bedeckt München 20°

Missbrauch an der Odenwaldschule:Mindestens 132 Opfer

Die Bereitschaft zu dieser Zahlung wird vom Opferverein zwar begrüßt, aber als ein "schmerzhaft geringer Betrag" bezeichnet. Es gebe Betroffene, deren Lebenssituation extrem schwierig sei und die dringend Hilfe benötigten. Der Politiker Bocklet, der sich im Landtag auch um eine Petition der ehemaligen Schülerin kümmert, die Mitglied des Beirats werden soll, sondiert in mühsamen Gesprächen die Chancen für Kompromisse. Offenbar gibt es die Bereitschaft, sich zu bewegen. Wie haltbar eine Einigung wäre, ließe sich erst nach einigen Wochen beurteilen. Die Verletzungen sitzen tief, ein falsches Wort kann schnell alles wieder zunichte machen.

Die Schule hat in den vergangenen Monaten auf innere Reformen verwiesen. Sie will zeigen, dass sie aus den Missbrauchsfällen eine Lehre gezogen hat. Vor den Weihnachtsferien hat die Schulkonferenz beschlossen, dass bei Anzeichen eines sexuellen Übergriffs "grundsätzlich und ohne Rücksicht auf eine eventuelle Beeinträchtigung des öffentlichen Ansehens" die Polizei informiert werden müsse. Für Außenstehende ist überraschend, wie lange es gedauert hat, bis diese selbstverständlich wirkende Regel endlich eingeführt worden ist. Im Frühjahr 2010 war öffentlich bekannt geworden, dass sich vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren Lehrer immer wieder an Schülern vergangen haben, zum Teil auf brutale Weise.

Zwei von der Schule beauftragte Ermittlerinnen beziffern die Zahl der Opfer auf mindestens 132. Ein erster Aufklärungsversuch war 1999 gescheitert. Damals hatte der ehemalige Schüler Andreas Huckele, der bis vor Kurzem das Pseudonym Jürgen Dehmers benutzte, Übergriffe publik gemacht. Die Vorwürfe wurden aber zunächst weitgehend ignoriert. Huckele erhielt im November 2012 den Geschwister-Scholl-Preis. In seiner Dankesrede ging er kurz auf die aktuelle Lage ein: "Zur Odenwaldschule habe ich nicht mehr viel zu sagen, außer: Sperrt den Laden endlich zu!"

Der Appell traf bei ehemaligen und aktiven Schülern und Lehrern zum Teil auf Unverständnis. Einige sagen, das Internat habe sich längst gewandelt und gebessert. Die Internatsleitung hebt hervor, es werde nun ein "Vier-Augen-Prinzip" befolgt. Dieses soll gewährleisten, dass Schüler nicht mehr einem bestimmten Lehrer ausgeliefert sind. Beim Verein "Glasbrechen" heißt es, das Prinzip werde in der Schule keineswegs konsequent umgesetzt.