zu einem Streit gekommen sein, in den Daniel S. zunächst nicht verwickelt gewesen sei. Cihan S. indes schon. Polizeidirektor Bernd Kittelmann sagt, "es gab Provokation von der einen in die andere Richtung"; welcher Art, welche Richtung, sagt er nicht.

Daniel sei dazwischen gegangen, um zu schlichten, "auch der Busfahrer habe etwas gesagt". Dann soll Cihan aus dem Bus heraus per Handy ein paar Freunde zum Bahnhof nach Weyhe gelotst haben. Dort angekommen, sei Cihan als erster ausgestiegen - und habe wahllos den nächsten nach ihm aus dem Bus kletternden Passagier angegriffen. Das sei Daniel gewesen. "Ein Zufallsopfer", sagt Polizist Kittelmann.

Solche "Zufälle" verändern alles. Weyhe, das bunte Weyhe am Rande der Großstadt, wehrt sich gegen Neonazis. Am Nachmittag, zur Zeit der verbotenen Demonstration, besetzen wieder mehr als 500 Bürger den Platz. Ein paar große Männer mit kurzen Haaren mischen sich darunter, auf einem Parkplatz nebenan nimmt die Polizei zwei Personen vorübergehend in Gewahrsam. Es bleibt angespannt ruhig.

Später weichen die Rechten nach Verden aus, in die Kreisstadt, auch dort kommt es zu Festnahmen. Alles in allem hat Weyhe das gut gemacht. Aber wie wird es weitergehen? Cihan S. sitzt in Untersuchungshaft. Daniel S. ist tot. Weyhe ist anders geworden. "Dieser Platz ist nicht mehr unbefleckt", sagt Bürgermeister Lemmermann. Das Schweigen wird nicht lange halten.

© SZ vom 18.03.2013/mahu
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