Mutter Teresas Zweifel:"In mir ist kein Gott"

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Überraschende Veröffentlichungen zum zehnten Todestag - und während des Heiligsprechungsprozesses: Tagebuchnotizen und Briefe belegen, dass sich hinter Mutter Teresas stetem Lächeln tiefe Verzweiflung verbarg. Doch kann jemand, der an Gott zweifelt, heilig sein?

Alexander Kissler

Das Lächeln war ihr Markenzeichen. Ob sie sich um Sterbenskranke in den Slums kümmerte, Politikern die Leviten las oder bei Prominenten Geld einsammelte: Mutter Teresa lächelte sich durch die Weltgeschichte.

mutter teresa; dpa

Wurde schon zu Lebzeiten wie eine Heilige verehrt: Mutter Teresa - hier auf einem Archivfoto aus dem Jahr 1993.

(Foto: Foto: dpa)

Ihre Schwestern wies sie an, jedem Menschen freundlich zu begegnen. In der Dankesrede zur Verleihung des Friedensnobelpreises 1979 nannte sie das Lächeln den Anfang der Liebe. Sie selbst aber spürte wenig Grund zur Freude.

Sie glaubte sich von Gott verlassen. Das Lächeln erschien ihr als "Deckmantel", ja als "Waffe": "Die Leute sagen, dass sie sich näher zu Gott gezogen fühlen, wenn sie meinen festen Glauben sehen. Ist das nicht ein Betrug an den Leuten?"

Zum zehnten Todestag Mutter Teresas am Mittwoch hat sich deren Orden zu einem gewagten Schritt entschlossen. Die "Missionarinnen der Nächstenliebe" gaben die Erlaubnis, einen Teil der privaten Korrespondenz, der Aufzeichnungen und Tagebuchnotizen Teresas zu veröffentlichen. Damit setzen sie sich über das Verbot der Gründerin hinweg. Zeitlebens bat diese ihre Briefpartner, die zum Teil sehr intimen Dokumente zu vernichten.

Tiefe Glaubenszweifel

Sie wollte auf keinen Fall, dass sie als Person ihr Werk überlagere oder gar beschädige. Nun aber, da der Heiligsprechungsprozess in seine entscheidende Phase tritt, will man der Weltöffentlichkeit Teresas "tiefstes Geheimnis", ihren Glaubenszweifel, nicht vorenthalten. Brian Kolodiejchuk, Mitglied des männlichen Zweigs der Missionarinnen und Berichterstatter im Kanonisierungsverfahren, sagt: Teresas "furchtbare und unerbittliche Tortur" könne ein "wertvolles Zeugnis ihrer Heiligkeit" sein.

Insofern dient die Veröffentlichung der "Geheimen Aufzeichnungen" auch strategischen Zwecken. Dieser Zusammenhang wird besonders deutlich bei den Notizen aus der Anfangszeit. Aus Teresas Feder wird die offizielle Geschichtsschreibung des Ordens bestätigt. Sie selbst war demnach davon überzeugt, während einer Zugfahrt von Kalkutta nach Darjeeling am 10. September 1946 die Stimme Jesu gehört zu haben.

"Meine Kleine, bring die Seelen der armen kleinen Straßenkinder zu mir", habe die Stimme gesprochen. Weitere solche Erlebnisse folgten, von denen sie dem Erzbischof von Kalkutta, Ferdinand Périer, berichtete. Mit einer fast schon dreisten Hartnäckigkeit bestürmte sie den Bischof mit Briefen. "Wie lange muss ich noch warten?", schrieb sie ein ums andere Mal. Im Januar 1948 erhielt sie die Erlaubnis, ihren bisherigen Orden, die Loreto-Schwestern, zu verlassen und in die Slums von Kalkutta zu ziehen.

Damit begann eine beispiellose Erfolgsgeschichte, doch trotz des atemberaubenden Wachstums des Ordens war immer eine Düsterkeit in Teresa. An ihren Beichtvater schreibt sie 1961: "Seit den Jahren 49 oder 50 dieses furchtbare Gefühl der Verlorenheit, diese unbeschreibliche Dunkelheit, diese Einsamkeit. Der Platz Gottes in meiner Seele ist leer. In mir ist kein Gott. Er will mich nicht."

In den fünfziger Jahren, fast gleichzeitig mit der päpstlichen Anerkennung der "Missionarinnen" durch Paul VI., kulminieren die Erfahrungen der Gottferne. "In meinem Innern ist es eiskalt", schreibt sie 1955. Wenig später beklagt sie "diese furchtbare Leere" und urteilt: "Gott vernichtet alles in mir." Um die Bedrückung zu überwinden, nimmt sie im April 1959 an zweiwöchigen Exerzitien bei ihrem Beichtvater, dem indischen Jesuiten Lawrence Picachy, teil.

