Kolumne „Mitten in …“Weltpolitik ist ihnen Wurst

Lesezeit: 2 Min.

Marc Herold

Eine SZ-Autorin wird in einem Supermarkt bei München von einer Siko-Delegation überrascht. Ziel der Diplomaten: das Fleischregal. Drei Anekdoten aus aller Welt.

Mitten in … Unterföhring

Sicherheitskonferenz, kurz Siko, in München. Am wenigsten rechnet man mit deren Ausläufern im Supermarkt in Unterföhring. Aber plötzlich hält ein Konvoi, darunter eine Limousine mit Diplomatenkennzeichen, vor dem Eingang. Dunkel gewandete Herren und Damen mit Siko-Ausweisen um den Hals eilen in den Laden, wo eine Promo-Frau in Rosa zwischen Kopfsalat und Knuspermüsli Süßigkeiten verteilt, „schönen Valentinstag!“ Die asiatische Siko-Delegation aber zieht es zum Fleisch, man deckt sich ein mit Weißwurst, Fleischwurst, Bratwurst. Dann rasch wieder raus, doch vor der Tür stehen plötzlich glitzernde Menschen mit glitzernden Haaren in glitzernden Bodys, ihr Bus wartet schon, darauf ein Schild: „Faschingsgesellschaft Feringa“. Das ist fast so gut wie ein Diplomatenkennzeichen. Annette Zoch

Marc Herold

Mitten in … Köln

Der Sprung in den Kölner Karneval ist jedes Mal ein Wagnis: Wie kalt und wie nass wird es? Wie lange muss ich noch an der überfüllten Kneipe anstehen, bis ich endlich reinkomme? Und spielen sie da drin auch wirklich nur feine kölsche Musik, oder läuft am Ende womöglich doch Wolfgang Petry? Derlei Sorgen plagen den rheinischen Exilanten, der wie fast jedes Jahr aus München angereist ist. Und dann steht man abends in dieser Kneipe im Stadtteil Sülz, ein Kölsch in der Hand, und schunkelt zu den Hymnen der Bläck Fööss und von Kasalla, bis Brings singen: „Kumm, lommer heimjonn.“ Sie liegen sich hier alle in den Armen: alte Freunde und Menschen, die sich ein paar Minuten zuvor noch überhaupt nicht kannten. Ein herzlicher Gruß geht raus, an den Clown mit Hütchen, den Wicht mit der roten Mütze und an alle anderen Jecken. Nä, wor dat schön! Benedikt Peters

Marc Herold

Mitten in … Visviri

Die Ruta Andina in Chile einsam zu nennen, ist untertrieben: 100 Kilometer kaum ein Auto, dafür Alpakas, schneebedeckte Berge und Wind. Was mit dem Fahrrad eine Herausforderung ist, ebenso die Höhe von mehr als 4000 Metern. Im Grenznest Visviri soll es rübergehen nach Bolivien, doch im Container der Grenzpolizei rührt sich nichts. Nach einigem Klopfen öffnet sich die Tür, der Beamte hat geschlafen. Und ist übel gelaunt. Er muss den Stempel erst auf das richtige Datum einstellen, zack, hämmert er ihn in den Pass. Nun ist auch ein Zollbeamter wach geworden, will die Ausreise des Rads nicht gestatten, es gebe neue Regeln. Am Ende zeigt er sich gnädig. Und wo gibt’s den Stempel für Bolivien? Da vorne. Klopfen, warten, ein Mann öffnet, schließt die Hose. An der Wand hängt ein Bild von Evo Morales, der seit 2019 nicht mehr Präsident ist. So wird aus der Radreise eine Zeitreise. Georg Ismar

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