bedeckt München 21°

Nordrhein-Westfalen:"Schlimmer, als ich selbst befürchtet habe"

Missbrauchsfall Lügde

Hinweise auf den Verdächtigen gab es schon vor Jahren - warum aber kamen die Strafverfolger so spät? Ein Polizeiauto steht auf dem Campingplatz in Lügde vor der Behausung des mutmaßlichen Kinderschänders.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)
  • Der nordrhein-westfälische Inneninister gab bekannt, dass bereits "vor mehr als 17 Jahren" die Polizei im Kreis Lippe den Verdacht notiert habe, der heute Hauptbeschuldigte Andreas V., habe 2002 ein achtjähriges Mädchen missbraucht.
  • Auch 2008 blieb ein ähnlicher Hinweis ohne Folgen.
  • Zugleich wurde bekannt, dass es auf dem Campingplatz in Lügde offenbar noch einen weiteren Verdächtigen gibt.

Das Versagen der Polizei von Nordrhein-Westfalen bei Ermittlungen wegen jahrelangen sexuellen Missbrauchs von mindestens 31 Kindern auf einem Campingplatz im ostwestfälischen Lügde ist offenbar noch dramatischer als bisher bekannt. "So wie es aussieht, ist es noch schlimmer, als ich selbst befürchtet habe", sagte Innenminister Herbert Reul am Dienstag im Innenausschuss des NRW-Landtags in Düsseldorf.

Reul gab bekannt, dass bereits "vor mehr als 17 Jahren" die Polizei im Kreis Lippe den Verdacht notiert habe, der heute Hauptbeschuldigte Andreas V., habe 2002 ein achtjähriges Mädchen missbraucht. Auch 2008 blieb ein ähnlicher Hinweis ohne Folgen. Er lasse nun prüfen, ob es damals Ermittlungen gegeben habe, sagte Reul. Zugleich wurde bekannt, dass es auf dem Campingplatz in Lügde offenbar noch einen weiteren Verdächtigen gibt: Nach Aussage der Mutter eines Opfers soll ein bisher nicht verdächtigter Dauercamper mit einem der drei bereits inhaftierten Tatverdächtigen befreundet gewesen sein und im April 2018 ein damals 15-jähriges Mädchen vergewaltigt haben. Die Staatsanwaltschaft in Detmold hatte die Ermittlungen voriges Jahr eingestellt.

Reul versprach im Landtag, die Aufklärung des mehr als tausendfachen Kindesmissbrauchs wie auch der zahllosen Ermittlungspannen mit "absolutem Hochdruck" voranzutreiben. Derzeit werde gegen 14 Mitarbeiter verschiedener Behörden ermittelt. Darunter seien zwei Polizisten, die sich dem Vorwurf der "Strafvereitelung im Amt" ausgesetzt sehen. Überprüft wird zudem die Arbeit von acht Angestellten von Jugendämtern und von vier Mitarbeitern anderer Organisationen.

Eine Konsequenz wurde bereits Dienstagabend bekannt: Auf Anweisung des NRW-Innenministeriums werde der Polizeidirektor an das Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten versetzt, teilte Landrat Axel Lehmann mit. Den Posten übernimmt kommissarisch eine Beamtin aus dem Landeskriminalamt.

Der massenhafte Missbrauch von Kindern war erst im Herbst 2018 aufgedeckt worden. Am 20. Oktober erstattete eine Mutter aus Bad Pyrmont Anzeige gegen den bisherigen Hauptverdächtigen, den 56-jährigen Andreas V. Mindestens 31 Kinder im Alter von vier bis 13 Jahren sollen über einen Zeitraum von zehn Jahren im Campingwagen des arbeitslosen Mannes missbraucht und dabei gefilmt worden sein. V. sowie der 33-jährige Mario S. und der 48-jährige Heiko V. sitzen seit Ende 2018/Anfang 2019 in Untersuchungshaft.

Kriminalität Polizei ermittelt vierten Tatverdächtigen
Missbrauchsfall in Lügde

Polizei ermittelt vierten Tatverdächtigen

Ein 16-Jähriger aus der Region soll kinderpornografisches Material besessen haben, das auf dem Campingplatz entstanden ist. Nach seiner Vernehmung befindet er sich vorerst auf freiem Fuß.

Gegen drei weitere Tatverdächtige wird wegen des Verdachts auf Datenlöschung und Beihilfe zum sexuellen Missbrauch ermittelt. Reul bestätigte am Dienstag, dass inzwischen gegen einen siebten Verdächtigen ermittelt wird: Bei einem 16-Jährigen aus der Region habe man kinderpornografisches Material aus Lügde sichergestellt.

Der Minister musste einräumen, dass die Detmolder Ermittler den Wohnwagen des Hauptverdächtigen V. seit Dezember viermal nur sehr oberflächlich durchsucht hatten. Bielefelder Ermittler fanden vorige Woche in dem Caravan noch "weitere Beweismittel", darunter einen weiteren PC, eine Festplatte und 131 CDs.

Die mutmaßlichen Täter hätten womöglich schon ein halbes Jahr früher verhaftet werden können

Schon 2016 hatte es mindestens zwei Hinweise auf V. bei Polizei und Jugendamt gegeben. Doch Anfang 2017 sprach das Jugendamt Hameln-Pyrmont V. noch eine damals sechsjährige Pflegetochter zu. Auch das Mächen gehört zu den mutmaßlichen Opfern der Männer.

Neue Zeugenaussagen legen nun den Schluss nahe, dass die mutmaßlichen Täter von Lügde schon sechs Monate früher hätten verhaftet werden können. Nach einem Bericht des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) und der Lippischen Landes-Zeitung (LZ) hat eine Mutter bereits im Frühjahr bei der Polizei angegeben, ein weiterer Camper habe ihre damals 15-jährige Tochter im April 2018 missbraucht. Er habe ihre Tochter bei einem Grillabend auf dem Campingplatz vergewaltigt, sagte die Frau vor Polizisten in Detmold aus. Der Mann soll das Mädchen betrunken gemacht und sich dann an der wehrlosen Jugendlichen vergangen haben.

Dennoch wurden die behördlichen Ermittlungen damals eingestellt. Das bestätigte auch der leitende Oberstaatsanwalt Ralf Vetter im Fall Lügde dem RND und der LZ. Der Fall werde nun neu geprüft. Warum die Ermittlungen damals eingestellt wurden, wollte Vetter wegen aktueller Ermittlungen nicht sagen.

Bei dem von der neuen Zeugin beschuldigten Mann handelt es sich nicht um einen der drei Tatverdächtigen, die bereits in U-Haft sitzen. Der nun verdächtige Mann soll ebenfalls auf dem Campingplatz gelebt haben und mit dem 33-jährigen Tatverdächtigen Mario S. aus Steinheim eng befreundet gewesen sein.

Die Anzeige erstatteten Mutter und Tochter gemeinsam bei der Polizei in Blomberg. Von dort sei sie weitergegeben worden an die Polizei in Detmold. Dort, so berichtet die Mutter, sei ihre Tochter viermal vernommen worden, doch anschließend sei es zu keiner Festnahme gekommen.

Kriminalität Leitender Ermittler suspendiert

Missbrauchsfall in Lügde

Leitender Ermittler suspendiert

Im Skandal um verschwundenes Beweismaterial wurde zudem bekannt, dass ein Beamter in Ausbildung mit der Auswertung des hochsensiblen Datenmaterials beauftragt war.   Von Jana Stegemann