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Mordprozess gegen Oscar Pistorius:"Der Rückstoß könnte ihn umwerfen"

Vor Gericht demonstriert Oscar Pistorius, unterstützt von seinem Orthopäden, wie wacklig er sich ohne seine Prothesen fortbewegt. Die Staatsanwaltschaft bezweifelt den Mangel an Beweglichkeit - immerhin habe der Angeklagte schießen können.

Oscar Pistorius vor Gericht

Oscar Pistorius sitzt seit diesem Montag erneut auf der Anklagebank. (Archivbild vom 12. Mai)

(Foto: dpa)
  • Mordprozess gegen Oscar Pistorius wird nach 30 Tagen Unterbrechung fortgesetzt
  • Gutachten attestiert Angeklagtem Zurechnungsfähigkeit, Bericht wird nur gestreift
  • Pistorius demonstriert Beweglichkeit ohne Prothesen - Staatsanwaltschaft bleibt skeptisch

Staatsanwaltschaft zweifelt an Oscar Pistorius' eingeschränkter Beweglichkeit

Wie mobil ist Oscar Pistorius ohne seine Prothesen? Wie unsicher fühlt sich der beidseitig Beinamputierte ohne seine Hilfsmittel? Diese Fragen spielen eine zentrale Rolle in dem Prozess. Der Angeklagte fühlt sich laut eigenen Angaben verletzlich, wenn er nur auf seinen Beinstümpfen steht; ohne Prothesen will er sich auch in der Tatnacht in Richtung Badezimmer vorgetastet haben, wo er den Einbrecher vermutete. Assistiert von seinem Orthopäden Gerry Versfeld demonstriert Pistorius dem Gericht, wie er sich auf seinen Stümpfen fortbewegt.

Versfeld erläutert im Gerichtssaal, dass Pistorius die Nervenenden fehlten, die bei gesunden Menschen dem Hirn mitteilten, wo sich die Extremitäten im Raum befänden. Daher müsse er sich beim Balancieren allein auf seine Sicht verlassen und sei deswegen in der Dunkelheit unsicherer. Staatsanwalt Gerrie Nel nimmt den Orthopäden ins Kreuzverhör: Wenn Pistorius ohne Prothesen so wacklig stehe, wie könne er dann so auf den Balkon gehen, wie er angegeben hatte? Wie konnte er Ventilatoren bewegen? Und vor allem: Wie konnte er vier Schüsse abfeuern? "Der Rückstoß könnte ihn umwerfen", sagt Versfeld zu den Schüssen. Er schränkt aber ein: Eine Wand im Rücken - so schildert der Angeklagte seine Position - hätte Pistorius Sicherheit gegeben. Nel will die Glaubwürdigkeit des Zeugen Versfeld angreifen, der auf Initiative der Verteidigung geladen war. Ein Prozessbeobachter bezweifelt, dass ihm das gelingt:

Tag 34 im Mordprozess gegen den Paralympics-Athleten

30 Tage war der Prozess vor dem Gauteng High Court in Südafrikas Hauptstadt Pretoria unterbrochen. Seit diesem Montagmorgen ist der Paralympics-Athlet Oscar Pistorius zurück auf der Anklagebank, wo er sich wegen Mordes an seiner Freundin Reeva Steenkamp verantworten muss. Die Staatsanwaltschaft um Gerrie Nel wirft dem 27-Jährigen vor, Steenkamp im Streit erschossen zu haben. Der Angeklagte beteuert seine Unschuld und pocht darauf, Steenkamp für einen Einbrecher gehalten und versehentlich getötet zu haben.

Gutachten bescheinigt Oscar Pistorius Zurechnungsfähigkeit

Der Angeklagte Oscar Pistorius litt während seiner Tat nicht an einer psychischen Krankheit, die sein Handeln beeinflusst hätte: Zu diesem Ergebnis kommt ein neues psychiatrisches Gutachten. Dieses hatte Richterin Thokozile Masipa in einer spektakulären Wende des Prozesses am 20. Mai angeordnet, in der Folge wurde das Verfahren für 30 Tage unterbrochen.

Am ersten Prozesstag nach der Pause wird entgegen der Erwartung von Beobachtern lediglich die zentrale Erkenntnis dieses neuen Gutachtens vor Gericht mitgeteilt und in wenigen Sätzen abgehandelt.

"Ich habe es erst heute Früh bekommen", sagt Richterin Thokozile Masipa und wedelt mit dem Schriftstück. Auch Verteidiger Barry Roux sagt, er habe den Abschlussbericht erst am Wochenende erhalten. Verteidigung und Staatsanwaltschaft geben zu Protokoll, die grundsätzlichen Schlussfolgerungen des Gutachtens zu akzeptieren. Alle Prozessbeteiligten müssen sich jedoch mit dem Dokument erst noch eingehender befassen. Es wird womöglich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal thematisiert werden. Entgegen der Erwartungen wird der Prozess fortgesetzt, als hätte es keine Unterbrechung gegeben.

Wie der Prozess weitergeht

Nach der wochenlangen Unterbrechung geht der Prozess mit der Beweisführung der Verteidigung weiter. Auf der Liste des Teams um Barry Roux stehen noch etliche Zeugen, die in den kommenden Prozesstagen zu Wort kommen dürften. Hat die Verteidigung ihre Sichtweise dargelegt, wird das Verfahren erneut unterbrochen - womöglich bis zu sechs Wochen. In dieser Zeit bereiten Anklage und Verteidigung ihre Abschlussplädoyers vor. Diese Schriftstücke werden dann allen Prozessbeteiligten zur Verfügung gestellt. Das Gericht tritt noch einmal für einen kurzen Zeitraum - womöglich nur für einen Tag - zusammen, die Plädoyers werden vorgetragen. Nach einer erneuten Unterbrechung, wohl erneut für wenige Wochen, spricht Richterin Masipa ihr Urteil.

Linktipps:

Was geschah seit Reeva Steenkamps Tod am Valentinstag 2013? Lesen Sie die Ereignisse hier in einer Chronologie nach.

Was bedeutete die spektakuläre Wende im Prozess für die Strategie der Verteidigung? Lesen Sie hier eine Analyse.

Richter, Anwälte, Ankläger: Die wichtigsten Personen und Fakten zum Prozess.