Missbrauch Akten, die erschüttern

Über viele Jahre wurden in katholischen Internaten und anderen Einrichtungen körperlich misshandelt und sexuell missbraucht. Forscher gehen von einer hohen Dunkelziffer ähnlicher Fälle in ganz Deutschland aus.

(Foto: dpa)

Eine groß angelegte Studie zeigt: Das Ausmaß sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch Priester und Ordensleute war immens - und noch immer tut sich die katholische Kirche schwer, die Fälle aufzuarbeiten.

Von Matthias Drobinski

Die katholische Kirche in Deutschland hat ein großes Problem mit sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch Priester und Ordensleute - und ein Problem mit der Aufarbeitung des Skandals. Zwei Wochen, bevor der Bischofskonferenzvorsitzende und Münchner Kardinal Reinhard Marx die Ergebnisse einer großen Studie über Ausmaß, Ursachen und Folgen der Gewalt veröffentlichen wollte, sind sie bekannt geworden.

Wie die Zeit und der Spiegel berichten, haben zwischen 1946 und 1994 mindestens 1670 Priester und Ordensleute an mindestens 3677 Betroffenen sexualisierte Gewalttaten begangen. Die Opfer seien meist männlich, die Hälfte von ihnen zum Tatzeitpunkt jünger als 14 Jahre; in jedem sechsten Fall kam es zu einer Form von Vergewaltigung. Nur in jedem dritten Fall hätten die Bistümer zumindest ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet; von diesen 566 Verfahren endeten 154 ohne Strafe. In lediglich 122 Fällen schaltete die Kirche die weltliche Justiz ein.

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Diese Zahlen stellten "eine untere Schätzgröße dar", zitiert die Zeit die Forscher, sie seien insofern unvollständig, als dass es ein großes Dunkelfeld gebe. Sie hätten Hinweise auf Aktenmanipulationen gefunden. In zwei Bistümern gebe es "explizit die Information", dass "Akten oder Aktenbestandteile mit Bezug auf sexuellen Missbrauch Minderjähriger in früherer Zeit vernichtet wurden". Ohnehin hatten nur neun der 27 katholischen Bistümer und Erzbistümer in Deutschland ihre Akten seit 1946 untersuchen lassen; die anderen öffneten ihre Bestände erst ab dem Jahr 2000. Zudem hatten die Forscher keinen direkten Zugriff auf die Aktenbestände; sie wurden von Kirchenmitarbeitern durchsucht.

Die Bischofskonferenz hatte im März 2014 ein aus einer Professorin und sechs Professoren bestehendes Forschungskonsortium aus Mannheim, Heidelberg und Gießen mit der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle beauftragt, nachdem sich die Bischöfe und der Kriminologe Christian Pfeiffer im Streit getrennt hatten. Pfeiffer warf damals den Bischöfen Eingriffe in seine Forschungsfreiheit vor, sie hätten nachträglich einen bereits geschlossenen Vertrag ändern wollen. Er hatte auch verlangt, dass unabhängige Juristen alle kirchlichen Personalakten einsehen können, die Bischofskonferenz hatte dies abgelehnt und auf den Datenschutz sowie Persönlichkeitsrechte verwiesen. Schon Pfeiffer hatte darauf hingewiesen, dass es in mindestens zwei Bistümern Hinweise auf systematische Aktenvernichtungen gebe.

Der neue Anlauf sollte 2014 interdisziplinär erfolgen und auch danach fragen, ob "für die katholische Kirche spezifische Strukturen und Dynamiken einen sexuellen Missbrauch begünstigen", wie der forensische Psychiater Harald Dreßing aus Mannheim formulierte, der das Konsortium koordiniert. Zudem sollten die Erlebnisse und Sichtweisen der Betroffenen stärker als bisher eine Rolle spielen. Vor allem bei der Aufarbeitung der mehr als 38 000 Akten aber gab es offenbar immer wieder Schwierigkeiten. Ursprünglich wollte das Konsortium den Bericht schon 2017 vorlegen, diese Frist musste verlängert werden. Die Kosten des Projekts wuchsen auf mehr als eine Million Euro.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, nannte die Vorabveröffentlichung der Studie "verantwortungslos", "gerade mit Blick auf die Betroffenen". Die Ergebnisse der Studie seien "bedrückend und beschämend". Matthias Katsch von der Opferinitiative Eckiger Tisch nannte die Ergebnisse der Studie "erschütternd". Sie zeigten, "was wir dringend brauchen: eine umfassende, unabhängige Untersuchung", so Katsch. Von den Forschern wollte am Mittwoch niemand Stellung nehmen.

Dass sexualisierte Gewalt gegen Minderjährige ein Problem der katholischen Weltkirche ist, wurde ebenfalls an diesem Mittwoch deutlich: Papst Franziskus beruft für den kommenden Februar die Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenzen zum Missbrauchskrisengipfel in den Vatikan ein. Das erklärte eine Vatikan-Sprecherin nach Beratung des Kardinalsrates. Zwei Mitglieder des Gremiums stehen selber unter Druck: George Pell, der beurlaubte Leiter des vatikanischen Wirtschaftssekretariats, steht in seinem Heimatland Australien wegen Missbrauchsvorwürfen vor Gericht; dem Chilenen Francisco Javier Errázuriz werfen Betroffene vor, als Erzbischof von Santiago die Strafverfolgung sexueller Vergehen behindert zu haben.

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