Uniklinik Saarland Die Kinder von Homburg

Die Universitätsklinik Saarland, an der sich das Unfassbare ereignete.

(Foto: imago images / Becker&Bredel)
  • Ein Assistenzarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Saarland in Homburg soll über Jahre etliche Kinder sexuell missbraucht haben.
  • Die Eltern der betroffenen Kinder wurden nicht informiert.
  • Auch nicht, als das Klinikum eine Anzeige gegen den Mann erstattet und die Staatsanwaltschaft Ermittlungen eingeleitet hatte.
Von Moritz Geier

Es war nicht nur eine Erklärung, die das Universitätsklinikum des Saarlands in Homburg am Montag veröffentlichte, es war das Eingeständnis eines fatalen Versäumnisses. In einer eilig einberufenen Pressekonferenz versuchten die Verantwortlichen zu erklären, was da dramatisch schiefgelaufen ist an ihrem Klinikum. Es geht um mutmaßlichen Kindesmissbrauch in erheblichem Ausmaß und um den Verdacht, dass die Institution die Vorfälle geheim halten wollte, nachdem der Verdächtige gestorben war.

Das ARD-Magazin "Monitor" hatte am Montag berichtet, dass ein Assistenzarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Saarland in Homburg über Jahre Kinder sexuell missbraucht haben soll, die meisten von ihnen Jungen. Die Eltern der betroffenen Kinder wurden nicht informiert, auch nicht, als das Klinikum eine Anzeige gegen den Mann erstattet und die Staatsanwaltschaft Ermittlungen eingeleitet hatte.

"Monitor" zufolge lagen dem Klinikum schon früher Hinweise über die pädophile Neigung des Arztes vor. Der Assistenzarzt arbeitete zwischen 2010 und 2014 an der Klinik. Er soll mehrere Kinder an intimen Körperzonen behandelt haben, was aus medizinischer Sicht gar nicht nötig gewesen sei und zudem nicht zu seinen Aufgaben gehört habe.

Warum informierte niemand die Betroffenen?

Laut "Monitor" hat die Klinik den Arzt 2014 angezeigt und der Staatsanwaltschaft Saarbrücken Patientendaten mutmaßlicher Opfer als mögliche Beweismittel übergeben. Das Klinikum kündigte das Beschäftigungsverhältnis fristlos.

Nach der Entlassung seien 302 Fallakten, die der Arzt behandelt habe, untersucht worden, es hätten sich 34 Verdachtsfälle ergeben, sagte der Direktor des Klinikums, Wolfgang Reith. Er könne nicht ausschließen, dass der Mann nicht auch in weiteren Fällen übergriffig geworden sein könnte.

Aber warum, und es ist diese Frage, die das Klinikum des Saarlands nun in Erklärungsnot bringt, warum informierte niemand die Betroffenen? Warum behielt man einen so folgenschweren Verdacht für sich? Reith erklärte, maßgeblich sei für das Krankenhaus die Erwägung gewesen, "dass mit einer Information über eventuell nicht medizinisch notwendige Untersuchungshandlungen den Patientinnen und Patienten mehr geschadet als genutzt werde, wenn als normal empfundene Untersuchungen nachträglich in einem anderen Licht erscheinen".

In seiner Erklärung schreibt Reith, dass es in diesem Jahr nach "einer erneuten Bewertung" der Vorgänge zu einem Umdenken gekommen sei. Man sei dabei dem Rat eines Jugendpsychiaters gefolgt und habe "unter Wahrung des Kinder- und Opferschutzes" entschieden, dass eine Information der Betroffenen und der Öffentlichkeit erfolgen müsse. Man wolle nun "aufklärend tätig" werden.

Alle 34 Betroffenen seien per Brief informiert worden, ihnen sei ein Gespräch mit einem Mitarbeiter der Rechtsaufsicht in Begleitung eines Psychologen angeboten worden. Die mehr als 300 Patientenakten sollen nochmals überprüft werden, teilte die Klinikleitung mit. Sie seien bereits nach möglichen weiteren Opfern durchsucht worden, dabei hätten sich keine Anhaltspunkte ergeben.

Wie die Staatsanwaltschaft Saarbrücken der SZ auf Nachfrage mitteilte, befassten sich die Ermittlungen nach der Anzeige des Uniklinikums 2014 mit der angeblichen Behandlung von 34 Kindern, alle unter 14 Jahre. 2016 starb der beschuldigte Arzt laut Behörden mit 36 Jahren eines natürlichen Todes, die Ermittlungen wurden daraufhin eingestellt. Bis dahin konnte laut Staatsanwaltschaft "keine konkrete Tat individualisiert werden". Die Eltern der in der Klinik behandelten Kinder seien nicht informiert worden, weil eine rechtliche Grundlage dafür gefehlt habe. "Nach den für die Staatsanwaltschaft maßgeblichen Vorschriften der Strafprozessordnung wäre Voraussetzung einer Mitteilung gewesen, dass die Kinder den Status ,Verletzte' gehabt hätten". Dies sei bis zum Tod des Beschuldigten nicht der Fall gewesen.

Allerdings gab es gegen den Mann bereits Verdachtsmomente, bevor das Klinikum ihn 2014 anzeigte. Wie die Staatsanwaltschaft bestätigt, erstattete 2013 bereits ein Jugendamt Anzeige gegen den Mann, weil er privaten Kontakt zu einem zwölfjährigen Patienten gehalten habe. Auslöser für den Verdacht sei eine Korrespondenz zwischen dem Kind und dem Arzt via Facebook gewesen. Auch dieses Verfahren sei jedoch eingestellt worden, weil sich keine konkrete Tat feststellen ließ. "Der Inhalt der Korrespondenz hatte für sich betrachtet keine strafrechtliche Relevanz. Das Kind verneinte bei einer Befragung sexuelle Kontakte zu dem Beschuldigten", sagt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) zeigte sich erschüttert

Trotzdem hat die Staatsanwaltschaft gegen den mutmaßlichen Täter handfeste Beweise vorliegen. Denn nachdem die Uniklinik 2014 Anzeige erstattet hatte, stellten die Ermittler Datenträger des Mannes sicher, auf denen sie Bilddateien fanden, die "sexuellen Missbrauch von Kindern gemäß Paragraf 176 Strafgesetzbuch darstellten". Die Bilder seien außerhalb der Klinik aufgenommen worden und hätten "keinen Bezug zu Untersuchungshandlungen" am Klinikum, stellte die Staatsanwaltschaft klar.

Durch die Aufnahmen seien drei Geschädigte identifiziert worden, worauf zwei weitere Verfahren eingeleitet worden seien. Die gesetzlichen Vertreter dieser Kinder seien informiert worden, weil sich in diesem Fall ein konkreter Tatverdacht ergeben habe.

Laut "Monitor" war der Tatverdächtige zudem in der Jugendarbeit tätig, auch hier soll es Hinweise auf Missbrauch gegeben haben, unklar sei das Ausmaß. Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) zeigte sich erschüttert. "Wenn ein solcher Verdacht im Raum steht, muss umgehend eine lückenlose Aufklärung erfolgen", sagte er.

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