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Mordprozess in Dresden:Tod am Ort für stillen Tourismus

Gimmlitztal

Ort für stillen Tourismus: die Pension, in der Wojciech S. starb.

(Foto: dpa)

Ein Mann verabredet sich mit einem Bekannten aus einem Online-Forum in der sächsischen Provinz - und wird erdrosselt. Das Dresdner Landgericht steht nun vor der Frage: Ist das auf seinen Wunsch hin geschehen, oder war es ein Mord?

Von Cornelius Pollmer, Dresden

Vor ein paar Wochen teilte das Dresdner Justizzentrum mit, es bereite sich auf einen fast beispiellosen Ansturm vor. Eine Vergleichsgröße fiel Ralf Högner dann aber doch ein, als er erklärte, dass für den Gimmlitztal-Prozess zwei normale Säle zu einem großen verbunden würden und man so immerhin die Zahl von 112 Sitzplätzen erreiche. Die Hälfte davon, 56, seien für deutsche und internationale Medien reserviert, sagte Högner, der Sprecher des Dresdner Landgerichts. Man hoffe deswegen, "dass ein Auswahlverfahren wie beim NSU-Prozess in München nicht notwendig sein wird".

An diesem Freitag nun beginnt der Prozess wegen Mordes und Störung der Totenruhe gegen Detlev G. , und dass dieser Prozess so großes Interesse nicht nur der Medien hervorruft, liegt zum einen an den Ereignissen im Oktober und November des vergangenen Jahres und zum anderen an den Erinnerungen, die die Schilderung dieser Vorgänge bei vielen weckten.

Zu den Ereignissen. Der 59-jährige Geschäftsmann Wojciech S. aus Hannover und der heute 56 Jahre alte Kriminalbeamte Detlef G. lernen sich im Oktober 2013 in einem sehr speziellen Forum im Internet kennen, eigenbeworben als "Nr. 1-Seite für exotisches Fleisch". Erst chatten und mailen die beiden Männer, später schreiben sie sich SMS, sie telefonieren auch und sie treffen eine Verabredung. Wojciech S. hält sich an die Verabredung, er steigt am 4. November um 6.50 Uhr in einen Bus und fährt nach Berlin. Dort steigt er um, in Dresden holt ihn Detlef G. schließlich mit dem Auto ab. Die beiden Männer fahren ins Gimmlitztal im Osterzgebirge, auch "Tal der Mühlen" genannt, wo G. nebenher eine Pension mit seinem Lebensgefährten betreibt. Was im Kellergewölbe dieser Pension noch am selben Tag geschieht, das ist im Obduktionsbericht von Wojciech S. nachzulesen: Er starb an Erdrosselung.

Ein Video soll das strangulierte Opfer zeigen

Nach dem Tod von S. soll G.dessen Leichnam vier bis fünf Stunden lang in mitunter sehr kleinteilige Teile zerstückelt haben, dann vergrub er diese im Garten, an verschiedenen Stellen. Es dauert eine Woche, bis S. als vermisst gemeldet wird, digitale Spuren führen die ermittelnden Beamten schließlich zu Detlef G., einem Schriftsachverständigen aus dem sächsischen Landeskriminalamt. In der ersten Vernehmung nach seiner Festnahme räumte G. den Ermittlern zufolge die Tat ein, als Motiv soll er den Tötungswunsch von S. genannt haben, sexuelle Motive für die Tat bestritt er.

Der Verteidiger des Angeklagten, Endrik Wilhelm, widersprach dieser Darstellung: Sein Mandant habe nie ein Geständnis abgelegt, sondern lediglich Schilderungen zu den Akten gegeben, "die nicht stimmten". Als Beleg dafür wertet er ein rekonstruiertes Video, welches das strangulierte Opfer zeigen soll. G. sei nur so weit gegangen, wie S. es verlangt habe, sagt Wilhelm. Eine damit begründete Haftbeschwerde, die Wilhelm einlegte, wurde allerdings abgelehnt.

Lorenz Haase hingegen, der Sprecher der Dresdner Staatsanwaltschaft, bleibt dabei: Das Ermittlungsergebnis rechtfertige einen dringenden Tatverdacht, "er wollte den Mann töten und zerstückeln". G. habe das gestanden und erst später zum Teil widerrufen. Zudem hätten sowohl Landgericht als auch Oberlandesgericht das Ermittlungsergebnis geprüft und die Auffassung der Staatsanwaltschaft bestätigt. Zur Klärung unter anderem der Frage, ob Detlef G. seine Bekanntschaft vorsätzlich getötet hat oder nicht, sind zunächst 15 Verhandlungstage angesetzt, an denen mindestens vier Sachverständige und 20 Zeugen gehört werden sollen.

In den Berichten über den Prozess werden vermutlich wieder die Wörter "Rotenburg" und "Kannibale" vorkommen, und damit die Erinnerung an das Jahr 2001, als Armin Meiwes einen 43-jährigen Mann mit dessen Einverständnis getötet, zerstückelt und zum Teil verspeist hatte. Meiwes verbüßt derzeit eine lebenslange Haftstrafe. Auch im Fall von Detlef G. waren Gerüchte um Kannibalismus aufgekommen - wegen des exotischen Forums, in dem S. und er sich kennengelernt hatten, aber auch wegen der augenfälligen Schwierigkeit, eine zerstückelt verstreut begrabene Leiche komplett zu bergen.

Ins "Tal der Mühlen" ist nach der hellen Aufregung im November eigentlich Ruhe eingekehrt. Es sei ja auch eher ein Ort für stillen Tourismus, sagt der Bürgermeister von Reichenau. Und die Pension, in der Wojciech S. zu Tode kam, gehört inzwischen nicht mehr Detlef G. Zu DDR-Zeiten war das Haus ein Ferienheim für Mitarbeiter des Post- und Fernmeldeamtes Riesa gewesen. Seit einer Weile gibt es neue Betreiber für die Pension, die Wiedereröffnung war zunächst für Mitte Juni geplant. Sie hat sich verzögert, aber: Seit zwei Wochen kommen wieder Gäste.

© SZ vom 22.08.2014/fran

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