Moderne Unternehmensführung Gute Nacht

Mit einem Foto inszeniert sich der britische Unternehmer und Milliardär Richard Branson als besonders mitarbeiternah. Aber ist das nicht ein bisschen zynisch? Warum Chefs niemals Kumpels sind.

Von Martin Zips

Es muss das bordeauxrote Sofa gewesen sein, das dem Mitarbeiter zum Verhängnis wurde. Der Trend zum Sofa als Büromöbel ist ja ungebrochen. Gemütliche Sitzgruppen, Freiobst und Saftpresse - so entsteht Großes. Arbeiten wie im Silicon Valley. Und nicht vergessen: Dein Chef ist Dein Kumpel, Vorzimmer, Drehstuhl und Konferenztisch waren gestern, heute sind Pingpongplatten, Bananenkisten und Fitnessräume dran. Vollklimatisierte Work-Life-Balance quasi. Da hat sich der Virgin-Mitarbeiter in seinem Büro in Sydney halt mal kurz die violette Krawatte gelockert - und ist eingeschlafen. Und dann? Dann kam zufällig Richard Branson vorbei, der Chef. Branson setzte sein breitestes Kapitalisten-Grinsen auf, hockte sich neben den Schlafenden und ließ sich fotografieren. Das Foto stellte er ins Netz, und natürlich hat es alle extrem beeindruckt. Hey, so einen entspannten Chef würde man auch gerne haben.

Branson ist ein irrer Typ. Wirkt so entspannt wie die Musik auf "Tubular Bells", dem Album, das der Brite mal vor sehr, sehr vielen Jahren mit Mike Oldfield produziert hat. Das war, nachdem Branson eine kleine Zeitung finanziell in den Sand gesetzt hatte. Was schade war, weil für die Zeitung auch Jean-Paul Sartre und John le Carré geschrieben haben.

Dank "Tubular Bells" (Röhrenglocken) hat Branson dann recht viel Geld verdient. Er steckte es sofort in seine Plattenfirma. Heute ist Virgin ein röhrender Riesenkonzern mit 50 000 Mitarbeitern, der mehr als 20 Milliarden Dollar Umsatz macht und sich vielleicht sogar die Rechte an allen Sartre-Büchern leisten könnte. Wenn sich mit Sartre ("Der Mensch ist im Grunde Begierde, Gott zu sein") denn heute noch irgendwas verdienen ließe.

Privat soll es Branson auf mehr als fünf Milliarden Dollar bringen. Vor fünf Jahren ist bei ihm daheim, auf Necker Island, mal der Blitz eingeschlagen. Da ist seine Villa komplett abgebrannt. Die Schauspielerin Kate Winslet war gerade zu Besuch, sie soll Bransons Mutter Huckepack genommen und in Sicherheit getragen haben. Eine von vielen Branson-Geschichten, von denen man nicht genau weiß, ob sie auch tatsächlich stimmen.

Klamauk im Kapitalismus: Branson verkleidet sich auch gerne mal als Meerjungfrau

Viele mögen Richard Charles Nicholas Branson jedenfalls schon deshalb, weil er seine Träume lebt. Mag sein, dass er nicht ganz so wohltätig ist wie Bill Gates und nicht ganz so fleißig wie Mark Zuckerberg. Doch Branson wirkt immerfort wie ein großes Kind, fliegt im Ballon um die halbe Welt, überquert den Ärmelkanal im Amphibienfahrzeug, will hoch ins All und tief in den Marianengraben.

Wenn es um die Begleichung seiner Wettschulden geht, schubst Branson sogar mal in Strumpfhose den Saft durch die Passagiermaschine. Und im Meerjungfrauen-Kostüm kämpft er gegen Plastikmüll in den Ozeanen. Das hinkt zwar ein bisschen, weil Branson ja Chef eines Konzerns ist, der neben Plastik auch sehr viel Abgase, Lärm und Schrott verursacht. Aber ein Unternehmer, der einst von der Queen zum Ritter geschlagen wurde und jetzt als Arielle aus dem Pool winkt, kommt auf Twitter eben immer gut.

Ebenso gut wie sein im Netz gerne geteilter Satz: "Ich bin überzeugt davon, dass Balance und Ebenbürtigkeit am Arbeitsplatz wichtig sind, weil ich weiß, dass das die Business-Perfomance nur verbessert."

Was der auf dem bordeauxroten Sofa im Virgin-Büro eingeschlafene Typ wohl davon hält, dass das Foto mit seinem munteren Chef gerade weltweit Karriere macht? Schwer zu sagen. Vielleicht hat er sogar sein Einverständnis für die Veröffentlichung gegeben, als er endlich wieder bei Besinnung war. Weil er die ganze Aktion für ein Zeichen von Balance und Ebenbürtigkeit hält, mit der er seine Business-Performance noch deutlich verbessern kann. Vielleicht gleitet der namenlose Mitarbeiter vom Bürosofa aber auch bald hinüber auf die nächste Kündigungsliste. Dann könnte er freiberuflich als Meerjungfrau im Hotelpool jemanden Huckepack nehmen.

Branson jedenfalls zeigt sich in der Angelegenheit extrem verständnisvoll: Der Schläfer sei doch nur im Bereitschaftsdienst gewesen, erklärte er, sein Nickerchen sicher dringend notwendig. Gut, dieser Typ ist eben nicht nur ein Chef, er ist: Dein Kumpel. Auch, wenn das alles ein bisschen so klingt wie: "Natürlich darfst Du von zu Hause arbeiten. Aber Du solltest auch nachts erreichbar sein."

Psychologen halten Würstchen insgesamt für die besseren Bosse

Ehemalige Virgin-Mitarbeiter jedenfalls erzählen gerne die Geschichte, wie Branson einmal öffentlichkeitswirksam Elterngeld angekündigt habe, es am Ende aber nur wenigen bezahlte. Auch soll er vor zehn Jahren laut Guardian mal versprochen haben, drei Milliarden US-Dollar in erneuerbare Energien zu stecken. Bisher seien aber nur ein paar Milliönchen geflossen. Trotzdem: Ist so einer als Boss nicht wesentlich angenehmer als zum Beispiel Donald Trump ("Hört auf, Arbeit und Vergnügen in Einklang zu bringen. Macht euch die Arbeit angenehmer")? Vorsicht: Ebenso wie Trump und Carsten Maschmeyer war Branson auch mal Teil einer Fernsehshow, in der sehr erfolgreiche Unternehmer den Daumen über kapitalhungrige Arbeitswillige kaiserlich kühl hoben oder senkten. So groß ist der Unterschied halt doch nicht. Allein: Grinser kommen besser rüber.

Der amerikanische Wirtschaftspsychologe Paul Babiak will einmal herausgefunden haben, dass Chefetagen oft von dissozialen Personen besetzt sind, die zwar auf den ersten Blick visionär und freundlich wirken, in Wirklichkeit aber narzisstisch und nicht ungefährlich sind. Sein Fazit: Für einen guten Teamgeist ist ein Würstchen als Boss viel vorteilhafter.