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Münster:Ein Knast zieht um

Das Gefängnis in Münster muss binnen 48 Stunden geräumt sein: Das Gebäude ist akut einsturzgefährdet. Für die Behörden kommt das überraschend.

Wenn ein Gefängnis akut einsturzgefährdet ist und die Insassen ziemlich unverzüglich in eine andere Haftanstalt gebracht werden müssen - darf man dann von einem "fluchtartigen" Umzug sprechen? Wahrscheinlich ist das Wortspiel ein wenig zu platt und zudem beschreibt es die Vorgänge in Münster auch nur sehr ungenügend. Die dortige Justizvollzugsanstalt organisiert den Umzug nämlich so geordnet, dass das Wort "fluchtartig" wirklich nicht angemessen ist. Bis Donnerstagnachmittag waren bereits mehr als 200 Häftlinge in andere Gefängnisse gebracht worden. Bis Freitagmittag soll dann ein Großteil der 515 Insassen der JVA Münster in andere Haftanstalten verlegt werden - viele von ihnen nach Coesfeld und Krefeld. Dafür seien sieben Busse im Einsatz, "die mehrmals hin und her fahren", sagte ein Sprecher des Justizministeriums. Zusätzlich gebe es auch einige Einzeltransporte. 34 Häftlinge könnten in Münster bleiben - in einem Teil des Gebäudes, der nicht baufällig ist.

Das 160 Jahre alte Gebäude ist akut einsturzgefährdet

Der Zwangsumzug des Gefängnisses in Münster war recht plötzlich notwendig geworden. Am Mittwoch hatte der Bau- und Liegenschaftsbetrieb (BLB) NRW das Mietverhältnis mit dem Justizministerium fristlos gekündigt. "Ein aktuelles Gutachten sieht eine hohe Wahrscheinlichkeit für ein spontanes Versagen der Statik", begründete ein BLB-Sprecher den Schritt. Teile des denkmalgeschützten Gebäudes mitten in der Stadt sind mehr als 160 Jahre alt. Für das Justizministerium kam die Entscheidung überraschend: Zwar werde das Gebäude wegen Baufälligkeit seit Monaten mit Sensoren überwacht, noch in der vergangenen Woche habe jedoch kein akuter Handlungsbedarf bestanden, so Ministeriumssprecher Marcus Strunk. Am Mittwoch aber wurde klar: Binnen 48 Stunden muss der Umzug erledigt sein.

Das nordrhein-westfälische Justizministerium koordiniert die Gefangenentransporte und entscheidet, in welche Anstalten wie viele Häftlinge verlegt werden. In der JVA Münster sind hauptsächlich Kleinkriminelle und Drogenabhängige untergebracht, die zum ersten Mal im Gefängnis sind. "Das ist für die Häftlinge auch ein Einschnitt", sagte der Leiter der Justizvollzugsanstalt, Carsten Heim. "Sie haben hier in Münster eine Arbeit, sind hier zur Schule gegangen. Das ist sehr unglücklich, aber das können wir leider nicht ändern."

Weil es so schnell gehen muss, dürfen die Häftlinge zunächst nur zehn Kilogramm Gepäck aus ihrer Zelle mitnehmen. Da fällt die Auswahl nicht leicht, zehn Kilogramm sind nicht viel. Das weiß jeder Flugreisende, der seinen Koffer vor dem Abflug auf die Waage stellt. Was nicht in die Kiste passt, wird nachgeliefert. "Unser Magazin, in dem die privaten Sachen der Häftlinge lagern, ist nicht vom möglichen Einsturz betroffen. Das organisieren wir dann später", sagt Heim.

© SZ vom 08.07.2016 / SZ

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