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SZ-Kolumne "Mitten in":Missverständnis mit Maske

In Berlin blockiert ein Stück Stoff die Kommunikation, in Kemer flattert ein Stück Stoff unter Wasser, und in Sapporo bietet ein Waschsalon Stoff für eine Pechvogel-Geschichte.

Mitten in ... Berlin

Illustration: Marc Herold

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie sieht man im Büro nur sporadisch andere Menschen, umso größer ist die Wiedersehensfreude, als man auf dem Flur einer Kollegin begegnet. Beide tragen wir Mund-Nasen-Schutz, sie einen schwarzen mit weißen Pünktchen, Pariser Chic, man selbst einen dieser weißen, die aussehen wie halbe Gesichtsverbände. Die Kollegin erzählt, dass sie beruflich nach Peru muss. Tolles Gesprächsthema, man selbst liebt ja Lateinamerika und war schon einige Male dort. Seltsam allerdings, dass die Kollegin von strengen Corona-Regeln und französischem Rotwein spricht. Irgendwann erwähnt sie ihre geplante Fahrt mit dem TGV, und hinter der dicken weißen Maske beginnt es einem zu dämmern: Man hat gerade 15 Minuten lang aneinander vorbeigeredet. Die Kollegin hat durch ihre schicke Maske hindurch nicht "Peru" gesagt. Sondern "Bordeaux". Verena Mayer

Mitten in ... Sapporo

Illustration: Marc Herold

In der Nachbarschaft gibt es einen Münz-Waschsalon, der bis 23 Uhr geöffnet hat. Die Gelegenheit ist also günstig, am Ende eines erfüllten Tages ein paar Klamotten zu reinigen. Der Salon ist leer. Freie Waschmaschinen-Auswahl. Bald surrt friedlich die Trommel. Eine gemütliche Stunde bei Kaffee und Japanisch-Vokabeln. Als die Wäsche sauber ist, stört der Kaffeebecher. Es gibt keinen Mülleimer im Münz-Waschsalon. Also raus, in den Supermarkt nebenan. Ganz kurz nur. Aber die Rückkehr funktioniert nicht. Die Glastür des Waschsalons geht nicht mehr auf. Die Wäsche ist drin. Der Kunde ist draußen. Sinnloses Klopfen. Hallo? Was soll denn das? Ein Blick fällt auf die Uhr. Kurz nach elf. Feierabend. Die Schließautomatik arbeitet mit japanischer Präzision. Erst viel später stellt sich heraus, dass es im Supermarkt einen Schlüssel gibt. Thomas Hahn

Mitten in ... Kemer

Illustration: Marc Herold

Die Türken pflegen einen ausgeprägten Nationalstolz, weshalb die Stern-und-Halbmond-Flagge nicht nur vor Schulen, Ministerien und Behörden hängt, sondern auch an privaten Balkonen, vor Fenstern und an Autos flattert. Dem rot-weißen Stück Stoff kommt in diesem Land keiner aus. Selbst unter Wasser nicht. Vor dem Badeort Kemer liegt ein ausgemustertes Küstenwachboot auf dem Grund des Mittelmeers. Es wurde als Attraktion für Taucher versenkt. Wer um den Kahn herumtaucht, sieht sich unvermittelt einer lebensgroßen Statue gegenüber: ein aufrecht stehender Matrose, der die türkische Flagge hochhält. Das Stofftuch hängt schlaff herunter, bis der Tauch-Guide an der oberen Ecke zupft und die Flagge sich entfaltet. Der Guide schaut dabei so beseelt, als ob er unter Wasser die Nationalhymne blubbern möchte. Tomas Avenarius

© SZ/nas
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Foto: Sebastian Gabsch

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