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Monsun lässt Fluten steigen:Zwanzig Millionen Pakistaner in Not

Bei der Flutkatastrophe gibt es ganze Landstriche, in die noch keine Hilfe vorgedrungen ist. UN-Generalsekretär Ban geißelt die zögerliche Auszahlung von bereits zugesagten Hilfsgeldern. Und die Wut auf Pakistans Regierung wächst.

Tobias Matern, Islamabad

Die Lage im pakistanischen Flutgebiet hat sich am Wochenende weiter verschlechtert. Die Behörden riefen in zusätzlichen Distrikten die Einwohner auf, ihre Häuser zu verlassen.

Hochwasser in Pakistan

Flutopfer auf der Flucht: Die Lage in den Katastrophengebieten, die sich über etwa ein Drittel Pakistans erstrecken, ist dramatisch. 

(Foto: dpa)

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki Moon, appellierte bei einem Besuch in Islamabad an die internationale Gemeinschaft, die Hilfsgelder für Pakistan schneller auszuzahlen. Von den Folgen der heftigen Monsunregen sind mindestens 20 Millionen Menschen betroffen.

Die UN haben von den erbetenen 460 Millionen Dollar für die unmittelbare Nothilfe bislang nur etwa 20 Prozent erhalten. Die Lage in den Katastrophengebieten, die sich über etwa ein Drittel Pakistans erstrecken, ist dramatisch.

Es gibt ganze Landstriche, in die noch keine Hilfe vorgedrungen ist. Sechs Millionen Menschen haben nach offiziellen Angaben weder Verpflegung noch andere Unterstützung erhalten.

Priorität für Nahrungsmittelversorgung

Laut einem pakistanischen Fernsehsender starben im Nordwesten des Landes fünf Kinder in Folge der mangelhaften Versorgung. Ban Ki Moon traf am Sonntag den pakistanischen Premierminister Jusuf Raza Gilani sowie Präsident Asif Ali Zardari. "Die Katastrophe ist noch lange nicht vorbei", sagte Ban nach dem Treffen. "Der Regen hält an und könnte noch wochenlang weitergehen."

Die Priorität sei nun, den betroffenen Menschen Essen zu bringen, sagte ein UN-Diplomat der Süddeutschen Zeitung. "Je länger wir jetzt noch warten, desto mehr Leben werden wir verlieren."

Die Menschen in den Flutgebieten sind vor allem auf ihre Regierung wütend, sie wird als korrupt und unfähig empfunden. Staatschef Zardari sieht sich massiver Kritik ausgesetzt, weil er zu Beginn der Krise eine luxuriös anmutende Europareise nicht unterbrochen hatte, während Teile Pakistans überflutet wurden.

"Unsere Politiker lassen uns im Stich", sagte ein Flutopfer in der Provinz Punjab. Ähnliche Sätze sind dieser Tage in Pakistan häufig zu hören. Vertreter von Hilfsorganisationen sprechen davon, es sei besser, die pakistanische Regierung bei der Unterstützung für die notleidenden Menschen zu umgehen. Sie selbst müssten jeden Euro genau nachweisen, bei den Politikern in Pakistan sei dies offenbar nicht der Fall, sagte der Mitarbeiter einer internationalen Nichtregierungs-Organisation der SZ.

Erzrivale Indien bietet Hilfe an

Nach Angaben von Meteorologen stieg der Pegel des Flusses Indus in der südlichen Region Sindh am Wochenende erneut an, es drohten weitere Überschwemmungen. Premierminister Gilani verteidigte in einer Fernsehansprache zum Tag der pakistanischen Unabhängigkeit das Krisenmanagement seiner Regierung.

Das Ausmaß der Katastrophe sei so groß, dass die Hilfe "ungenügend aussieht", gestand er aber ein. Gilani verlangte von den Geberstaaten zusätzliche Hilfe. Ernteausfälle und die zerstörte Infrastruktur summieren sich bereits jetzt zu einem Milliardenschaden.

Das als Erzrivale empfundene Indien bot Pakistan fünf Millionen Dollar an. Die Bundesregierung in Berlin teilte mit, sie werde die Unterstützung von 10 auf 15 Millionen Euro erhöhen. Die USA haben inzwischen 76 Millionen Dollar finanzieller Hilfe für einen ihrer wichtigsten Verbündeten im Kampf gegen den Terrorismus zugesagt.

Washington ist besorgt, dass islamistische Organisationen, die den Flutopfern Hilfe leisten, an Ansehen gewinnen. Die US-Regierung ist bestrebt, durch die Fluthilfe ihr negatives Image in Pakistan zu verbessern. Viele Menschen lehnen die amerikanischen Praktiken ab, vor allem die Angriffe mit unbemannten Drohnen im Grenzgebiet zu Afghanistan, um mutmaßliche Extremisten gezielt zu töten. Bei einem dieser Angriffe starben nach Angaben pakistanischer Medien am Wochenende in Nord-Waziristan 13 Menschen.

© SZ vom 16.08.2010/pak

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