bedeckt München 13°

Möglicher Umweltskandal in Niedersachsen:Gerücht ohne Grundlage

Das niedersächsische Sozialministerium hat eine Expertengruppe einberufen, im Landtag haben die Grünen eine Anfrage gestellt. In der vergangenen Woche haben Ermittler im Auftrag der Staatsanwaltschaft in der Siedlung Formulare an Familien verteilt, in denen die Staatsanwaltschaft um Auskunft über Erkrankungen bittet, und darum, Ärzte von der Schweigepflicht zu entbinden.

Im Dorf spricht man von einer Zerreißprobe für Groß Schneen. Da ist einmal die Erleichterung, dass untersucht wird, was als Verdacht im Ort kursierte. Andere nennen das Ganze: Blödsinn, ein Gerücht ohne Grundlage.

"Ich finde es gut, dass der Sache jetzt auf den Grund gegangen wird", sagt Renate Schmalfuss, sie führt seit fast zwanzig Jahren eine Praxis als Allgemein-Medizinerin in Groß Schneen. "Die Leute in der Siedlung haben sich manchmal schon gefragt, ob es einen Grund gibt, warum relativ viele Menschen im mittleren Alter dort an Krebs erkrankten." Die Ärztin mahnt zur Vorsicht. "Ob es tatsächlich eine statistische Häufung gibt, muss überprüft werden. Das aber ist schwierig."

Höchst Privates wurde öffentlich

Und auf dem Weg zur Aufklärung ist, das kann man spüren, schon etwas falsch gelaufen. Das Foto mit den Sternen hat den Ort aufgewühlt. Es gibt Zweifel, dass alles stimmt. Und es wurde höchst Privates öffentlich. In einem Ausschuss beklagte sich eine Frau unter Tränen, dass ihre Erkrankung bekannt wurde. Sie habe über Jahre alles getan, das zu verhindern. Ein Haus sei zudem fälschlich eingezeichnet worden.

Nach ersten Berichten machten sich Reporter zu Bewohnern auf, einige gingen so wenig einfühlsam vor, dass die Betroffenen nicht mehr reden wollen. Andere im Dorf fürchten um den Wert ihrer Häuser - ganz gleich, ob dort früher jemand erkrankte oder nicht. Jemand wird mit dem Satz zitiert: "Auf meinem Haus ist ein Kreuz, das kann ich gar nicht mehr verkaufen."

Dazu kommt die Angst vor Krankheit. "Die Art der Berichterstattung hat viele hier sehr verunsichert", sagt die Ärztin Renate Schmalfuss. "Sie fragen sich zum Beispiel, was eine mögliche Belastung für ihre Kinder bedeutet - und ob es auch andere Ursachen sein können." Da wird über das Atomkraftwerk in der Nähe spekuliert, oder das Trinkwasser. Dabei ist gerade das besonders sauber und rein hier, und die Spekulation zeigt einfach die Ratlosigkeit.

Die Lackiererei genießt im Ort einen guten Ruf, sie ist seit Generationen hier verankert, der Chef wohnt mitten in Groß Schneen. Die Geschäftsleitung der Wilhelm Grewe OHG reagiert freundlich auf die Bitte um ein Gespräch: Man wolle nicht mehr mit Journalisten sprechen. Umgehend schickt sie eine Presseerklärung, in der sie den Vorwürfen widerspricht. Schon seit 1999 setze die Firma das Reinigungsmittel Trichlorethylen nicht mehr ein. Sie habe es durch ein unbedenkliches Mittel ersetzt. "Geschäftsleitung und Mitarbeiter sind wegen der aufgetretenen Krebserkrankungen in unserem Heimatort sehr betroffen", schreiben sie und sichern den Behörden "jegliche Unterstützung" zu.

Wie kann wieder Ruhe nach Groß Schneen kommen? Der Bürgermeister von Friedland, Andreas Friedrichs, wirkt so aufgewühlt wie Ort, als er im Rathaus von den vergangenen Wochen erzählt. Was auch daran liegt, dass er jetzt wenig tun kann. Eine Bürgerversammlung würde keinen Sinn ergeben, solange es keine Fakten gibt. Die Ermittlungen werden noch andauern.

"Als Bürgermeister kann ich alle Beteiligten nur aufrufen, keine voreiligen Schlüsse zu ziehen", sagt er. "Ich hoffe inständig, dass diese Zahlen über die Krebshäufigkeit sich nicht bewahrheiten." Selbst dann wäre, so weiß er, nichts mehr wie vorher.

© SZ vom 10.12.2012/jobr/bavo

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite