Missbrauch Wegsehen ist typisch

Bei Fällen, in denen eine Mutter zur sadistischen Straftäterin wird, ist die öffentliche Empörung gewiss. Das aber sind "Raritäten", sagt Heidi Kastner. Sie ist eine der bekanntesten Psychiaterinnen Österreichs und hat den Inzest-Täter Josef Fritzl begutachtet. Seine Frau will nicht bemerkt haben, dass er im Keller ihres Hauses über Jahre seine Tochter gefangen hielt, sie missbrauchte und die Kinder, die er dort zeugte, später nach oben brachte, zu seiner Ehefrau.

Zu Frau Fritzl will Heidi Kastner sich nicht äußern, das Phänomen des Wegsehens von Müttern aber ist ihr bestens bekannt. "Es ist oft keine bewusste Haltung", sagt sie. In vielen Fällen sei Stillhalten der Versuch, ein "ohnehin instabiles System" aufrecht zu erhalten. Instabil sei da vielfach nicht nur die Partnerbeziehung, sondern auch die Persönlichkeit der Frau. "Es reicht von einer völlig unempathischen bis ignoranten Mutter, der nicht weiter daran gelegen ist, die Befindlichkeiten des Kindes wahrzunehmen, bis hin zur abhängig strukturierten Persönlichkeit, die glaubt, allein nicht lebensfähig zu sein." Nicht selten traf Kastner auf Mütter, die von ihrem Partner massiv eingeschüchtert wurden. Andere wurden früher selbst missbraucht.

Sollte man nicht annehmen, dass solche Frauen besonders wachsam reagieren? Manchmal sei das so, sagt Heidi Kastner, manche Mütter liefen sofort zur Polizei. "Manchmal gibt es aber auch die Haltung: Ich hab's ja auch überstanden. Ist doch nicht so schlimm." Eine Mutter, die selbst ein Missbrauchsopfer sei und geschwiegen habe, müsste ja, so drückt sie das aus, "ihre eigenen Kompensationsmechanismen in Frage stellen", wenn sie plötzlich anfange zu reden.

Heidi Kastner gehört zu denen, die dafür plädieren, das Schweigen von Müttern in Missbrauchsfällen "öfter strafrechtlich zu thematisieren". Ein Umdenken hält sie aber auch dort für nötig, wo es um das herkömmliche Bild von der Mutter geht, die ihre Kinder um jeden Preis verteidigt. "Man will einer Mutter diese extreme Schutzfunktion zuschreiben. Deshalb ist die Empörung besonders groß, wenn sie andere Interessen hat." Hure oder Heilige, in dieser Schablone bewege sich die Vorstellung. "Eine Frau, die ein Kind kriegt, hat sich auf die Heiligenseite zu begeben." Das aber sei weit weg von der Wirklichkeit.