Nach dem Zyklon In Mosambik droht eine "stille Katastrophe"

Eine Frau in Beira erhält eine Cholera-Impfung in einem Camp für Überlebende des Zyklons Idai. Die zerstörte Infrastruktur und verdrecktes Trinkwasser befördern derzeit die Ausbreitung von Krankheiten in den betroffenen Gebieten.

(Foto: AP)

Anders als 2010 beim Erdbeben in Haiti, wo die Zahl der Opfer sofort hoch war, warnen Helfer nach Wirbelsturm Idai vor allem vor den langfristigen Folgen, die Tausenden Menschen den Tod bringen könnten.

Von Anna Reuß

Am Donnerstagabend vor knapp zwei Wochen bekam Jens-Olaf Knapp den Anruf. Am nächsten Morgen war er schon auf dem Weg nach Mosambik. Zwei Tage später kam der Rest des Teams an - und mit ihm die lebensrettende Ausstattung des Technischen Hilfswerks (THW). Knapp, 50, gehört zur Seewa, der Schnell-Einsatz-Einheit Wasser Ausland des THW. Er und sein Team, 13 Leute, haben die Aufgabe, in Nhangau, einem Ort mit 12 000 Einwohnern nahe der Hafenstadt Beira, die Versorgung mit sauberem Trinkwasser wiederherzustellen.

Beira wurde vom Zyklon Idai nahezu zerstört. "Als ich ankam, war die Stadt von der Außenwelt abgeschnitten", sagt Knapp. "Je näher man den Randgebieten kommt, desto mehr ist noch zu tun." Wer sich nach der Katastrophe auf ein Dach oder auf einen Baum retten konnte, harrte dort nächtelang aus. Hunderttausende sind schlagartig obdachlos geworden und leben nun in provisorischen Unterkünften, viele sind traumatisiert.

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Die Bilder von Menschen, denen die Naturkatastrophe alles nahm, und die in dem braunen Wasser nach Habseligkeiten suchen, gingen um die Welt. Knapp drei Wochen, nachdem der Zyklon auf Mosambik traf, ist die Situation der Menschen verheerend. Mit Spürhunden, die aus Südafrika hergeschickt wurden, suchen die Rettungskräfte nach Leichen. Zwar hat der Wiederaufbau begonnen, auch in der zerstörten Stadt Beira, doch noch immer gibt es keinen Strom. Auch die Wasserversorgung ist ein großes Problem. Manche Bewohner erzählen Fernsehsendern, dass sie noch immer nicht telefonieren können. Sie wüssten nicht einmal, ob ihre Angehörigen noch lebten.

Zwei Millionen Betroffene

Nach Angaben der UN und den Regierungen von Mosambik, Malawi und Simbabwe sind mehrere Hundert Todesfälle bestätigt. Mosambiks Präsident Filipe Nyusi sagte, er rechne alleine in seinem Land mit 1000 Toten. Mindestens zwei Millionen Menschen sollen von den Folgen des Sturms betroffen sein. Bis allerdings alle Gebiete erreicht sind, die das Wasser vom Rest isoliert hat, sei es unmöglich, die Zahl der Opfer einigermaßen verlässlich zu schätzen.

Eine Fläche so groß wie das Saarland wurde überschwemmt, Tausende Brunnen sin d unbrauchbar. Weil sich Krankheiten so schnell ausbreiten, verteilt das THW sauberes Trinkwasser. Im zweiten Schritt werden die Brunnen wieder funktionstüchtig gemacht. Außerdem inspizieren die Helfer aus Deutschland die Sanitäranlagen: Manchmal müsse nur ein Dach oder ein Rohr repariert werden, viele Latrinen seien jedoch komplett zerstört. Die Reparatur sei wichtig, um den "Kreislauf" zu durchbrechen, wie Knapp es nennt. Nur sauberes Wasser und intakte sanitäre Anlagen könnten die Cholera eindämmen.

Bis zu zehn Liter Flüssigkeitsverlust

Um sich selbst vor Krankheiten zu schützen, ist das THW-Team autark, mit eigener Dusche und Toilette, Schlafmöglichkeiten und Verpflegung. Knapp war schon mehr als zehnmal in Katastrophengebieten im Einsatz. Irgendwann habe er aufgehört zu zählen, sagt er am Satellitentelefon. Er war zum Beispiel 2010 nach dem Erdbeben in Haiti. Anders als dort, wo die Opferzahl sofort hoch war, trage sich in Mosambik eine "stille Katastrophe" zu. Die Folgen des Zyklons, so der THW-Experte, werden auch bleiben, wenn die Weltöffentlichkeit keine Notiz mehr nimmt. Menschen werden an Krankheiten sterben. Bauern werden extreme Ernteausfälle zu beklagen haben. Die Schäden werden Knapp und sein Team nicht ungeschehen machen können. Ihr Einsatz ist auf höchstens drei Monate angelegt. "Wir halten den Steigbügel für den langfristigen Aufbau," sagt er.

Karin Huster ist ebenfalls in Beira, als Koordinatorin für Ärzte ohne Grenzen. Es ist mindestens ihr siebter Einsatz für die Organisation. Auch sie habe aufgehört zu zählen. Dass sich zeitgleich mehrere Hilfsorganisationen einer Sache annehmen, sei eine Herausforderung bei solchen Missionen, sagt sie am Telefon. Daher sei gute Koordination wichtig. "Glücklicherweise haben wir drei Helikopter und ein Boot." So sei es gelungen, in abgeschnittene Gebiete vorzudringen. "In den Slums ist es noch schlimmer, weil es dort vor dem Sturm so gut wie keine Infrastruktur gab", sagt Huster.

Aufbau von Gesundheitszentren

Ihre Organisation hilft, Gesundheitszentren wiederaufzubauen, damit dort wieder Menschen gegen HIV, Malaria oder Unterernährung behandelt werden können. Mehr als 300 Mitarbeiter hat die Organisation im Land: etwa 100 waren bereits dort, 70 kamen nach dem Sturm in das Krisengebiet. Der Rest sind Mosambikaner, die für den Einsatz rekrutiert wurden.

Ein Choleraausbruch erfordere "Manpower", sagt Huster, denn neben der Behandlung müssten die hygienischen Bedingungen wiederhergestellt werden. "Das nimmt den Großteil unserer Ressourcen ein." Cholerapatienten verlieren am Tag bis zu zehn Liter Flüssigkeit. Meist bessere sich der Zustand nach wenigen Tagen. "Hat der Patient aber noch eine andere Krankheit wie HIV, dann wird es kompliziert." Wenn ihre Notfalleinheit den Einsatz beendet, gehe die reguläre Mission in Mosambik weiter, sagt Huster. "Doch ich glaube nicht, dass das so bald passiert."