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Missbrauch an Odenwaldschule:Vorstand beharrt auf Ämtern

Im Vorstand der Odenwaldschule herrscht Meinungsverschiedenheit über den Ausweg aus der Krise. Nach Auskunft eines Gremiummitglieds wird der Vorstand vorerst nicht geschlossen zurücktreten.

Die Missbrauchsvorwürfe gegen vorwiegend katholische Schulen und Heime werden zu einem Flächenbrand: Am Mittwoch gerieten ein katholisches Internat im südhessischen Bensheim, ein Kinderheim der Caritas im hessischen Hofheim und ein Kinderheim in Sachsen unter Verdacht.

An der von massiven Missbrauchsfällen erschütterten Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim gibt es jetzt Meinungsverschiedenheiten über den Weg aus der Krise. Allerdings will der Vorstand nicht, wie bisher angenommen, geschlossen zurücktreten, berichtet die Frankfurter Rundschau. Demnach bezeichnete Friedrich Springorum die Ankündigung als "Falschmeldung" - zumindest bis zur außerordentlichen Mitgliederversammlung des Odenwaldschulträgervereins am 27. März werde der Vorstand im Amt bleiben.

Möglicherweise neue Besetzung

Dann werde das Gremium "in einer möglicherweise neuen Besetzung" demokratisch gewählt. Springorum sagte im HR-Fernsehen: "Im Lichte der in diesen Tagen bekannt gewordenen Fälle von Kindesmissbrauch und aufgrund der zögerlichen Aufarbeitung" sei eine vorzeitige Neuwahl des Vorstandes zwingend.

Nach Informationen der Frankfurter Rundschau erwarte die Schulleiterin Margarita Kaufmann allerdings weiterhin den Rücktritt des Gremiums, dem sie selbst angehört. Nach Informationen der Rundschau sitzen in dem Gremium auch Weggefährten des ehemaligen Schulleiters, dessen Missbruch an Jugendlichen inzwischen eingeräumt wurde.

Der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit sagte der Wochenzeitung Die Zeit, er sei erschüttert, dass an der Odenwaldschule eine libertäre Sexualmoral dazu benutzt wurde, Menschen sexuell zu missbrauchen und auszubeuten. Zugleich verteidigte er die Liberalisierung der Moralvorstellungen in den 60er und 70er Jahren. Die "repressive Vor-68er-Sexualmoral" habe großen Schaden angerichtet. Cohn-Bendit war von 1958 bis 1965 selbst Schüler der Odenwaldschule.

Suche nach betroffenen Heimkindern

Beim Caritasverband Frankfurt, der Träger des Heims Vincenzhaus in Hofheim ist, meldeten sich drei ehemalige Heimkinder, die den Vorwurf erheben, in den 50er und 60er Jahren misshandelt und missbraucht worden zu sein. "Wir sind über diese Vorwürfe außerordentlich beunruhigt und versuchen nun - soweit das möglich ist - Aufklärungsarbeit zu leisten", erklärte Caritas-Direktor Hartmut Fritz. Die Caritas bittet möglicherweise ebenfalls betroffene ehemalige Heimkinder, sich unter 069-2982-142 zu melden.

Im Ernst-Schneller-Heim für erziehungsauffällige Kinder im sächsischen Eilenburg soll es nach Angaben eines ehemaligen Bewohners zwischen 1970 und 1980 täglich zu sexuellen Übergriffen gekommen sein, wie die Leipziger Volkszeitung berichtet.

Zölibat nicht als Ursache

Der heutige Leiter, Hans-Otto-Schlotmann, sagte, ehemalige Bewohner hätten sehr strenge Erziehungsmethoden geschildert. Er schließe nicht aus, dass es auch zu sexuellen Übergriffen gekommen sei.

Der Kriminologe Christian Pfeiffer widersprach der These, das Zölibat sei eine Ursache für sexuellen Missbrauch in katholischen Einrichtungen. "Wir sehen das als Wissenschaftler eher anders", sagte der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen dem Sender N24. "Denn pädophil ist man bereits mit 15, 16. Aber das Gelübde, keusch zu bleiben, legt man als Priester erst mit 25 oder 30 ab. Da ist also von der sexuellen Identität her alles gelaufen."

Im Video: Die Leiterin der Schule veröffentlichte Details der Übergriffe und bat die Opfer um Vergebung

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© apn/ehr/gba

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