Die Notizen aus diesen Tagen sind an Schonungslosigkeit nicht zu überbieten: "Ich glaube nicht, dass ich eine Seele habe", schreibt sie, "da ist nichts in mir." Die Frage "Empfange ich die Heilige Kommunion mit Glauben und Liebe?" beantwortet sie mit einem schlichten "Nein."

"Ich habe keinen Glauben"

Die Exerzitien verfehlen ihre Wirkung. Im September 1959 notiert sie so niedergeschlagen wie ehedem: "Es schmerzt ohne Unterlass. Ich habe keinen Glauben. Man erzählt mir, dass Gott mich liebt, jedoch ist die Realität von Dunkelheit und Kälte und Leere so überwältigend, dass nichts davon meine Seele berührt."

Und vor ihrer ersten Auslandsreise, nach Las Vegas im Oktober 1960, heißt es knapp: "Der Himmel ist allseitig verschlossen." Mutter Teresa, die kleine Albanerin, war nun 50 Jahre alt. Die weltweite Expansion des Ordens begann. Ihre Verzweiflung blieb.

"In mir ist kein Gott"

Dass Glaube oft nur als Glaubenszweifel zu haben ist, erfuhren viele christliche Mystiker. Zwei von ihnen galt Teresas besonderes Interesse, dem Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz und der heiligen Theresia von Lisieux, nach der sie sich benannte. Die Nonne, die 1897 im Alter von 24 Jahren qualvoll an Tuberkulose starb, hinterließ mit der "Geschichte einer Seele" ein ebenfalls stark leidensmystisch geprägtes Werk.

Von Mutter Teresa hätte Theresias Satz stammen können, "das Leiden, das wir mit Christus gemein haben, ist ein wunderbares Geschenk". Der spanische Karmelitermönch hingegen verfasste um 1580 das Meditationsbuch "Die dunkle Nacht". Über seine Schriften äußerte Mutter Teresa, dass sie "mir Hunger machen nach Gott. Und dann werde ich mit diesem furchtbaren Gefühl konfrontiert, von Ihm ungewollt zu sein".

"Kein Glaube, keine Liebe, kein Eifer"

Zu den Konstanten ihres Dramas gehört das Gefühl der Ablehnung durch jene Instanz, nach der sie sich am meisten sehnt: Gott. Bischof Périer vertraut sie an: "In meiner Seele herrscht ein so großer Widerspruch. Ein so tiefes Verlangen nach Gott, so tief, dass es wehtut, ein fortwährendes Leiden - und trotzdem nicht gewollt von Gott, abgewiesen, leer, kein Glaube, keine Liebe, kein Eifer."

Von dieser Erfahrung führt ein direkter Weg zu ihrem Christusbild und zu ihrem rigiden Kampf gegen Abtreibung. In den ungeborenen Kindern sah sie das Muster einer ungewollten Existenz, wie sie selbst eine zu sein befürchtete. Bei der Nobelpreisrede warb sie darum, "jedes einzelne geborene oder ungeborene Kind zu einem gewollten" zu machen.

Auch Jesus habe sich am Kreuz als ungewollt erfahren, ungewollt von Gott wie sie: "Mein Vater, warum hast du mich verlassen?" Diese Worte Jesu waren, so meint Teresa, "Ausdruck der Tiefe Seiner Einsamkeit".

Im Alter wird sie ausgeglichener, doch die Zweifel bestehen fort. UN-Generalsekretär Perez de Cuellar nennt sie 1985 die "mächtigste Frau der Welt". Im selben Jahr sagt sie zu ihrem neuen Beichtvater, dem belgischen Jesuiten Albert Huart: "Wenn ich meinen Mund aufmache, um zu den Schwestern und den Menschen von Gott und Gottes Werk zu sprechen, gibt es ihnen Licht, Freude und Mut. Doch ich selbst bekomme nichts davon. In mir ist alles dunkel und ein Gefühl, dass ich von Gott total abgeschnitten bin." Noch die 85-jährige Teresa sagt, sie freue sich, "die Leere, die ich empfinde, Ihm aufopfern zu können".

Am klarsten formulierte sie das Paradox ihres Glaubens, das wohl das Paradox eines jeden radikalen Glaubens ist, vor 50 Jahren. Sie finde keine Worte, "um die Abgründe meiner Dunkelheit mitzuteilen". Sie liebe aber Gott nun einmal "nicht für das, was Er gibt, sondern für das, was Er nimmt".

Vor diesem Hintergrund war das stete Lächeln ein Versuch, Gott zu geben, was sie selbst gerne empfangen hätte: Anwesenheit, Anteilnahme, Freude. Brian Kolodiejchuk gelangt zum Urteil, Teresa habe jenen Glauben gelebt, den sie als verloren empfand. Nur so habe sie ihre "eher sühnende als reinigende Dunkelheit" ertragen.

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