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Molly Schuyler, 36 Jahre, 54 Kilogramm:"Wer kaut, hat keine Chance"

Die Amerikanerin schlingt 50 Bratwürste in acht Minuten hinunter. Ihr Beruf: Wettesserin. Was macht das mit einem, wenn man sich vor Tausenden Zuschauern den Magen vollstopft?

Interview von Stefan Wagner

Wenn sie isst, kommen bis zu 23 000 Fans. Molly Schuyler, 36, ist die mit Abstand beste Frau in der amerikanischen Profi-Liga der Wettesser. Sie hält die Weltrekorde bei Chickenwings (440), im freihändigen Kürbiskuchenessen (47 Stück), im Verzehren gebratener Pilze (5,2 Kilo) und im Bratwurstessen (50 in acht Minuten). Am Samstag will sie ihren Würstel-Rekord bei der "Bratwurst Eating Championship" in New York brechen. Das Treffen mit Schuyler - Mütze, Sonnenbrille, Tattoos, 34 Nasen- und Ohrstecker - findet am Nachmittag in einem Restaurant in Sacramento, Kalifornien statt. Es gibt "bottomless fries", also zu jeder Mahlzeit so viele Pommes frites, wie man will. Wir bestellen je einen Burger und einen Korb Fritten. Dabei soll es nicht bleiben. Im Laufe des Gesprächs bittet sie den erstaunten Kellner regelmäßig um Nachschub.

SZ: Guten Appetit! Das ist wahrscheinlich nicht Ihr erstes Essen heute?

Molly Schuyler: Nein, ich hatte schon einen Kaffee zum Frühstück und ein Sandwich zum Mittagessen. Ich esse kein Fast Food, das schmeckt mir nicht. Dafür lieber viel Gemüse, alles maßvoll. Ich wiege 54 Kilogramm und will schließlich nicht fett werden. Viele glauben, man müsse dick sein, um bei Wettessen zu bestehen. Doch die meisten Wettesser sind topfit. Die Bauchfettschicht ist sogar kontraproduktiv, weil sie wie ein enger Ring die Aufnahme großer Essensmengen begrenzt.

Wie trainiert man für ein Wettessen?

Ich trainiere nicht wirklich. Ich könnte es mir gar nicht leisten, nur zum Üben mehr als zehn Kilo Steak oder Pizza zu essen. Ich trinke alle paar Tage sechs bis zehn Liter Wasser in weniger als zehn Minuten. Das dehnt den Magen. Es ist wie bei anderen Sportarten, Stretching hilft. Ich weiß von anderen, die einen Mund voll Kaugummi kauen, um ihre Kiefermuskeln zu stärken. Ich mache auch Videoanalyse, versuche so, meine Atem- oder Handtechnik zu verbessern. Aber das Wichtigste ist Talent.

Was heißt das, Talent?

Man muss einen sehr dehnbaren Magen haben. Wer beim "competitive eating" vorne mit dabei sein will, muss es schaffen, den Würgereflex zu überwinden. Ich kaue nicht, ich beiße nur ab und schlucke ganze Brocken. Wer kaut, hat keine Chance. Weiteressen zu können, wenn man pappsatt ist, ist die Grundvoraussetzung.

Wann merkten Sie das erste Mal, dass Sie mehr essen können als andere?

Als ich im Mittleren Westen aufwuchs, besuchten wir oft All-you-can-eat-Buffets. Meine Eltern meinten, wenn wir schon mal ins Restaurant gingen, sollten wir das meiste draus machen. Manchmal entspann sich ein kleiner Wettkampf mit Familien am Nachbartisch, wer am meisten Puddinggläser leeren konnte. Meine drei älteren Brüder und ich haben selten verloren.

Zum ersten Profi-Wettessen ist das dann noch ein langer Weg.

Das stimmt. Ich hatte im Februar 2013 eine Wette laufen und habe an einem Schinkenesswettbewerb teilgenommen. Zu meiner Überraschung gewann ich. Der Preis war Schinken im Wert von 500 Dollar, na ja. Dann habe ich mich weiter umgeschaut, was es so gibt. So bin ich in die Szene reingerutscht. Komischerweise war ich fast immer unter den besten drei.

Vor zwei Jahren erstickte ein Mann in South Dakota bei einem Hotdog-Wettessen. Haben Sie keine Angst?

Das war sehr tragisch. Es war allerdings ein Amateur, der das erste Mal angetreten war. Sanitäter waren innerhalb weniger Minuten bei ihm, sie bekamen die Wurst nicht mehr rechtzeitig aus der Luftröhre. Als Profi ist man sich natürlich des Risikos bewusst. Wir haben aber sehr viel Übung und sind immer nur einige Meter von einem Einsatzarzt entfernt. Jeder Sport ist gefährlich, auch beim Laufen oder Tennisspielen sterben Menschen.

So richtig gesund ist Wettessen aber nicht.

Defending champion Molly Schuyler (2nd L) and Patrick 'Deep Dish' Bertoletti (R) compete in the 23rd annual Wing Bowl at the Wells Fargo Center in Philadelphia, Pennsylvania

Auf die Plätze, fertig, mampf: Beim "Wing Bowl" 2015 hat Molly Schuyler (Zweite von links) 440 Hühnchenflügel verdrückt. Weltrekord.

(Foto: Mark Makela/Reuters)

Ich gehe alle drei Monate zum Arzt, meine Blutwerte sind okay. Natürlich habe ich ab und zu Durchfall oder Magenschmerzen. Ich habe einmal elf Kilo Kartoffeln gegessen, das sind mehr als 20 Prozent meines Körpergewichts, das muss man erst einmal verdauen - im wahrsten Sinne des Wortes. Es gibt keine medizinischen Studien zu den gesundheitlichen Folgen des Wettessens. Natürlich ist es nicht gut, wenn ein 210-Kilo-Mann mit erhöhten Cholesterinwerten jedes Wochenende zum Essen antritt. Die meisten Profi-Esser sind jedoch fit und durchtrainiert und essen außerhalb der Wettkämpfe vernünftig.

Sind Sie auf bestimmte Nahrungsmittel spezialisiert?

Manche Sachen sind eine Zumutung. Zum Beispiel Schweinehirne, die sind gummiartig und schmecken eklig. Nie wieder! Oder Tacos, die sind so hart und kantig beim Runterschlucken. Auch roher Brokkoli ist schwierig zu essen. Dafür liebe ich Steaks, Chickenwings und Hotdogs!

Übergeben Sie sich eigentlich regelmäßig nach Ihren Wettkämpfen?

Das ist die Frage, die ich am häufigsten gestellt bekomme - und sie kotzt mich an. Verzeihen Sie meine Ausdrucksweise. Es ist eine unhöfliche Frage, die Sie sicher keinem anderen Menschen stellen würden.

Nun ja, aber andere Menschen stopfen sich auch nicht kiloweise Fischstäbchen in den Magen und lassen sich dafür feiern.

Ich verstehe Sie ja, Sie machen Ihren Job. Also: Mir ist bisher selten schlecht geworden. Eigentlich nur zweimal so richtig, bei den Schweinehirnen und bei Chilischoten.

Die Frage aller Fragen: Warum machen Sie das?

Unsere Familie braucht das Geld. Mein Mann ist Soldat und verdient nicht wirklich gut. Wir haben vier Kinder, die muss man erst einmal ernähren. Zum Glück zahlen die Veranstalter die Flüge und Hotels. Teils bekomme ich Antrittsgeld, ansonsten ist das jedes Mal eine ganz einfache Rechnung: Wenn ich für einen Wettkampf zwei Tage wegfliegen muss und für jeden Tag 200 Dollar Kinderbetreuungskosten zahle, muss ich mindestens 1000 Dollar Preisgeld mitnehmen, damit sich das Ganze rentiert. Zur Kohle kommt natürlich dazu, dass mir das Essen großer Mengen schlichtweg Spaß macht.

In den USA tobt ein erbitterter Kampf zwischen zwei Wettkampfarten, Picnic Style und Freestyle.

Das ist ein Glaubenskrieg. Wir Picnic-Style-Esser sind für einen würdevollen Umgang mit dem Essen. Bei uns gibt es kein Zerreißen, Einweichen, Eintunken oder Zerdrücken. Beim Freestyle ist das alles erlaubt. Das ist widerlich, wenn die Sportler einen Hotdog zerfleddern, dann das Brötchen in Wasser tunken und alles zermatscht und triefend nass runterschlingen.

Bei Wettkämpfen ist jedem Teilnehmer ein Kampfrichter zugeordnet. Warum?

Es geht um verdammt viel Geld. Disqualifizierungen gibt es ständig, die Leute lassen absichtlich Essen herunterfallen, stecken Essen in die Pappbecher oder tunken verbotenerweise ein. Einer hat sogar mal versucht, Karotten in die Hosentaschen zu stopfen. Natürlich wird auch jeder disqualifiziert, der sich übergibt. Bei Hühnerflügeln untersuchen die Schiedsrichter auch, ob jeder Knochen gut abgefieselt ist. In den letzten Sekunden stopfen sich die Athleten so viel Essen in den Mund, wie nur reinpasst. Nach der Schlusssirene muss man alles innerhalb von 60 Sekunden runterschlucken. Das ist schwer, wenn man vier Burger im Mund hat.

