Mozartkugel Runde Geschäfte

Die Marketing-Schlacht um die Mozartkugel hat zum 250. Geburtstag des Salzburger Komponisten einen neuen Höhepunkt erreicht.

Von Johannes Honsell

Salzburg - Die Touristen, die sich an diesem kalten Wintermorgen durch die enge Judengasse in Salzburg drängen, trauen ihren Augen nicht: Mozart lebt, und ihm ist kalt. Am Ende einer Passage steht er in Wams, Perücke und Schnallenschuhen vor dem Süßwarengeschäft Christel.

Na Wolferl, echt oder nicht? Mozart muss viele Produkte bewerben, aber bei der Mozartkugel wird die Sache nahezu grotesk.

(Foto: Foto: ddp)

Und friert. "Gottseidank hab' ich die warme Perücke", sagt er, wickelt eine goldene Mozartkugel aus und zerteilt sie. Dazu erklärt er Passanten in charmantem Plauderton: "Would you like to try? It is the real Salzburger Mozartkugel."

Am Freitag feiert Salzburg den 250. Geburtstag seines berühmtesten Sohnes, und die Stadt gleicht einem Patienten im Fiebertraum. Auf Bühnen und Podien läuft der Erinnerungsreigen mit Konzerten und Ausstellungen, und in den Geschäften kämpft man um Mozarts kommerzielles Erbe.

Für vieles muss er den Kopf hinhalten: für Likör, T-Shirts, Kugelschreiber, für Würste in Geigenform oder Kühe aus Keramik. Doch kein Produkt symbolisiert den Marketingwahn besser als eine kleine Kugel aus Marzipan, Nougat und dunkler Schokolade.

Auf so einer säbelt der Mozart in der Passage nun herum. Eigentlich heiße er Daniel und studiere Sport, erklärt Peter Christel, der wenige Meter entfernt in seinem Geschäft steht und den falschen Amadeus engagiert hat.

Der deutsche Konkurrent

Er soll "den Touristen erklären, warum die Mozartkugel von Mirabell die echte ist", sagt Christel. Das ist nötig geworden, weil der deutsche Mozartkugelhersteller Reber mit Macht auf den Markt drängt. "Das tut uns weh", sagt Christel, der mit seinem breiten Gesicht und dem Schnauzbart irritierend dem polnischen Politiker Lech Walesa ähnelt, allerdings in grüner Trachtenjacke.

Draußen filmt eine Touristin Christels Pappmozart am Eingang. Drinnen sagt der Unternehmer: "Reber verwendet nicht die Originalrezeptur. Er hat sicher gute Produkte, die uns auch munden, aber bei den Mozartkugeln finden wir, dass der Vergleich sich lohnt."

Christel fürchtet um seinen Absatz. Seit 19 Jahren verkauft er in der Judengasse, dem Endstück des touristischen Epizentrums Getreidegasse, die Mirabell-Kugeln. Kürzlich hat er 4000 davon nach Frankfurt zur Europäischen Zentralbank geschickt, im Auftrag der Österreichischen Nationalbank.

Emotionales Thema

"Die Mozartkugel ist ja immer auch ein Gruß aus Österreich", sagt Christel. Eigentlich gehören die Mirabell-Kugeln der amerikanischen Firma Kraft. "Aber sie werden in Salzburg nach dem Originalrezept produziert. Nur das sind die echten."

Über "die kleinen Wichtigtuer in den Süßwarenläden" - wie er sie nennt - kann Peter Botzleiner-Reber nur lachen. "Das Thema Mozartkugeln wird in Österreich sehr emotional behandelt", sagt er. Botzleiner-Reber herrscht über Reber-Land, das ein paar Kilometer jenseits der Grenze nach Deutschland beginnt.

Rot-golden erhebt sich das Reber-Land im Herzen Bad Reichenhalls. Eigentlich ist Reber-Land nur ein Café und ein Verkaufsraum. Aber die Straßen von Bad Reichenhall gleichen einem Mozart-Themenpark - mit Reber-Logo: Kaum eine Litfaßsäule, die nicht reberrot ist, kaum ein Bus ohne Reberwerbung.

Im Reber-Café hängen Geigen an den Wänden und Mozartporträts, und am Eingang steht ein mit Goldlack besprayter Flügel voller Mozartkugeln. Die werden in einer Fabrik direkt an der österreichischen Grenze produziert, eine halbe Million Stück am Tag.

Im Gegensatz zum Nachbarland Österreich haben die Reber-Kugeln hier in Deutschland 90 Prozent Marktanteil.

