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Moskau:Mord oder der verzweifelte Versuch, am Leben zu bleiben?

Bei einer Verurteilung drohen 20 Jahre Haft: Angelina Chatschaturjan.

(Foto: Yuri Kadobnov/AFP)

Drei Schwestern beenden ihr Martyrium, indem sie gemeinsam den Vater töten. In Moskau beginnt ihr Prozess - das Land ist gespalten.

Von Silke Bigalke, Moskau

Drei Schwestern töten ihren Vater, sie erstechen ihn im Schlaf. Der Vater hat sie jahrelang gequält und misshandelt, sie in seiner Moskauer Wohnung fast wie Gefangene gehalten. Ihre Tat haben sie gestanden. Die drei Schwestern haben um ihr Leben gefürchtet und deswegen zugestochen, argumentieren ihre Verteidiger. Die beiden älteren Schwestern werden nun trotzdem wegen Mordes angeklagt. Angelina und Krestina Chatschaturjan waren zu Tatzeit 18 und 19 Jahre alt. Die Jüngste, Maria, war mit 17 Jahren noch minderjährig, ihr Fall wird gesondert verhandelt. Gutachter hatten zudem erklärt, sie sei während der Tat nicht zurechnungsfähig gewesen.

Über die beiden Älteren entscheidet ein Geschworenengericht. An diesem Montag wählen die Beteiligten hinter verschlossenen Türen die Geschworenen aus. Wie lange das dauert und wann der eigentliche Prozess in Moskau beginnt, ist offen. Sicher aber ist es einer der Prozesse in Russland, die die Öffentlichkeit spalten. Selbst die Staatsanwaltschaft änderte zwischendurch ihre Meinung: Im Januar hatte sie das Ermittlungskomitee noch aufgefordert, ihre Untersuchung gegen die Schwestern fallen zu lassen. Doch das lehnten die Ermittler im Mai ab und hielten an ihren Vorwürfen fest. Im Juli dann folgte die Staatsanwaltschaft und bestätigte die Anklage wegen Mordes. Bei einer Verurteilung drohen den Schwestern nun bis zu 20 Jahre Haft. Ihre Tat ist inzwischen mehr als zwei Jahre her. Die ersten Monate verbrachten sie in Untersuchungshaft, inzwischen warten sie im Hausarrest auf den Prozess. Miteinander reden dürfen sie nicht, eine lebt bei der Mutter, die anderen beiden jeweils bei einer Großmutter.

Ihren Vater hatten die Mädchen bedienen, für ihn kochen und putzen müssen. Am Abend der Tat hatte er sich über seine Töchter geärgert, weil ihm die Wohnung nicht sauber genug war. Also rief er die Schwestern einzeln zu sich, um ihnen Pfefferspray ins Gesicht zu sprühen, so haben sie es später ausgesagt. Er schlug sie regelmäßig, wenn er sich ärgerte, und belästigte sie laut dem Anwalt der Ältesten auch sexuell. An diesem Abend im Juli 2018 hielten es die Schwestern nicht mehr aus. Als der Vater im Sessel eingeschlafen war, stachen die beiden Jüngeren zu. Die Älteste kam laut ihrem Anwalt erst später ins Zimmer, sah die blutige Szene und lief raus auf den Flur. Der Vater kam ihr noch verletzt hinterher, er starb im Treppenhaus.

Die Mutter der Mädchen war schon früher vor dem gewalttätigen Vater weggelaufen, danach verbat er ihr den Kontakt. Auch die Nachbarn hatten Angst vor dem Mann, es gibt Zeugen für die Schreie aus der Wohnung. Die Schule bemerkte zwar, dass die Mädchen über längere Zeit im Unterricht fehlten. Vermutlich sollte niemand die blauen Flecken sehen. Als den Behörden niemand die Wohnungstür öffnete, gaben sie es auf, nachzuforschen.

Selbst wenn die Mädchen den Vater im Schlaf getötet haben, so steht für Alexej Lipzer, den Anwalt der ältesten Schwester Krestina, fest, dass sie keinen anderen Ausweg sahen. "Laut psychologischem Gutachten hatten sie Angst, von ihm ermordet zu werden", sagte er im Gespräch mit der SZ vergangenes Jahr. Er glaubt, dass die Mädchen vor einem Geschworenengericht bessere Chancen haben als vor einem russischen Berufsrichter. Richter sprächen Angeklagte in nur 0,4 Prozent der Fälle frei.

Der Fall Chatschaturjan steht für viele beispielhaft dafür, dass das russische Gesetz Opfer häuslicher Gewalt nicht ausreichend schützt. Vor der Corona-Pandemie hatte es zahlreiche Demonstrationen für die Schwestern gegeben, auch Prominente stellten sich auf ihre Seite. Umfragen zeigten, dass deutlich mehr Menschen Verständnis für die drei Mädchen hatten als sie zu verurteilen. Der Fall hat zudem der Debatte um ein Gesetz gegen häusliche Gewalt neuen Schwung gegeben. Seit 2017 gilt Gewalt in der Familie in Russland oft nur als Ordnungswidrigkeit, nicht als Straftat. Ersttätern droht damit nur eine Geldbuße. Ein neues Gesetz sollte das nun ändern und höhere Strafen für häusliche Gewalt ermöglichen. Inzwischen ist es zwar gelungen, einen entsprechenden Gesetzentwurf zu formulieren, doch der ist noch nicht verabschiedet. Die Pandemie hat den Prozess verzögert.

© SZ vom 31.08.2020/mkoh
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