Süddeutsche Zeitung

Sexuelle Gewalt gegen Kinder:Missbrauchsfall Bergisch Gladbach: Prozessauftakt gegen Soldaten

Vor einem Jahr gestand der 27-Jährige seine Taten. Die Staatsanwaltschaft beantrage weder eine Hausdurchsuchung noch einen Haftbefehl. Der Mann soll daraufhin weiter ein Kind sexuell missbraucht haben.

Im Kindesmissbrauchs-Komplex Bergisch Gladbach beginnt an diesem Dienstagmorgen in Moers der landesweit zweite Prozess: Angeklagt ist ein 27 Jahre alter Soldat wegen sexuellen Missbrauchs von kleinen Kindern in 36 Fällen. Zwei Mal zusammen mit einem Chat-Partner, der in einem anderen Verfahren angeklagt ist.

In zwei Fällen soll er sich mit einem 43-jährigen Mann aus Bergisch Gladbach gemeinsam an dessen Kind vergangen haben, wie das Landgericht im niederrheinischen Kleve mitteilte. Der Prozess gegen den Bundeswehrsoldaten findet vor der auswärtigen Strafkammer in Moers bei Duisburg statt.

Der Soldat sei für die Allgemeinheit gefährlich, stellte die Staatsanwaltschaft bei der Anklageverlesung fest. Der Angeklagte bezeichnete die verlesenen Vorwürfe als weitgehend richtig. Drei der missbrauchten Kinder sind nach Angaben des Gerichts Nebenkläger in dem Verfahren.

Wegen der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Auflagen erlaubt das Gericht nur vier Medienvertretern und vier Zuschauern und Zuschauerinnen den Prozess zu verfolgen.

Laut Anklage soll der Mann seine leibliche Tochter, den Stiefsohn und seine Nichte - alle im Kita-Alter - missbraucht haben. Daneben soll er sich auch an der zweijährigen Tochter des 43 Jahre alten Hauptverdächtigen aus Bergisch Gladbach vergangen haben. Gegen diesen ist ebenfalls mittlerweile Anklage vor dem Landgericht Köln erhoben wurde.

Gewalt gegen Kinder live in Chatgruppen übertragen

Bei den Ermittlungen gegen den 43-jährigen Mann aus Bergisch Gladbach waren die Ermittler auf ein bundesweites Netzwerk von Verdächtigen gestoßen, die fast immer ihre eigenen Kinder missbraucht und Bilder der Taten getauscht haben sollen. Auch soll sexuelle Gewalt gegen Kinder live in Chatgruppen übertragen worden sein. Angesichts der Dimension und der Brutalität der Taten hatte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) gesagt: "Kindesmissbrauch und Kinderpornografie sind keine Einzelfälle, sondern ein Massenphänomen. Wir knipsen praktisch das Licht an seit Lügde."

Zeitweise waren mehr als 300 Polizistinnen und Polizisten in der Besonderen Aufbauorganisation "Berg" (BAO "Berg") mit der Aufarbeitung des bundesweiten Missbrauchskomplexes Bergisch Gladbach beschäftigt, ein historisch einmaliger Personalaufwand für einen einzelnen Fall. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte behandelte die nordrhein-westfälische Polizei einen Missbrauchsfall wie eine Terrorlage, sagte Reul damals.

Der jetzt am Niederrhein angeklagte Soldat lebte nach Angaben des Gerichts bis Juni 2019 mit Ehefrau, Stiefsohn und Tochter in einer Wohnung im niederrheinischen Kamp-Lintfort. Der Mann soll laut Anklage vor allem die Zeit am Wochenende genutzt haben, wenn seine Frau arbeiten und er mit den Kindern alleine war. Seine Ehefrau hatte ihn bereits im Juni vergangenen Jahres angezeigt, er hatte damals ein Geständnis abgelegt. Die Staatsanwaltschaft Kleve hatte aber auf einen Haftbefehl und Hausdurchsuchungen verzichtet - und dafür später auch eine Rüge der Generalstaatsanwaltschaft bekommen. Ein höchst seltener Vorgang in Deutschland.

Nach der Anzeige soll der Soldat noch seine kleine Nichte missbraucht haben. Erst im Herbst, als die Ermittlungen zu einem großen Netz von Sexualstraftätern von Bergisch Gladbach aus ihren Anfang nahmen, rückte der Mann erneut in den Fokus der Justizbehörden. Im Oktober kam er dann in Untersuchungshaft.

Missbrauchs-Komplex Bergisch Gladbach erstreckt sich über alle Bundesländer

Allein in NRW wird in dem Zusammenhang gegen mehr als 20 Personen ermittelt. Die Ermittlungen erstrecken sich aber mittlerweile über alle Bundesländer. Nach Angaben der Ermittler sind noch längst nicht alle Daten ausgewertet. In dem mutmaßlichen Netzwerk soll es einen Austausch über Chatgruppen gegeben haben.

Ende April hatte der landesweit erste Prozess in Mönchengladbach begonnen. Zwei 39 Jahre alte Männer sind dort unter anderem wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern in 79 Fällen angeklagt. Zwischen 2015 und 2019 sollen die beiden Deutschen aus Krefeld und Viersen am Niederrhein immer wieder zwei Mädchen vergewaltigt haben.

Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft am Landgericht Kleve Anklage gegen einen weiteren Beschuldigten erhoben. Der 61-Jährige lebte nach Angaben des Gerichts zuletzt in Xanten. Ihm wird zum Teil schwerer sexueller Missbrauch von Kindern in zehn Fällen vorgeworfen. Opfer sollen die Tochter seiner Exfrau und seine leibliche Tochter gewesen sein.

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