Süddeutsche Zeitung

Missbrauchs-Aufklärung in katholischer Kirche:Zweiter Anlauf, neue Enttäuschung

Aufklärung, jetzt aber richtig? Die katholische Kirche hat mit langem Vorlauf eine neue Expertengruppe zusammengestellt, die Missbrauchsfälle in 27 deutschen Bistürmern aufarbeiten soll. Die Opfer sind trotzdem alles andere als erleichtert.

Von Matthias Drobinski

"Die Opfer sind die eigentlichen Experten", sagt Professor Harald Dreßing. Deshalb sollten ihre Geschichten gehört werden. Deshalb sollten sie im Beirat mitarbeiten, bei der Entwicklung der Forschungsinstrumente und erst recht später bei der Interpretation dessen, was in der katholischen Kirche geschah: warum Kinder und Jugendliche Opfer von sexueller Gewalt wurden, warum die Täter geschützt, warum Priester und Ordensleute zu Tätern wurden und was die Taten bis heute für die Opfer bedeuten.

Nur: Die Betroffenen, die im Mittelpunkt stehen sollen, sitzen an diesem Montag nicht vorn auf dem Podium in Bonn. Sie sind sauer und enttäuscht: "Ein Jahr hat es gedauert, bis nun ein Forscherteam vorgestellt wird - mit uns hat in dieser Zeit niemand den Kontakt gesucht", sagt Matthias Katsch von der Betroffenen-Vereinigung Eckiger Tisch. Es holpert auch beim zweiten Anlauf der katholischen Bischöfe, die Missbrauchsfälle in den 27 deutschen Bistümern wissenschaftlich aufzuarbeiten.

Der erste war vor gut einem Jahr krachend gescheitert. Die Bischöfe hatten Christian Pfeiffer beauftragt, den Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Er sollte möglichst alle Personalakten der Bistümer sichten und aufarbeiten. Doch viele dieser Akten waren - durchaus bestimmungsgemäß - vernichtet, viele Bistümer fürchteten um den Datenschutz.

Wie aussagekräftig sind diese Akten?

Als es dann noch Streit um die Frage gab, wie unabhängig Pfeiffer würde forschen und veröffentlichen dürfen, endete das Projekt im Krach. Auch deshalb fiel es der Bischofskonferenz nicht leicht, einen Nachfolger zu finden. Mancher Forscher soll regelrecht den Anruf gefürchtet haben: Zu heikel erschien der Auftrag, zu uneins schienen die Bischöfe zu sein, zu groß die Gefahr, in den nächsten Konflikt zu geraten.

Nun immerhin sind die Wissenschaftler gefunden, ein Team aus sieben Professoren; drei Konsortien immerhin hatten sich dann doch beworben. Stephan Ackermann, der Bischof von Trier und Beauftragte für Missbrauchsfälle der Bischofskonferenz, stellt sie und das Projekt vor. Federführend ist der Psychologe Harald Dreßing vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim, der sich bislang als Experte für Stalking-Fälle profiliert hat; hinzu kommen der Kriminologe Dieter Dölling von der Uni Heidelberg und ebenfalls aus Heidelberg der Gerontologe Andreas Kruse, bekannt als Autor des Altenberichts des Bundestags.

Transparenz und rückhaltlose Aufklärung wollen auch die Forscher

Psychologen, Kriminologen, ein Altersforscher - das Konsortium zeige, dass diesmal der Ansatz breiter gewählt sei als beim ersten Versuch, sagt Ackermann. "Zahlen und Akten sind eben nicht alles", ergänzt Dreßing. Das sehen viele Experten so - dahinter steckt aber auch das Eingeständnis, dass man wohl nie aus den Akten die genaue Zahl der Täter und Opfer wird erfahren können, zumal sich die Gerüchte halten, auch in jüngster Zeit seien in einigen Bistümern gegen den Wunsch der Bischofskonferenz Akten vernichtet worden.

Das Projekt ist auf dreieinhalb Jahre angelegt, die Bischofskonferenz finanziert es mit knapp einer Million Euro. Es läuft in mehreren Phasen ab. Zunächst wollen die Forscher den Zustand der Überlieferung sichten: Was ist da, was wurde vernichtet, wie aussagekräftig sind diese Akten? Dann erst durchforsten von den Bistümern zusammengestellte Teams die Akten, übermitteln anonymisiert die Daten ans Forscherteam. Auch diesmal lassen nur neun Bistümer alle Akten von 1945 an durchforsten, die anderen erst von 2000 an.

Die Lücken seien zu verschmerzen, sagen die Wissenschaftler, man rechne eben hoch. Parallel dazu sollen mindestens 100 intensive Interviews mit Opfern und 70 mit Tätern geführt werden. Von diesen Gesprächen erhoffen sich die Forscher vor allem Erkenntnisse darüber, in welchen Beziehungen Täter und Opfer standen, welche Rolle die Institution Kirche spielte, wie beide Seiten die Tat sahen und sehen, welche Wirkungen sie auf das weitere Leben hatte.

Viele Fragen der Opfer

Zusätzlich will das Team Strafakten bei den Gerichten auswerten, um herauszubekommen, wie unterschiedlich Kirchen, Schulen, Vereine auf Missbrauchsfälle reagiert haben. Schließlich wollen die Forscher sammeln und auswerten, was es bislang an vergleichbaren Untersuchungen gibt, in den USA und den Niederlanden zum Beispiel, aber auch die Berichte aus dem Benediktinerkloster Ettal beziehungsweise den Schulen der Jesuiten. "Wir wollen Klarheit und Transparenz über diese dunkle Seite in unserer Kirche - um der Opfer willen, aber auch, um selbst die Verfehlungen zu sehen und alles dafür tun zu können, dass sie sich nicht wiederholen." So sagt es Bischof Ackermann an diesem Morgen.

Ja, Transparenz und rückhaltlose Aufklärung, das wolle man, betont auch Professor Dreßing. Und die Unabhängigkeit der Forschung? Die Journalistenfrage kommt schnell, schließlich war das vor einem Jahr Pfeiffers härtester Vorwurf an die Bischöfe. Ja, man sei unabhängig, sagt Dreßing. Die Bischöfe seien lediglich Geldgeber - "sie werden nicht anders behandelt als andere Drittmittelgeber". Man habe gelernt, sagt Ackermann.

Wäre es nicht besser, dies alles zu lassen und die Million einfach den Opfern zu spenden? Ein Journalist fragt das, die Herren auf dem Podium sehen sich an und sind sich einig: Nein, gerade die Opfer wollten endlich die Aufarbeitung, eine Erklärung, warum geschehen konnte, was ihnen geschah. Wie wichtig den Betroffenen diese Aufarbeitung ist, zeigt sich daran, dass sofort ihre Kritik kommt: Warum öffnen nicht alle Bistümer ihre Archive bis 1945? Warum werden die Orden ausgespart? Und können Bistümer auch diesmal einfach nicht mitmachen? Und Sitz und Stimme im Beirat fordern sie in einer gemeinsamen Erklärung. Aber das ist jetzt ja versprochen.

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SZ vom 25.03.2014/fran
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