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SZ-Kolumne "Mitten in":Thank you for bibbering

Unsere Autorin strandet am Erfurter Hauptbahnhof und friert sich den Allerwertesten ab, doch der Servicemitarbeiter der Bahn reagiert nicht besonders mitfühlend. Drei Anekdoten aus aller Welt.

Mitten in ... Erfurt

Illustration: Marc Herold

Es ist Nacht, es ist kalt. Die Hose schlottert um die Knie. Jetzt nur nicht krank werden! Aber im ganzen Bahnhof Erfurt gibt es keine Ecke zum Aufwärmen. Ob die Bahn nicht trotz AHA-Regeln einen Aufenthaltsraum öffnen könne, für wegen Zugverspätung unverschuldet gestrandete Fahrgäste? Der junge Mann im Info-Glaskasten schüttelt den Kopf: Er weise schon seit Jahren darauf hin, dass Erfurt eine DB-Lounge brauche. Doch im Vertrauen gesagt: Er selbst freue sich über die kühle Luft draußen, ihm sei in seinem Kabuff ja eher zu heiß. Der Ärger über diese Frechheit wärmt, aber nur kurz. Zum Glück entdeckt man im angrenzenden Drogeriemarkt eine Thermo-Leggings. Das Ding ist scheußlich, aber perfekt für unter die Hose. Man wünscht dem jungen Mann im Vorbeigehen dann nur noch eins: einen richtig heißen Sommer! Edeltraud Rattenhuber

Mitten in ... Weinheim a. d. Bergstraße

Illustration: Marc Herold

Morgens in der Straßenbahn, es herrscht Gedränge. Schüler sitzen und stehen herum, ganz korrekt mit Mund-Nasen-Schutz. Und schweigen - obwohl die Bahn seit zehn Minuten nicht weiterfährt, immer wieder die Lichter aus- und wieder angehen und der Schulstart ganz sicher verpasst wird. Der Grund für die massenhafte Gleichgültigkeit liegt auf der Hand, oder eher: in der Hand. Alle starren auf ihre Smartphones. Einem älteren Fahrgast wird es zu stickig, ob der Fahrer nicht wenigstens die Türen öffnen könne, schimpft er laut, vielleicht in der Hoffnung auf Zustimmung oder wenigstens einen Gesprächspartner. Doch alle starren und tippen, keiner antwortet, keiner rückt zur Seite, damit der Herr zum Fahrer vorgehen und sein Anliegen vorbringen kann. "Oh, liebe Leute!", ruft er dann. "Könntet ihr mich bitte durchlassen? Oder braucht ihr dafür eine Extra-App?" Max Sprick

Mitten in ... Stuttgart

Illustration: Marc Herold

"Haben Sie eine Seele?", fragt die Frau und bringt damit eine andere Kundin zum Lachen. Die ist offensichtlich überrascht, ausgerechnet in einer Bäckereifiliale solch tief greifende Fragen zu hören. Während sie sich damit als Auswärtige zu erkennen gibt, holt die Verkäuferin ungerührt die gewünschte Gebäckstange mit Salz und Kümmel hinter der Theke hervor. Bäckereien können Orte sein, an denen sich regionale Besonderheiten zeigen. Doch die Unterschiede werden weniger. Auch in Stuttgart liegen immer öfter Franzbrötchen in den Auslagen sowie maschinengeformte Brezeln statt der schwäbischen Variante mit ihren dünnen Ärmchen. Vorläufiger Höhepunkt des Niedergangs regionaler Lebensart: An der U-Bahn-Station Stadtmitte bietet eine Bäckereifiliale keine Leberkäswecken mehr an, sondern "Fleischkäse im Brötchen". Claudia Henzler

© SZ/nas
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