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Nach dem Gipfel:Jetzt wird aufgeräumt

Die Touristen kehren nach Heiligendamm zurück. Aber immer noch hat jemand Angst: Die Zaunfirma fürchtet, dass ihr Bollwerk als Souvenir durchlöchert wird.

Nach den Tagen der Anspannung präsentiert sich der Heiligendamm in entspannter Atmosphäre. Bis zum Freitag noch auf Konfrontationskurs, flanieren nun Rastalocken-bezopfte und Fahnen schwenkende Globalisierungskritiker und Polizisten aus allen Bundesländern auf der Promenade aneinander vorbei und grüßen sich dabei sogar. Es sei ein einziges Happening, erzählt ein Journalist, der sich mit dem Abbau des Medienzentrums in Kühlungsborn nach mehrtägiger Gipfelberichterstattung auf die Rückreise nach Berlin macht.

Heiligendamm

Der Zaun ist wieder offen

(Foto: Foto: ddp)

Beliebtes Fotomotiv ist der speziell gefertigte G8-Strandkorb im XXL-Format, in dem die acht Staats- und Regierungschefs während ihres Aufenthalts in Heiligendamm für ein Gruppenfoto Platz genommen hatten. Das von Mitarbeitern der Korb GmbH in Heringsdorf auf der Insel Usedom gebaute Modell soll jetzt möglicherweise versteigert werden und der Erlös einem guten Zweck zugute kommen.

Millionenzaun wird weiter bewacht

Am Sicherheitszaun könnten an den Strandzugängen und Straßen Spaziergänger, Fahrradfahrer und Fahrzeuge passieren, sagt Frank Neumann von der Zaunfirma MZS aus Bargeshagen. Auch der europäische Fahrradweg, der durch Heiligendamm führt, sei wieder frei befahrbar. Dafür seien Zaunfelder abmontiert worden.

Kontrolliert wird der Zaun jedoch weiterhin. "Ich bin von der Polizei gefragt worden, ob eine Bewachung noch nötig sei. Ich war dafür", sagt Neumann. Er befürchte ansonsten einen Ansturm von "Mauerspechten", die Zaunfelder stehlen könnten. Innerhalb von acht Wochen soll die so genannte technische Sperre komplett abgebaut sein.

Der zwölf Kilometer lange Zaun darf laut Vertrag von der mittelständischen Firma weiterverkauft werden. Er sei im Gespräch mit zwei Interessenten, die den Zaun jeweils komplett übernehmen wollten, sagt Neumann. Er habe aber auch ein Angebot zum Bau der Absperrung rund um die Botschaft der Seychellen in Berlin abgegeben. Dafür braucht er jedoch nicht den gesamten Zaun. Nach Informationen der "Schweriner Volkszeitung" gehören Flughäfen zu den möglichen neuen Standorten des Zaunes.

Der mit Überwachungstechnik ausgerüstete Zaun hat zwölf Millionen Euro gekostet. Das zweieinhalb Meter hohe Sperrwerk ist mit Unterkriechschutz und messerscharfer Drahtrolle als oberem Abschluss versehen, dazu ist es standsicher und rüttelfest durch tonnenschwere Betonelemente.

Demonstranten helfen beim Aufräumen

Seit Freitagmorgen hatten viele Demonstranten selbst Hand angelegt und dutzende blaue Säcke mit umherliegenden Müll gefüllt. Das sei doch selbstverständlich, sagt eine rothaarige Protestlerin etwas atemlos. Gemeinsam mit fünf Mitstreiterin wuchtet sie zwei an der Straße stehende Dixi-Klos auf einen Anhänger. Außerdem sei das von Anfang an Teil des Konzepts der Demonstranten gewesen, schließlich wollten sie die Orte des Protests nicht total vermüllt verlassen. Berge von Flaschen türmen sich jetzt in einer Schubkarre, anderswo werden Fundsachen gesammelt und ein Kleinlaster füllt sich stetig mit prall gefüllten Müllsäcken.

Die schlimmen Befürchtungen vieler Einheimischer haben sich in den Dörfern um den Zaun nicht erfüllt. Vor dem Gipfel hätten viele Nachbarn Angst um ihre Autos gehabt, sagt ein älterer Mann auf dem Marktplatz in Bad Doberan. Er habe aber überhaupt keine schlechten Erfahrungen mit Demonstranten gemacht. "Hier bei uns hatten wir ja eher die friedliche Truppe", sagt er grinsend.

Gegenüber stehen Männer auf Trittleitern und entfernen mit Akkuschraubern Spanplatten von Schaufenstern. In der Gipfelwoche habe sie 99 Prozent Umsatzverlust gemacht, klagt Edda Pleban, Besitzerin eines kleinen Teeladens. Sie nahm es jedoch gelassen.

Gelegentlich hätten sie und ihr Lebensgefährte einfach den Laden abgeschlossen und sich auch auf den Weg zum Zaun gemacht. Die Befürchtungen seien vollkommen überflüssig gewesen. Vor den Protesten hätten sie Angst vor Randale gehabt, nach den Erfahrungen der vergangenen Woche würden sie ihre Fenster heute nicht mehr verschließen.

"Sonst ist es hier ja eher still"

Selbst vereinzelte Schäden werden mit Fassung getragen. Vor einem örtlichen Hotel schrubbt eine junge Mitarbeiterin mit einem Lappen die nicht mehr ganz blütenweiße Wand. Protestler hatten sich auf die frisch getünchte Mauer vor dem Haus gesetzt und dunkle Schmutzflecken hinterlassen. Sie fände es gut, dass die Leute demonstrieren, und wenn so was mal passiere, dann sei das auch nicht schlimm, sagt sie und lächelt tapfer.

Am Freitag waren rund 1000 Demonstranten in die Stadt eingezogen und hatten sich bei den Anwohnern bedankt. "Danke schön, Bad Doberan", riefen sie im Chor. Viele hatten sich über Nettigkeiten der Anwohner gefreut, die Kuchen gebracht oder Kaffee gekocht hatten.

Eine ältere Frau hat sich über den Dank gefreut. "Wir fanden das alles auch ganz interessant", sagt sie. Bad Doberan sei ja sonst eher still. Sie selbst habe sich mit dem Fahrrad zum Camp und zum Zaun aufgemacht. Die Leute dort hätten ja teilweise viel auf sich genommen, um demonstrieren zu können, sagt sie, "ich habe Achtung vor ihnen".