Und Reber-Land wächst. In Salzburg hat das Unternehmen schon zwei Shops, und zum Mozart-Jahr gelang ein Coup: Reber ist Hauptsponsor der großen Mozart-Ausstellung "Viva!Mozart" 2006, dem Prestigeprojekt der Stadt. Eine Million Euro habe sich seine Firma das kosten lassen, sagt Botzleiner-Reber.

Nicht, dass Salzburg den Wirbel im Mozart-Jahr bräuchte. Die Stadt dreht sich eh fast nur um den Mythos des Komponisten, dem das wohl kaum gepasst haben dürfte. "Überall habe ich mehr Hoffnung vergnügt und glücklich leben zu können!" schrieb Mozart einmal, Salzburg sei "kein Ort für mein Talent".

Die Stadt dankte es ihm, indem sie alles nach ihm benannte: Brücken, Straßen, Plätze, den Flughafen, die Musikhochschule oder eben Süßigkeiten. Als vor einigen Jahren das erste Ausflugsboot die reißende Salzach befahren sollte, debattierte die Stadt monatelang über einen Namen.

Am Ende hieß das Boot Amadeus - und sank gleich darauf beim Hochwasser 2002.

Dem Konditor Norbert Fürst ist der Mozartrummel gleich, obwohl auch er von ihm lebt. Er hat sein Café wenige Meter von Christels Laden entfernt, am Alten Markt. Menschentrauben auch dort, Fiaker, Kinderwagen. Im engen Café Fürst geht es zu wie im Bierzelt.

Kellnerinnen tragen riesige Tabletts mit Großen Braunen und Melange über die Köpfe der Touristen hinweg. Über den Tresen reichen vier blondierte Damen Pralinen, Pasteten, Petits Fours und die unvermeidlichen Kugeln. Hier sind sie silbern.

1,5 Millionen Kugeln in Handarbeit

Zwei Etagen darüber sitzt Norbert Fürst im Büro und gibt sich gelassen: "Die Mirabell-Kugel ist genauso wenig echt wie die von Reber."

Sein Urgroßvater Paul war es, der die Schokoladenpreziose im Jahr 1890 erfand. Doch ließ der berühmte Vorfahr das Rezept nicht schützen. "Das war wohl ein Fehler", sagt Fürst. "Andererseits: Wenn sie nicht hundertmillionenfach maschinell erzeugt worden wäre, wäre sie heute nicht so berühmt."

Und Fürst würde nicht so gut daran verdienen. 1,5 Millionen Kugeln produzieren seine zehn Mitarbeiter pro Jahr - in Handarbeit. Mirabell lässt im selben Zeitraum 90 Millionen vom Band laufen. Fürst hat vier Geschäfte in Salzburg, die aufgemacht sind wie Juwelierläden.

In seinen Vitrinen reihen sich beleuchtete Silberkugeln auf Glas neben Pralinen auf Silbertabletts. Mozartkugel deluxe. "Bei uns sehen Sie kein Mozartbild. Es hängen auch keine Geigen in der Gegend rum. Mozart ist für uns kein Thema."

Fürst sagt das, als habe er einen komplizierten mathematischen Beweis geführt.

Schokoflecken im Gesicht

Aber seine Schaufenster verraten, dass ihm die Konkurrenz nicht egal ist. In einem hängt ein Gerichtsurteil, nach dem nur er seine Kugeln "original" nennen darf. Nestlé wollte vor Jahren eine "Original Austria Mozartkugel" auf den Markt bringen.

Fürst prozessierte und gewann in dritter Instanz. Damit sind die Bezeichnungen klar verteilt: Reber nennt seine deutsche Kugel "Echte Reber Mozartkugel" (Nougatkern in Marzipanmantel), Mirabell nennt seinen österreichischen Verkaufsschlager "Echte Salzburger Mozartkugel" (Marzipankern mit Doppel-Nougatmantel), während Fürsts Originalrezept "Original Salzburger Mozartkugeln" einen Marzipankern mit einfachem Nougatmantel vorschreibt.

Am Ende des Tages lässt sich sogar Sportstudent Daniel verwirren, der noch an Christels Geschäft steht und Kugeln tranchiert. Zum vierten Mal hat er heute den Amadeus gespielt. Nun bringt er die Sprachen durcheinander. "Die echte Salzburger Mozartkugel, with Marzipan. Would you like to try?", fragt Daniel. Seine Finger sind voller Schokolade, und auf der Wange hat er einen Schokofleck.