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Lübeck:Für Geld und Geltung misshandelte eine Mutter ihre Kinder

Vierfache Mutter wegen Misshandlung vor Gericht

Die Akten der Staatsanwaltschaft im Saal 315 am Landgericht Lübeck.

(Foto: Rainer Jensen/dpa)

Sie zwang ihre Söhne in den Rollstuhl, obwohl sie gesund waren. Eine Frau muss jetzt für acht Jahre ins Gefängnis - auch weil sie die Krankenkasse betrog.

Sie will auf der Anklagebank jetzt nicht fotografiert und gefilmt werden, dabei war sie früher so gerne in Zeitungen und Fernsehen. Maike B. tingelte durch Talkshows und ließ sich für Reportagen interviewen. Sie erzählte, wie sie mit den vermeintlichen Krankheiten umging, die ihre Kinder in den Rollstuhl zwangen. Sie gab die tapfere Supermama. Nun sitzt sie in geblümter Bluse neben ihrem Anwalt vor dem Landgericht Lübeck, starrt ins Nichts und sagt kein Wort. Sie hört an diesem Mittwochmorgen zu, wie sie zu acht Jahren Gefängnis verurteilt wird.

Wegen schweren Missbrauchs von Schutzbefohlenen in vier Fällen und vielfachem Betruges muss diese 49 Jahre alte Frau aus Lensahl in Ostholstein in Haft, und zwar sofort. Die Große Strafkammer ist sich nach monatelanger Verhandlung sicher, dass sie zwischen 2009 und 2016 sechseinhalb Jahre lang alle getäuscht hat: Behörden, Ärzte, Krankenkassen, Schule, anscheinend auch den Vater, von dem sie getrennt lebt - und vor allem ihre Söhne und die Tochter, heute zehn bis 18 Jahre alt. Sie saßen deshalb teilweise in Rollstühlen, obwohl sie gesund waren. Es ging ihrer Mutter um Geld und Geltung, sie hat ihre Kinder geschädigt und auch die Sozialkassen, davon ist die Justiz überzeugt.

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In ihrer Begründung erläutert die Vorsitzende Richterin Helga von Lukowicz noch einmal diese wahnwitzige Geschichte. Sie schildert, wie Maike B. beschloss, ihre Kinder zu Pflegefällen zu machen. Sie schrieb ihnen Symptome zu wie die für Glasknochenkrankheit zu, Bluterkrankheit, Hüftschäden und Rheuma, obwohl es dafür weder Expertisen noch Symptome gab. Sie fälschte medizinische Gutachten, erschwindelte Pflegestufen. Sie forderte ihre drei Söhne mit Warnungen vor schweren Folgen auf, sich in der Schule in den Rollstuhl zu setzen, was sie taten.

Über eine erschreckend lange Zeit flogen die Lügen nicht auf, auch wenn ein Sohn im Sportunterricht zwischendurch mühelos joggen konnte und alle Kinder zu Hause herumsprangen. Selbst Hausärzte ließen sich offenbar in die Irre führen, als sie ihnen erfundene Gutachten von Experten vorlegte. In einer Praxis sollen die Jungen im Wartezimmer herumgetollt sein, dennoch hatte an der Verschreibung des Rollstuhls niemand etwas auszusetzen. Es wurden ihnen alles in allem überflüssige Medikamente im Wert von einer Million Euro verordnet, die sich im Keller des Hauses stapelten. Ermittler fanden ein Arsenal abgelaufener Arzneimittel.

Die Kinder stützten den Schwindel. "Sie sagten das, was ihre Mutter vorgegeben hatte", so von Lukowicz. Manchmal hätten sie "richtig dramatisieren" müssen, so eine Tochter. Mal dichtete die Mutter eine Arthritis an, mal sprach sie von der Gefahr einer Lähmung. Die Angeklagte habe "ausgeprägte manipulative Fähigkeiten", sagt die Richterin. Die Ärzte und Beamten schienen zu glauben, was sie behauptete. Die Kinder glaubten es dann erst recht, wenn die Ärzte nicht einschritten - oder wenn die Mutter ihnen mit Heim oder Psychiatrie drohte.

Tochter wollte "nie wieder nach Hause"

Viele Tage fehlten sie in der Schule, sie verpassten Ausflüge, mussten Klassen wiederholen. Andererseits spürten sie, dass es ihnen so schlecht nicht ging. Sie hätten immer wieder Zweifel gehabt, sagt das Gericht. Und die Angeklagte habe "gewusst, dass ihre Kinder nicht krank sind." Sie habe ihnen schweren Schaden zugefügt, seelisch und körperlich, Muskeln schwanden.

Die Tochter flüchtete 2016 und wandte sich ans Jugendamt, sie wolle "nie wieder nach Hause". Doch sie kehrte später zurück, auch ihre Brüder kamen nach einem Beschluss des Familiengerichts wieder heim, nachdem sie in staatliche Obhut genommen worden waren. Die Angeklagte habe es geschafft, "die Kinder von sich abhängig zu machen", sagt Helga von Lukowicz, die Richterin, sie habe sie auch mal versteckt. Sie ließ sich bescheinigen, dass sie die Kinder "sehr kompetent im Auge behält und beschützt", wovon sogar "Ärzte profitieren".

Sachverständige attestieren ihre eine Persönlichkeitsstörung, das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, das grob gesagt vor allem bei Müttern dazu führt, Krankheiten besonders ihrer Kinder vorzugaukeln. Schuldunfähig ist sie nach Ansicht der Kammer trotzdem nicht. Die Richterin spricht von "Quälerei", von "krimineller Energie" und "vier kindlichen Opfern". Die drei minderjährigen Jungen sollen wieder vom Jugendamt betreut werden, ein Familiengericht entscheidet.

Maike B. kommt in U-Haft, bis ihr Urteil rechtskräftig ist. Die Staatsanwaltschaft hatte zehn Jahre Gefängnis gefordert. Die Verteidigung verlangt eine mildere Strafe und hatte auf das Gesundheitswesen verwiesen, bei dem Diagnosen "nicht hinterfragt, sondern im Rahmen kollegialer Wertschätzung immer weiter getragen" würden. Noch in diesem Saal 315 wird Maike B., die mit ihrem falschen Leben in TV-Studios saß und dann vor dem Lübecker Landgericht, wegen Fluchtgefahr abgeführt.

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