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Moderner Glaube:Glaube als Teil der Wellness- und Fitness-Bewegung?

Der Glaube als Teil der Wellness- und Fitness-Bewegung, das ist eine gruselige Vorstellung. Religion wird zum Zweck, zur spirituellen Badewanne. Und wem es hinterher nicht besser geht, wer immer noch Fragen hat, wem der Zweifel ein hartnäckiger Begleiter bleibt- der hat was falsch gemacht, hat die geforderte Leistung nicht erbracht. Wer nicht geheilt von dannen geht, wer weiterhin Sorgen hat und ratlos vor seinem Leben steht, hat nicht richtig geglaubt. Hinter dieser Vorstellung steht die religiös gewordene Drohung der Positive-Thinking-Ideologie: Sieh es positiv - oder stirb.

Vielleicht aber ist eine Krebserkrankung nicht in jedem Fall eine Herausforderung, aus der man gestärkt hervorgeht, sondern ein guter Grund für Verzweiflung. Den Glauben als Wellnessangebot zu sehen, als Lebensbewältigungsgarantie - das ist nicht besser als die Obrigkeit, die im 19. Jahrhundert davon ausging, dass eine ordentliche Religion tausend Polizisten spart. Es macht den Glauben zum Zweck. Doch dann verliert dieser Glaube, was ihn ausmacht: Er ist nicht mehr Ahnung des Paradieses. Er erzählt nicht mehr von der anderen Seite, vom fremden Gott so wenig wie von dem, der einem näher ist als der innerste aller Gedanken. Der Glaube ist nicht mehr frei und macht nicht mehr frei. Er verliert seine Transzendenz und tritt seinen Dienst an, im Namen der Obrigkeit, des Gemeinwesens, der Volksgesundheit.

Und dann hilft er auch nicht mehr und macht auch nicht mehr gesund. Die Meditation heilt paradoxerweise vor allem dann, wenn sie nicht zielgerichtet zur Heilung eingesetzt wird, wenn sich nicht einer niedersetzt und sagt: Jetzt muss es mir aber, verdammt noch mal, bald besser gehen - Forscher haben diesen Effekt bei Buddhisten wie bei Christen beobachtet. Der Glaube ist zwecklos, und wer ihn verzwecken will und benutzen, zerstört ihn, ob er Politiker ist oder Therapeut oder Bischof.

Dem Zweck entkommen - den Sinn finden

Der Sinn des Glaubens liegt im Zwecklosen. Er setzt allen menschlichen Zwecken Grenzen, allen Taten, Plänen, Maßstäben und Vorstellungen. Das Gebet von Papst Franziskus an der Mauer zwischen Israel und Palästina und am Denkmal für die Ermordeten des Terrors war zwecklos: Einen Friedensplan für den Nahen Osten bringt das nicht. Aber es hat seinen Sinn, weil es den Herren Netanjahu und Abbas die Grenzen ihres Handelns zeigt. Wer meditiert und sich ins Gebet versenkt, entkommt dem Zweck und findet den Sinn. Der Gläubige kann sich in seinen Nöten und Ausweglosigkeiten vor seinen Gott werfen und den Fall an die höchste Instanz abgeben: Mach du was draus. Das ist zwecklos, aber nicht sinnlos.

Dem Zweck die Grenzen zeigen, sich selbst nicht die letzte Instanz sein müssen - und dürfen: Das sind die Gaben des Glaubens an die Gläubigen und an die ganze Gesellschaft. Es ist die Kraft des Transzendenten, die verhindert, dass der Mensch zum Objekt des Menschen wird, ob bei der Embryonenforschung, der Wirtschafts- und Flüchtlingspolitik. Zu glauben heißt, sich vor Gott werfen können, in geradezu anarchischer Pose: Du kannst die Herrschaft abgeben. Du musst nicht mehr alles kontrollieren, besser machen, richtig machen. Du kannst Mensch sein mit allen Fehlern.

Welch eine erleichternde Vorstellung: Der Glaube schlägt dem ganzen Selbstoptimierungsgewese ein Schnippchen. Das kann man gar nicht laut genug feiern auf dem Katholikentag in Regensburg.