Mörder Heinrich Pommerenke Ein Leben hinter Gittern

Sechzig Verbrechen in Folge, die Zeitungen schrieben damals von einer Bestie: Heinrich Pommerenke sitzt seit 1959 ununterbrochen im Gefängnis.

Von Bernd Dörries

"Vor ihnen sitzt kein Mensch, sondern der Teufel", hat Heinrich Pommerenke damals zum Richter gesagt. Fast fünf Jahrzehnte später ist er gläubig und fromm geworden, ist ihm ein Bart gewachsen, sitzen tut er aber immer noch. Pommerenke ist der am längsten inhaftierte Gefangene in Deutschland, seit 1959 ist er ununterbrochen im Gefängnis.

Heinrich Pommerenke, 1960.

(Foto: Foto: dpa)

Viele Jahre haben seine Anwälte darum gekämpft, dass Pommerenke in seinem Leben noch einmal in Freiheit kommt, seit einigen Tagen aber liegt der 71-Jährige im Gefängniskrankenhaus auf dem Hohenasperg bei Stuttgart, zuckerkrank war er ohnehin schon, jetzt hat er wahrscheinlich auch noch Leukämie.

Im Jahr 1959 versetzte eine Serie von über sechzig Verbrechen die Region Schwarzwald in Angst: Morde, Vergewaltigungen und Raube. Einmal stieg der Täter ins Schlafzimmer eines jungen Mädchens und versuchte, sie zu vergewaltigen. Ein anderes Mal stieß er eine Frau aus dem fahrenden Zug, zog die Notbremse und sprang hinterher, tötete und missbrauchte sie. In dieser Reihenfolge. Im Schwarzwald hatten die Menschen das Gefühl, das Böse könnte hinter jeder Hecke sitzen. Und oft saß es da auch. In einer Holzhütte im Wald wird die damals 18-Jährige Karin Wädle vergewaltigt und dann mit einem Stein erschlagen. Die Zeitungen schrieben damals von einer Bestie.

Der Täter war Heinrich Pommerenke, ein blonder Schlacks von 22 Jahren, die Haare nach hinten gekämmt. Wegen insgesamt 65 Straftaten wurde er 1959 vom Landgericht Freiburg zu sechs Mal lebenslänglich verurteilt. Vier Morde hatte er begangen, Dutzende Male vergewaltigt oder es versucht. Seitdem sitzt er in Haft. Die meisten zu lebenslänglich Verurteilten haben eigentlich nach 15 Jahren das erste Mal die Möglichkeit, um vorzeitige Entlassung zu bitten.

Bei Pommerenke, urteilte das Bundesverfassungsgericht schon 1995, sei es mit der Würde des Menschen unvereinbar, die Chance auf Freiheit auf einen "von Siechtum und Todesnähe gekennzeichneten Lebensrest zu reduzieren", seit 2001 gilt seine Strafe als verbüßt. Frei kam er aber nicht, weil sich kein Gutachter fand, der bestätigen wollte, das von Pommerenke keine Gefahr mehr ausgeht. Nach 34 Jahren durfte er seinen ersten Ausgang machen. Zusammen mit dem pensionierten Pfarrer Ernst Ergenzinger, der sich für ihn einsetzt. Später ging es einmal in den Stuttgarter Zoo.

"Ich möchte nicht entlassen werden"

Als Jugendlicher wohnte Pommerenke in Hornberg im Schwarzwald. Dort spielte er Fußball mit den Schäuble-Brüdern. Wolfgang, der eine, wurde später Bundesinnenminister. Sein Bruder Thomas Justizminister in Baden-Württemberg. Und als solcher sagte Thomas Schäuble, der Pommerenke aus Hornberg komme nicht mehr raus. Die andauernde Haft sei eine "Vernichtung, kein Hinführen an die Freiheit", hat Harald Preusker einmal gesagt, der ehemalige Gefängnisleiter von Bruchsal, wo Pommerenke lange saß.

"Im Zuchthaus werden sich neun Tore öffnen, durch die er gehen muss. In die neunte Hölle Dantes muss er hinein", hatte der Staatsanwalt einst bei der Verurteilung erklärt. Und so ähnlich kam es dann. Eine richtige Therapie hat Pommerenke über Jahrzehnte nicht bekommen, er wurde einfach weggeschlossen. Einmal wurde an ihm eine Hormonbehandlung probiert, durch die ihm Brüste wuchsen.

"Ich möchte nicht entlassen werden, wenn die Frauen vor mir schreiend davon laufen müssen", hat Pommerenke einem Journalisten der dpa vor zwei Jahren gesagt. Bis zum Freitag saß auch Christian Klar in Bruchsal in Haft. Über die Freilassung des ehemaligen RAF-Terroristen debattierte das ganze Land seit Jahren aufgeregt.

Heinrich Pommerenke hat man einfach vergessen.