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Misshandlungen im Jugendheim:Der Betreiber verneint, das Ministerium ermittelt

Kann das denn wahr sein? 2008 in Deutschland? Gab es in der Haasenburg so wenig Kontrolle? Stimmt es, dass drei Mädchen in solchen Krisensituationen ein Arm gebrochen sein soll? "Wenn die Jugendlichen in einer Reihe stehen, ist der Mund geschlossen und der Blick nach vorne gerichtet", soll laut taz in einer Hausordnung gestanden haben. Jugendliche seien total isoliert, drangsaliert und mit der "Handklemme" in den Griff genommen worden.

"Wir ermitteln wegen des Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen", sagt Petra Hertwig, Oberstaatsanwältin in Cottbus. Ein 19-Jähriger hat jetzt Anzeige erstattet, er sitzt im Maßregelvollzug und sagt, er sei 2010 mehrfach auf eine Fixierliege der Haasenburg geschnallt worden, einmal länger als einen Tag. "Das ist sehr, sehr eigenartig, dass jemand mehr als einen Tag fixiert worden sein soll", sagt die Staatsanwältin. 2010 seien der Haasenburg vom Landesjugendamt neben Anstaltskleidung und Holzschuhen auch Fixierliegen untersagt worden. Nun werde alles zügig geprüft. Andere Ermittlungen wurden eingestellt. Eine 15-Jährige erhängte sich 2005 im Heim am Schrank. Eine andere fiel 2008 vom Dach und war tot, sie soll bei der Flucht abgestürzt sein. Es seien, so die Staatsanwältin, "keine Verstöße von Erziehern festgestellt worden".

Belohnung mit Kinobesuchen und Intimrasur

Anruf bei Hinrich Bernzen in Hamburg, er ist Politologe und eine Art Sprecher der Einrichtung. Den Artikel der taz findet er "reißerisch", Einiges sei kompletter Unsinn, sagt er. Die Hausordnung etwa habe es "nie gegeben", und Jugendliche seien auch nicht zur Aufgabe ihrer Persönlichkeit gezwungen worden. "Das Prinzip der Hasenburg basiert nicht auf Sanktion, sondern auf positiver Verstärkung." So bekämen Bewohner bei Wohlverhalten Chips, die sie etwa zum Kinobesuch berechtigten, Mädchen auch zur Intimrasur. Warum müssen sie sich das Recht zur Rasur erwerben? "Wir haben Jugendliche, die bisher grenzenlos gelebt und sich und anderen geschadet haben. Das Prinzip ist, den Jugendlichen vorzuleben, dass sie nicht alles haben können", sagt Bernzen.

Was ist eine Handklemme? Ein Polizeigriff, sagt er, schmerzhaft. Wozu braucht man in der Jugendhilfe einen Gurt um den Hals? "Das ist keine Maßnahme zur Erziehung, sondern der Gefahrenabwehr." Ist dieses Protokoll in der taz denn echt? "Es ist nicht erfunden", sagt Bernzen. "Was da steht, ist eventuell nicht gelogen. Aber die Unwahrheit besteht auch im Weglassen." Alles Positive sei verschwiegen worden, und er freue sich auf die Untersuchungskommission des Landtags. "Dann kommt da endlich eine Objektivierung rein."

Im Landtag freuen sie sich etwas weniger. "Für die aufgelisteten Vorwürfe gibt es weder eine Rechtsgrundlage noch eine Legitimation", sagt Jugendministerin Martina Münch. Und dass sie vor allem eines wissen will: "Was ist tatsächlich passiert?"