Missbrauch in evangelischer Kirche Kommission fordert EKD zu umfassenden Reformen auf

  • Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat von der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs fünf konkrete strukturelle Verbesserungsvorschläge erhalten.
  • Unter anderem rät die Kommission der EKD dazu, bereits intern abgehandelte Fälle nochmals auf ihre strafrechtliche Relevanz prüfen zu lassen.
  • Von Sonntag an kommt die Synode der evangelischen Kirche in Würzburg zusammen. Dort wird das Thema des sexuellen Missbrauchs auf der Tagesordnung stehen.

Auch in der evangelischen Kirche gibt es zahlreiche Fälle von sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche - die Synode, das Kirchenparlament der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), will in der kommenden Woche über Konsequenzen und mögliche Schritte der Aufarbeitung diskutieren. Vor diesen Beratungen hat nun die unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs EKD dazu aufgefordert, eine unabhängige Aufarbeitung von Missbrauchsfällen zu ermöglichen. Auch die Missbrauchsfälle in der evangelischen Kirche ließen - wie im Bereich der katholischen - "auf strukturelle Ursachen schließen", erklärte die Kommissionsvorsitzende Sabine Andresen. Es gebe Hinweise, dass Täter geschützt worden seien, heißt es in einer Stellungnahme der Kommission.

Anders als in der katholischen Kirche gibt es noch kein gemeinsames Vorgehen der 20 evangelischen Landeskirchen zur Aufklärung und Aufarbeitung von Missbrauchsfällen, lediglich in zehn Landeskirchen gibt es unabhängige Kommissionen, die sich dieser Aufgabe widmen; es gibt zwar in allen Landeskirchen Präventionskonzepte, aber nur in der Nordelbischen Kirche ist die Prävention verbindlich per Kirchengesetz geregelt. Auch fehlt auf Bundesebene bis lang ein offizieller Beauftragter für Missbrauchsfälle analog zum katholischen Bischof Stefan Ackermann. Auf einer Konferenz von Missbrauchs-Betroffenen im Juni war dies zum Teil heftig kritisiert worden.

Die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs, die sich im Auftrag der EKD um das Thema kümmert, beziffert die Zahl der Missbrauchs-Fälle, die der EKD seit 1950 bekannt sind, mit 480. Eine von der katholischen Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene und im September veröffentlichte Studie kommt auf 1670 beschuldigte Kleriker und mehr als 3670 Betroffene seit 1946. Die Fälle sexualisierter Gewalt konfrontiere die Kirche "mit einem Riss im Selbstbild", sagte sie der Welt: "Wir haben Schuld auf uns geladen. Es ist unsere Verantwortung, sich damit auseinanderzusetzen."

Die Erziehungswissenschaftlerin Andresen sagte, oft hätten die Betroffenen erlebt, dass zuständige Personen und Instanzen nicht ernsthaft an umfassender Aufklärung interessiert gewesen seien; vor allem das Schweigen und die Vertuschungsversuche in Fällen von sexuellem Missbrauch hätten die moralische Integrität auch der evangelischen Kirche schwer beschädigt. "Nur durch eine Anerkennung der Schuld und die klare Übernahme der Verantwortung und eine konsequente Aufarbeitung kann sie Vertrauen zurückgewinnen", heißt es in der Stellungnahme der Kommission. Täter müssten angezeigt und auch abgeschlossene Disziplinarverfahren nochmals überprüft werden. Die Kirche sei dazu aufgerufen "mit allen Mitteln des Strafrechts zu reagieren", heißt es weiter.

Für die EKD hat sie fünf konkrete Vorschläge erarbeitet. So empfiehlt sie der Kirche, den Opfern gegenüber Empathie zu zeigen, für eine unabhängige Aufarbeitung einzutreten, Entschädigungen zu zahlen und betroffene Gemeinden zu unterstützen. Neben einer zentralen Anlaufstelle für Opfer von Missbrauch empfiehlt die Kommission, eine konkrete Person als Ansprechpartner für betroffene Gemeinden und Einrichtungen zu etablieren, "möglichst im Bischofsrang". Darüber hinaus soll die EKD mit dem Staat kooperieren und staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen.

Eine weitere, sechste Forderung der Kommission lautet: Die EKD solle ähnlich wie die Deutsche Bischofskonferenz eine unabhängige Studie in Auftrag geben. Ob sich auch die evangelische Kirche zu solch einer Studie entschließt, ist noch offen. Die EKD begrüße die Initiative der Kommission, sagte ein Sprecher. Man werde sich mit den Vorschlägen der Kommission auseinandersetzen. Zudem wolle man die enge Zusammenarbeit mit dem Unabhängigen Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, fortsetzen. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm habe Rörig zu der nächsten Ratssitzung im Dezember eingeladen, teilte der Sprecher mit.

Die Aufarbeitungskommission wurde 2016 vom unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung berufen. Ihre Aufgabe ist es, Missbrauch in Institutionen und Familien zu untersuchen, Art und Ausmaß aufzuzeigen und für das Thema zu sensibilisieren.