Sexueller Missbrauch in der DDR "Extremes Ausgeliefertsein"

Die Menschen hinter den Berichten: Schautafeln am Rande einer Fachtagung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Leipzig im Jahr 2017.

(Foto: dpa)
  • 75 Anhörungen und 27 Berichte von Betroffenen haben Forscher der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs ausgewertet.
  • Die erhobenen, qualitativen Daten zeigen auf, wo und wie es das politische, institutionelle und gesellschaftliche System der DDR Tätern leicht gemacht hat, sich an Jungen und Mädchen zu vergehen.
  • Die in den Berichten geschilderten Übergriffe beziehen sich auf Übergriffe innerhalb wie außerhalb der Familie.

Kindesmissbrauch ist in der DDR lange institutionell tabuisiert worden. Sexueller Missbrauch habe nicht in das Bild der "heilen sozialistischen Gesellschaft" gepasst, heißt es in einer am Mittwoch vorgelegten Fallstudie der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs. Es sei weder privat noch öffentlich über sexuelle Gewalt in Familien oder in staatlichen Einrichtungen gesprochen worden.

Der Analyse liegen 75 vertrauliche Anhörungen und 27 Berichte von Betroffenen zugrunde. Sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen gab es in der DDR demnach in allen Schichten, ähnlich wie im Westen. Der Studie zufolge begünstigten das politische Machtsystem und das staatlich-repressive Erziehungssystem in der DDR sexuellen Missbrauch. So kam es in Institutionen wie Heimen und Jugendwerkhöfen, aber auch in Schulen, Musikschulen oder der Freizeiteinrichtung Pioniereisenbahn zu Missbrauch.

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Die Heimerziehung galt als geschlossenes System innerhalb des geschlossenen Systems DDR. Wenn Kinder und Jugendliche nach Misshandlungen und sexuellem Missbrauch versuchten, aus Heimen und Werkhöfen zu fliehen, endete diese Flucht spätestens an der Staatsgrenze. Flucht- und Suizidversuche führten in der Folge häufig dazu, dass Kinder in die geschlossenen Jugendwerkhöfe verlegt wurden.

"Innerhalb der Geschlossenheit der Heime konnte sexueller Missbrauch ausgeübt, verdeckt und normalisiert werden", heißt es in der Fallstudie. Der ideologisch begründete Erziehungsauftrag der Heime - die Umerziehung - führte demnach zu Willkür auf Seiten der Täter und zu einem "extremen Ausgeliefertsein auf der Opferseite".

In den anonymisierten Berichten kamen auch Betroffene zu Wort, die Opfer von sexuellem Missbrauch innerhalb der Familie wurden. Demnach habe die "hochgradige Verschwiegenheitspflicht", die das gesellschaftliche Leben in der DDR geprägt habe, die Täter vor Strafverfolgung geschützt. Über sexuelle Gewalt zu sprechen, war vielen Opfern so gut wie unmöglich. Nach außen habe das Bild "einer glücklichen Musterfamilie der DDR" gelebt werden müssen, heißt es. Eine Betroffene sagte den Forschern: "Der Schlüsselsatz meiner Kindheit war: ,Wehe, du erzählst was!'" Eine Drohung, die vor allem ihre Mutter immer wieder ausgesprochen habe.

"Das Schweigen wirkte lange nach und hält bis heute an", erklärte Christine Bergmann, Kommissionsmitglied und frühere Bundesfamilienministerin. "Noch immer sagen Betroffene, dass sie kaum über ihren Heimaufenthalt in der DDR oder über die erlittene sexualisierte Gewalt sprechen können." Der Kommission zufolge fehlt es an Hilfen wie Selbsthilfegruppen und Beratungseinrichtungen, Therapieangeboten und finanzieller Unterstützung für die Opfer. Mit ihrer Arbeit will die Kommission "andere Betroffene ermutigen, das Schweigetabu aufzubrechen."

Die Kommission hatte im Mai 2016 ihre Arbeit aufgenommen. Sie untersucht sämtliche Formen von sexuellem Kindesmissbrauch in der Bundesrepublik und in der DDR.

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