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Müll in Neapel:San Gennaro, hilf!

Zwei Jahre nach der großen Abfallkrise versinkt Neapel erneut in Dreck und Gestank. Die Einwohner erflehen sogar Hilfe von den Heiligen - doch ein Müllwunder ist bisher ausgeblieben.

Die Lippen auf das runde Glas der Monstranz drücken - das muss einfach sein. Im Dom von Neapel drängen sich Gläubige vor dem Altarraum zum Priester, der ihnen das glänzende Prunkbehältnis zum Kuss entgegenhält, das die Ampulle mit dem Blut des Heiligen enthalten soll. Zwei Polizisten eskortieren den Geistlichen, zum Schutz der hochverehrten Reliquie. Man sieht etwas Bräunliches in dem kleinen Gefäß schwappen.

Müllchaos in Neapel

Brennende Müllcontainer in einem Vorort von Neapel: Zwei Jahre nach der großen Müllkrise stapelt sich der Abfall erneut.

(Foto: dpa)

Das Wunder ist nämlich wieder einmal geschehen. Erneut ist das Blut des Stadtpatrons San Gennaro, des vor 1700 Jahren enthaupteten Bischofs von Neapel, flüssig geworden. Pünktlich zur feierlichen Messe am Patronatstag, um 9.57Uhr. Fast eine Woche ist das jüngste Blutwunder nun her, nur noch einen Tag wird die Reliquie dem Publikum gezeigt, dann soll sie bis Dezember wieder verborgen bleiben.

Das Schreckgespenst ist zurück

Es war auch eine Woche, in der in Neapel noch etwas anderes ans Licht gekommen ist: Ein Müllwunder hat es nicht gegeben, und Laster der Stadtreinigung brauchen hier zeitweise dringender Polizeischutz als das Blut von San Gennaro. Das Schreckgespenst des Müllnotstands hat sich wieder in den Straßen gezeigt. 1200 Tonnen Abfall sind tagelang liegengeblieben in der Stadt, die mit ihrem Einzugsgebiet mehr als vier Millionen Einwohner zählt. 50 Fahrzeuge der Müllabfuhr sind - von wem auch immer - beschädigt worden.

Am heftigsten ging es aber außerhalb Neapels zu, in zwei kleinen Gemeinden am Vesuv. Dort brannten Müllautos, Polizisten wurden verletzt im Konflikt mit aufgebrachten Anwohnern, die nicht länger dulden wollen, dass in ihren Orten noch mehr Unrat abgeladen wird. So schlimm hat es dieses Mal in Neapel nicht ausgesehen wie 2008 auf dem Höhepunkt des Müllnotstands, als sich über Wochen in der Sommerhitze stinkende Abfallberge meterhoch türmten und die Stadt im Chaos des eigenen Drecks unterzugehen schien. Was sich jetzt wegen eines Streiks in einem Abfuhrunternehmen anhäufte, ist in Sonderschichten inzwischen fast alles wieder weggekarrt worden. Am Wochenende lagen im Zentrum der Stadt nur noch wenige Müllhaufen um überquellende Container herum.

Doch das Problem ist alles andere als gelöst, trotz der vollmundigen Versprechen der Regierung und der inszenierten Eröffnung einer Müllverbrennungsanlage durch Premier Silvio Berlusconi. Nur ein Faktor ist dabei die Organisation der Abfuhr selbst, bei der sich zum städtischen Unternehmen diverse Sub- und Sub-Subunternehmen gesellen, von denen nun ein Teil der Mitarbeiter gestreikt hat. Sie fürchten um ihre Arbeitsplätze. Aber selbst wenn sie alle brav arbeiten und sämtliche Container jede Nacht leeren, bleibt die wesentliche Frage, wohin der Abfall geschafft werden soll. Der Corriere della Sera hat ausgerechnet, dass täglich in Neapel rund 7000 Tonnen Müll anfallen.

Die Bürger im Aufstand

Wenn alles nach Plan ginge, müssten 3000 davon in ein Mülltrennungssystem einfließen. 4000 Tonnen müssten zerkleinert und weiterverarbeitet werden, wovon dann 2000 Tonnen in Verbrennungsanlagen landen sollten und 2000 auf Deponien. Tatsächlich gelangen nur 1400 Tonnen in die Mülltrennung, von den restlichen 5600 Tonnen werden gerade mal 500 verbrannt, und 5100 Tonnen enden auf fünf Deponien in der Region. Von den vier vorgesehenen Verbrennungsanlagen in der Region ist bisher nur eine in Betrieb, aber nur mit einem Drittel ihrer eigentlichen Kapazität, deshalb bleibt so viel für die Deponien übrig.

In den Orten Terzigno und Boscoreale im Umland Neapels sind die Bürger derzeit im Aufstand. Sie wollen die Müllwagen nicht zur Deponie durchlassen. 2000 Leute sind dort nachts deshalb auf der Straße, und es ist schon zu Ausschreitungen gekommen. In der Nacht zum Montag haben sie Motoröl auf die Straße gegossen, damit die Müllwagen nicht weiterkommen. Die Leute in diesen Orten haben Angst vor dem Gift auf den Deponien. Sie haben den Gestank satt, und vor allem wollen sie nicht, dass nun noch eine weitere Deponie eröffnet wird bei ihnen an den Hängen des Vulkans, im Nationalpark Vesuv, einem von der Unesco anerkannten Biosphärenreservat.