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SZ-Kolumne "Mitten in ...":Tupac, komm zurück!

Der SZ-Reporter in Hamburg missachtet die abendliche Corona-Sperrstunde. Das hätte sich beinahe bitter gerächt. Drei Anekdoten aus Deutschland.

Mitten in ... Hamburg

Illustration: Marc Herold

Wieder viel zu lang gearbeitet, die Zeit vergessen, und die Ausgangssperre beginnt in Hamburg bereits um neun. Es geht auf elf, schnellstens nach Hause, ist ja nicht weit. Und wenn jetzt eine Kontrolle kommt? Nichts dabei: Kein Ausweis, keine Arbeitgeberbescheinigung für unerlässliche Recherche, wie soll die Polizei jemandem, der gegen Mitternacht noch draußen herumstrolcht, den Journalisten ansehen, der sich bis eben, weit über die Sperrstunde hinaus, bei der Kollegin des systemrelevanten Aktenstudiums befleißigt hat? Statt der Polizei kommt dieser kälbergroße Hund, der geifernd auf einen zuspringt. Flehen um Hilfe: "Nehmen Sie bitte den Hund weg!" Keine Reaktion, kein Herr, nur Hund, knurrend. Zartstimmig dann von der anderen Straßenseite: "Der hat Angst, Tupac, bleib!" Wo ist die Polizei, wenn man sie braucht? Willi Winkler

Mitten in ... Lenggries

Illustration: Marc Herold

Was für ein schöner Wandertag. Menschenleer waren die zwei Gipfel oberhalb des Isartals, und man fühlt sich ein bisschen erhaben, weil man nicht auf den ausgetretenen Pfaden unterwegs ist. Doch was bewegt sich da zwischen den Bäumen? Das muss ein Auerhuhn sein. Oder ein Auerhahn? Der Schnabel pickt in die Luft, die schwarzen Schwanzfedern werden zum Halbkreis aufgefaltet. Näher ran, das Handy im Anschlag. Der Vogel tanzt auf und ab, ruft, klackert, schnarrt. Das Foto ist unscharf, noch zwei Schritte, nächster Versuch. Oh, jetzt kommt das Huhn näher, nimmt Anlauf, flattert auf, ganz schön groß. Nichts wie weg. Und während die Wanderin hektisch weiterstolpert, dämmert ihr, dass sie gegenüber dem Tier das hat vermissen lassen, was sie von anderen Menschen gerade vehement einfordert: das Gefühl für den angemessenen Abstand. Eva Dignös

Mitten in ... München

Illustration: Marc Herold

Der Riemer Park ist voll am Sonntagnachmittag. Man teilt sich den Lebensraum mit anderen maskenlosen Sonnenhungrigen und verteilt sich coronakonform in Grüppchen an der Seepromenade, auf der Wiese, am Waldrand. Südlich vom Plateau des 20 Meter hohen Aussichtshügels leuchten einem in der Ferne so nah die Alpen entgegen, über dem Rodelhang mühen sich Gleitschirmflieger ab. Der Aprilwind macht ihnen das Abheben schwer, die drei Männer sind fast ausschließlich mit Springen, Stolpern und Schleppen beschäftigt. Plötzlich kippt eine Böe den Starter am Hang nach hinten, sein bunter Übungsschirm senkt sich lautlos über die Menschen auf der Parkbank. Niemand verletzt, alles lacht. Danach wickelt man mit vereinten Kräften die Banknachbarn aus. Jetzt noch ein Eis vom Kiosk, wenn man schon die Maske dabeihat. Nimm das, Corona! Katalin Molnár

© SZ/nas
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