Missbrauch "Es braucht einen mutigen Schritt der Kirche"

Für Johannes-Wilhelm Rörig, den Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, bedeutet der Forschungsbericht der Bischofskonferenz "eine Zäsur".

(Foto: Hannibal Hanschke/dpa)
  • Johannes-Wilhelm Rörig, der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, fordert eine Beteiligung des Staates an der Aufklärung der Missbrauchsfälle.
  • Verträge zwischen Staat und Kirchen sollten ein Akteneinsichtsrecht für Betroffene regeln, Ermittlungs- und Zugangsbefugnisse sowie Entschädigungsansprüche.
Von Matthias Drobinski

Bund und Länder müssen zumindest teilweise die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche und anderen Glaubensgemeinschaften übernehmen - das schlägt Johannes-Wilhelm Rörig vor, der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs. "Gerade weil Staat und Kirche Partner sind, ist hier auch der Staat gefragt", sagte Rörig der Süddeutschen Zeitung, "er trägt Verantwortung für alle Kinder, auch die, die sich in Obhut der Kirche befinden." Verträge zwischen Staat und Kirchen sollten ein Akteneinsichtsrecht für Betroffene regeln, Ermittlungs- und Zugangsbefugnisse sowie Entschädigungsansprüche.

Bislang führen die Kirchen die Erforschung und Aufarbeitung der sexualisierten Gewalt in Eigenregie und entscheiden auch selber über mögliche Entschädigungen für Betroffene. Viele Kirchenvertreter spürten aber, dass es so nicht weitergehe, sagte Rörig, "es braucht einen weiteren, mutigen Schritt, um den Vertrauensverlust zu stoppen, um diese Schuld aufzuarbeiten". Da sei "auch der Staat gefragt, nach Wegen zu suchen, wie hier Gerechtigkeit hergestellt werden kann".

Von Montagabend an beraten in Fulda die katholischen Bischöfe über mögliche Konsequenzen aus einem Bericht, den ein Forschungskonsortium aus Mannheim, Heidelberg und Gießen im Auftrag der Bischofskonferenz erstellt hat. Dem vorab bekannt gewordenen Bericht zufolge fanden sich Hinweise auf mindestens 3677 Kinder und Jugendliche, die Opfer sexueller Vergehen durch 1670 Priester, Ordensmänner und Diakone wurden. Die Opfer waren überwiegend Jungen; nur ein Drittel der Taten führte zu kirchenrechtlichen Konsequenzen. Nur bei einer Minderheit der Beschuldigten gab es Hinweise auf Pädophilie, häufig aber auf unreife Sexualität, verdrängte Homosexualität und Einsamkeit der zölibatär lebenden Priester.

Der Bischofskonferenzvorsitzende und Münchner Kardinal Reinhard Marx äußerte angesichts der Zahlen Entsetzen und Scham, zahlreiche Bischöfe schlossen sich ihm an. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki kündigte eine unabhängige Untersuchung zum Umgang des größten deutschen Bistums mit sexuellem Missbrauch an. Eine externe Einrichtung solle "unabhängig und umfassend unser eigenes - auch institutionelles - Versagen aufarbeiten", sagte Woelki dem Kölner Domradio.

Papst Franziskus hat auf seiner Litauen-Reise am Wochenende das Thema Missbrauch nicht angeschnitten. Er würdigte die Priester und Ordensleute, die während der sowjetischen Annexion des Baltikums ermordet wurden, und warnte vor einem Wiedererstarken des Antisemitismus. Beherrschendes Thema im Vatikan war die Einigung mit China: Nach Vatikan-Angaben unterzeichneten beide Seiten ein provisorisches Abkommen. Darin erkenne der Vatikan acht in China ohne päpstliche Genehmigung geweihte Bischöfe an. Menschenrechtler kritisierten die Vereinbarung. Sie wasche die chinesische Regierung vom Verdacht der religiösen Verfolgung rein.

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