Süddeutsche Zeitung

SZ-Kolumne "Mitten in ...":In der Postmoderne

Lesezeit: 2 min

Ein SZ-Autor hat die Post immer als seelenlosen Dienstleister empfunden. Bei einem Besuch am Schalter in Bonn stellt er fest: Er hat sich geirrt. Und zwar gründlich. Drei Anekdoten aus aller Welt.

Mitten in ... Bonn

Das Postamt am Bonner Münsterplatz darf keine Hauptpost mehr sein, das ehemals Fürstenbergische Palais ist längst strukturgewandelt und beherbergt nur noch Dienstleistungsbereiche. Weil es noch früh am Morgen ist und sich sowieso alle alles bei Amazon bestellen, ist der Brief schnell aufgegeben. Die Sonne scheint, der Angestellte kommt mit hinaus, im Eingang lagert ein Mann, offensichtlich wohnungslos. "Guten Morgen, Stefan", sagt der Postler zu ihm. "Wie geht's?" Der Kunde wundert sich - ist das wirklich die Post, der große gelbe seelenlose Dienstleister? "Hast du einen Hund dabei?", geht es weiter. "Ja, nur heute", erwidert der Obdachlose. "Du weißt ja, ich bin eher ein Katzenmensch." Ob er den Obdachlosen kenne, wird der Mann von der seelenlosen Post gefragt. "Der ist doch immer da", kommt als Antwort. Aber gleich duzen? "Er heißt ja genauso wie ich." Willi Winkler

Mitten in ... Istanbul

Es ist schon dunkel in Istanbul, ich habe eine Freundin fernab des Zentrums besucht und will nach Hause. Vor dem Fahrkartenautomaten der Metro steht ein junger Mann und verzweifelt. Er versteht die Maschine nicht. Der Stationsvorsteher zuckt mit den Schultern: No English. Ich beruhige den Mann, den nicht nur der Automat nervt, sondern auch der Umstand, dass Airbnb ihn am Rand der Riesenstadt ausgesetzt hat. Er könne ein Stück mit mir zusammen fahren, sage ich, aber wir nähmen auch ein Schiff, da würde es kalt. Der Mann, ein Hüne, ärmelloses Shirt und kurze Hosen, sagt: Er friere nie, er sei aus Sibirien. Russe, geflohen vor dem Krieg. Und was macht er in Istanbul? Weiterarbeiten, IT, im Home-Office sozusagen, nur nicht in Sibirien. Und was genau? "Übersetzersoftware", sagt er. Das wäre doch was für die Istanbuler Verkehrsbetriebe! Christiane Schlötzer

Mitten in ... Isny

Fast hätte man vergessen, dass es auch etwas Einschüchterndes haben kann, wenn ein paar Hundert Leute etwas zum Brüllen komisch finden. Dafür muss es nicht mal ein großer Gedanke sein, hier bei diesem Auftritt von Gerhard Polt in Isny, es reicht schon ein Zucken mit der Augenbraue, und es löst sich, was vielen während Pandemie, Inflation und Krieg im Halse stecken blieb. Das Lachen ist ja die eigentliche Auster des kleinen Mannes. Im Auto auf dem Weg zurück herrscht dann wieder Stille. In der Ferne blinkt das Blaulicht eines Polizeiautos, das etwa 20 Schumpen vor sich hertreibt. Ein einzelnes Tier trottet hinterher, schnuppert alles ab, wechselt die Fahrbahn. Polt hätte der Anblick gefallen. "Diese Rindviecher", hätte er gemurmelt. Das Publikum hätte schon verstanden, wen er damit meint, und aus ganzem Herzen gelacht. Endlich mal wieder. Johannes Bauer

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