Nach dem Amoklauf in Finnland "Es ist nur Spaß gewesen"

Ludwig Waldinger vom Landeskriminalamt in Bayern erklärt im Interview mit der SZ, was gegen Gewalttaten getan werden kann, die im Internet angekündigt werden.

Interview: Susi Wimmer

Das Internet als Ankündigungsmedium für Gewalttaten: Der 18-jährige Amokläufer aus Finnland war nicht der Erste, der vor der Tat im Netz auf sich aufmerksam gemacht hatte. Hätte es vorab eine Chance gegeben, den Täter abzufangen? Ein Gespräch mit Ludwig Waldinger vom Bayerischen Landeskriminalamt (LKA).

Ludwig Waldinger vom LKA Bayern.

(Foto: Foto: OH)

SZ: Hat die Polizei überhaupt die Möglichkeit, derartige Ankündigungen von Straftaten zu verfolgen?

Ludwig Waldinger: Natürlich. Jede Straftat, die es "auf der Straße" gibt, kann auch im Internet ausgeführt werden. Das fängt an bei Betrug, geht über Kinderpornographie, bis hin zum angekündigten Mord. Das LKA war 1996 die erste Dienststelle, die eine eigene Internetfahndung mit mittlerweile elf Mann eingerichtet hat. Und wir sind bis heute die Einzigen in Bayern, die anlassunabhängig im Netz ermitteln dürfen.

SZ: Eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen?

Waldinger: Ganz so schlimm ist es nicht. Das ganze Internet zu überwachen, ist sicher unmöglich. Die Fahnder suchen stichprobenartig in Foren und Chatrooms, aber natürlich auch gezielt mit bestimmten Suchbegriffen. Pädophile benutzen beispielsweise Schlagworte wie "Lolita". Kinderpornographie ist nach wie vor am meisten verbreitet, gefolgt von Straftaten wie Drogen- oder Waffenhandel.

SZ: Angenommen, jemand kündigt einen Amoklauf an, wie finden Sie ihn?

Waldinger: In diesem Fall beginnt das Rennen gegen die Zeit. Wenn der Amoklauf noch für denselben Tag vorhergesagt wird, wird es natürlich knapp. Bei "Gefahr im Verzug" kann ein Staatsanwalt die notwendigen rechtlichen Schritte absegnen. Das heißt, wir setzen uns mit dem Provider in Verbindung. Die Anbieter sind meist kooperativ, geben die IP-Adresse heraus und dann rückt die örtliche Polizei aus. Bei deutschen Providern geht das schnell, im Ausland, wo zum Beispiel YouTube sitzt, wird es aber schwieriger.

SZ: Gab es bereits Amoklauf-Ankündigungen?

Waldinger: Es gab einen Hinweis aus der Bevölkerung auf einen Chatforums-Teilnehmer, der gepostet hatte, er werde in der nächsten Unterrichtseinheit eine Waffe nehmen und alle töten. Wir haben den 17-Jährigen innerhalb kürzester Zeit im Bereich Niederbayern/Oberpfalz ausfindig gemacht. Die Kollegen fuhren zu seiner Schule und holten ihn aus dem Unterricht heraus. Er war überrascht und sagte, es sei nur Spaß gewesen. Er wurde angezeigt, außerdem kamen die Einsatzkosten auf ihn zu.

SZ: Der Ernst der Lage ist im Netz wohl schwer abzuschätzen.

Waldinger: Es ist immer eine Einzelfallentscheidung. Aber lieber nehmen wir alles für bare Münze.