Ein Youtube-Video, das Sie beim Vertilgen von vier Kilo Steak zeigt, wurde fast 1,2 Millionen Mal gesehen. Wie ist das mit dem Ruhm?

Der Sport wächst gigantisch schnell. Ein Hotdog-Wettbewerb in New York wird sogar live auf dem Sportsender ESPN übertragen. Da hängen zwei Millionen Menschen am Bildschirm. Trotzdem, ich bin weder Footballstar noch Tiger Woods. Gelegentlich werde ich im Supermarkt oder am Flughafen erkannt. Die meisten Leute wollen nur ein Autogramm oder ein schnelles Foto. Bei manchen ist es komplizierter, die wollen Fotos machen, die mich beim Essen zeigen. Die kaufen dann fünf Hamburger und bitten mich, mit ihnen zu posieren und so zu tun, als würde ich reinbeißen. Übrigens: Wer meinen Bauch anfassen will, bekommt eine geknallt.

Molly Schuyler, 36 Jahre, 54 Kilogramm, ist die beste Wettesserin der Welt. Ihre Wettkampfvorbereitung besteht darin, alle paar Tage zehn Liter Wasser in sich hineinzuschütten, denn: "Das dehnt den Magen. Stretching hilft."

(Foto: oh)

Können Sie vom Essen leben?

Klar, das ist mein Beruf. Ich habe sieben Jahre als Kellnerin gearbeitet, für 2,13 Dollar die Stunde. Eine elende Existenz. Beim "Wing Bowl" in Philadelphia habe ich in einer halben Stunde 22 000 Dollar gewonnen und eine Harley Davidson dazu. Ich glaube, eine halbe Million in fünf Jahren ist drin. Verglichen mit anderen Sportarten ist das okay, aber nicht viel.

Wettessen soll ein Sport sein?

Es ist die natürlichste Sportart der Welt - oder kennen Sie jemanden, der nicht isst? Es erfordert Kraft, Ausdauer, Konzentration und Willensstärke. Ich liebe das Adrenalin beim Wettkampf und habe eine diebische Freude daran, Männer zu schlagen, die dreimal so schwer sind wie ich.

Muss man eine Rampensau sein, um vor Publikum mit verschmiertem Gesicht und vollgesabbertem T-Shirt zu fressen?

Bei meinem größten Wettkampf werde ich im Matrosenkostüm auf einer Plastikrakete reitend in den Saal gefahren, 23 000 Menschen schreien: "Molly! Molly!" Da hilft es, nicht ganz schüchtern zu sein. Beim eigentlichen Wettkampf, nach der Nationalhymne und der Vorstellung der Teilnehmer, versinkt man in seiner eigenen Welt. Ich bin hundertprozentig fokussiert, wie Usain Bolt beim 100-Meter-Lauf. Nach dem Startsignal musst du reinhauen, volles Tempo gehen. Das sieht nicht schön aus, aber ein Marathonläufer sieht nach 42 Kilometern auch nicht mehr gut aus.

Sie haben vier Kinder im Alter von acht, neun, zehn und 13 Jahren. Sind Sie glaubwürdig, wenn Sie Ihre Töchter ermahnen, den Mund nicht zu voll zu nehmen?

Sie wären überrascht, wie es bei uns am Esstisch zugeht. Mir sind Manieren wichtig. Ich spreche nie über meinen Beruf und will auch nicht, dass meine Kinder die Videos auf Youtube sehen. Das eine ist der Sport, das andere ist das Leben. Ein Rennfahrer fährt ja auch nicht auf dem Weg zum Einkaufen Tempo 300.

Was wollen Sie machen, wenn der Magen nicht mehr mitmacht?

Ich weiß, dass ich vielleicht noch acht bis zehn Jahre auf diesem Niveau essen kann. Es gibt kaum einen Wettesser über 50. Vielleicht gehe ich zurück ans College, werde Tierärztin. Ich habe vier Katzen.

In vielen Ländern der Welt verhungern Menschen, und Sie stopfen sich in zehn Minuten den Nahrungsmittelbedarf eines Dorfes in den Mund. Finden Sie das okay?

Ach, wissen Sie, jeder Supermarkt in Amerika wirft jede Woche mehr Nahrungsmittel weg, als alle Wettesser zusammengenommen in einem Jahr essen. Von All-you-can-eat-Restaurants will ich gar nicht anfangen, da landen täglich Tausende Tonnen auf dem Müll. Davon redet kaum jemand. Viele der Wettess-Veranstalter spenden einen Teil der Einnahmen an Obdachlose, Suppenküchen oder die Hungerhilfe.

Molly Schuyler hat einen Burger und 18 Portionen Pommes gegessen. Der Kellner will ein Foto. Sie sagt: "Sorry, muss nach Hause. Zum Abendessen."

© SZ vom 26.10.2016
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