Misshandlung eines Schülers Eine ganze Klasse vor Gericht

Während der Lehrer im Nebenraum saß, musste ein 18-jähriger Schüler aus Hildesheim seinen Mitschülern vor laufender Kamera die Füße küssen, wurde mit Stahlkappen-Schuhen getreten und sexuell gedemütigt. Jetzt hat der Prozess gegen die elfköpfige Täterclique begonnen.

Die elf Schüler im Alter von 16 bis 18 Jahren sollen den 18-Jährigen immer wieder gequält und gedemütigt haben. Die Anklageschrift, die in der nicht öffentlichen Verhandlung verlesen wurde, listet auf 31 Seiten die brutalen Taten auf: Prügel, Tritte, sexuelle Erniedrigungen. Das Martyrium des Opfers nahmen die Jugendlichen zum Teil auf Video auf und stellten es ins Internet.

Tatort Werkraum: Hier musste der Hildesheimer Berufsschüler immer wieder Misshandlungen erleiden.

(Foto: Foto: dpa)

"Die elf Angeklagten waren in unterschiedlichem Ausmaß an den Taten beteiligt", sagte Oberstaatsanwalt Albrecht Stange. Ihnen drohen wegen gefährlicher Körperverletzung und Nötigung bis zu fünf Jahre Jugendstrafe. Vier der Jugendlichen sitzen in Untersuchungshaft.

Fast täglich misshandelt

Von November 2003 bis Januar 2004 musste das Opfer demnach fast täglich Misshandlungen erleiden. Die Beschuldigten zwangen es, Kreide zu essen, sich bekleidet zu duschen und sexuelle Handlungen an sich vorzunehmen.

Der 18-Jährige musste einem Mitschüler die Füße küssen - und erhielt mit einem Stahlkappenschuh einen Tritt ins Gesicht. Die meisten Taten ereigneten sich im Materiallager der Werner-von-Siemens-Schule, während im Nebenraum ein Lehrer saß. Gegen ihn wird noch wegen unterlassener Hilfeleistung ermittelt.

Die meisten der Angeklagten wollten nach Angaben ihrer Verteidiger vor der Jugendkammer Geständnisse ablegen. "Mein Mandant meint, dass er dem Opfer großes Unrecht angetan hat", sagte Rechtsanwalt Roman von Alvensleben, der einen 17 Jahre alten Jugendlichen vertritt.

Der 17-Jährige habe sich bereits mit einem Brief entschuldigt. "Er hat mitgemacht, weil er Angst hatte, sonst selbst zum Opfer zu werden", erklärte von Alvensleben am Rand des Prozesses. So habe er sich dem "Gruppenzwang" gebeugt.

Dem Opfer wird es nicht erspart bleiben, in der Verhandlung seinen Peinigern gegenüber zu treten. Zum Auftakt erschien er zwar nicht, aber beim nächsten Prozesstag am 2. Juni ist er als Zeuge geladen.

"Er hat richtige Angst davor, es geht ihm schlecht", sagte seine Anwältin Gabriele Pochert. "Ich hoffe, dass er durch die Geständnisse nicht mehr allzu viel aussagen muss."

Beim Prozess herrschte großer Medienandrang. Mehrere der Angeklagten kamen mit ihren Eltern. Auf einen der Verdächtigen mussten die Richter warten, bis er von der Polizei aufgegriffen wurde.

Der junge Mann, der in einer betreuten Wohngemeinschaft lebt, war zunächst nicht zur Verhandlung erschienen und wurde daraufhin per Haftbefehl gesucht: Er hatte sich nach Angaben seines Verteidigers im Datum geirrt.