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Minen in Bosnien-Herzegowina:"Das Ausmaß ist einfach gigantisch"

Viele mit Minen verseuchte Zonen in Bosnien sind mit Warnschildern gekennzeichnet. Doch die Fluten haben sie weggerissen.

(Foto: AP)

Die Fluten auf dem Balkan reißen auch alte Sprengkörper aus dem Bosnien-Krieg mit sich. Wie stark ist die Region verseucht? Was können die Räumexperten jetzt tun? Und wie groß ist die Gefahr? Fragen und Antworten.

Von Benjamin Romberg

Allein das Offensichtliche wäre schon schlimm genug. Eine Million Menschen sind von der schlimmsten Hochwasserkatastrophe in der Geschichte des Balkan betroffen. Tausende sind auf der Flucht, Dutzende kamen bislang ums Leben. Doch das Wasser bringt zusätzlich noch die Vergangenheit der Region wieder zum Vorschein: eine versteckte Gefahr, Reliquien eines blutigen Krieges. Es ist zu befürchten, dass die Fluten in Bosnien zahlreiche Minen aus dem Erdreich gespült und im schlimmsten Fall an andere Orte getragen haben.

Woher stammen die Minen?

Alle Kriegsparteien setzten die Waffen im Bosnien-Krieg zwischen 1992 und 1995 ein. In dem Konflikt der verschiedenen Ethnien in der Region änderten sich die Frontverläufe häufig. Die meisten Minen sind auf einer 1100 Kilometer langen und bis zu vier Kilometer breiten Strecke verteilt, die heute die beiden Landesteile trennt: die Föderation Bosnien und Herzegowina und die Republik Srpska. Nach Kriegsende wurde nach Angaben des bosnischen Minenaktionszentrums (MAC) nur ein Drittel der Sprengkörper geborgen.

Wie groß ist die Gefahr?

Bosnien gilt heute als eines der am stärksten mit Landminen verseuchten Länder der Welt. Die Organisation Deutsche Minenräumer (Demira) ist bereits seit 1999 im Auftrag des Auswärtigen Amtes in der Region aktiv und betreibt dort unter anderem eine Schule für Minensuchhunde. Direktor Martin Auracher schätzt, dass noch 2,4 Prozent der gesamten Landesfläche verseucht sind. Etwa 120 000 Sprengkörper sind nach Angaben der Organisation in Bosnien verteilt, rechnet man Minen und Blindgänger - also etwa nicht gezündete Granaten - zusammen. Immer wieder kommt es zu tödlichen Unfällen. Nach Angaben der bosnischen Regierung kamen seit Kriegsende 600 Menschen durch Minen ums Leben. Erst im Januar dieses Jahres starben drei Bosnier in einer Sprengstofffalle.

Was wird dagegen unternommen?

Mehrere Organisationen sind in Bosnien damit beschäftigt, die Minen aufzuspüren und zu entschärfen. Dabei geht es zunächst darum, die entsprechenden Gefahrenzonen möglichst genau einzugrenzen, erklärt Auracher im Gespräch mit SZ.de. In einem ersten Schritt werden Anwohner befragt: Haben sie zufällig beobachtet, wo Minen verlegt wurden? Wo gab es in der Vergangenheit Unfälle? Anschließend werden Stichproben genommen. Sind die Grenzen kartografiert, beginnen die Experten mit dem Aufspüren und Entschärfen. Das erfolgt nicht nur maschinell, häufig werden Hunde eingesetzt oder Menschen begeben sich mit Detektoren auf die Suche. Oft übernehmen ehemalige Soldaten den Job. Er ist gefährlich, aber gut bezahlt - in einem Land mit einer Arbeitslosenquote von 40 Prozent ist das ein Argument.

Wie schlimm ist die Lage durch das Hochwasser?

Etwa 60 Prozent der verseuchten Zonen seien vor der Flut bereits erfasst worden, sagt Auracher. Das Problem: Das Wasser und die dadurch ausgelösten Erdrutsche haben an vielen Stellen Warnschilder und Minen aus den bereits kartografierten Gebieten gespült. Das Minenzentrum in Sarajevo warnte, dass die Minen auch dann noch gefährlich seien, wenn der Zündmechanismus feucht geworden sei. Zudem könne niemand abschätzen, wohin die Sprengkörper geschwemmt werden. "Minen sind in Gegenden aufgetaucht, wo nie welche gewesen sind", sagte ein Sprecher. Im schlimmsten Fall werden die Altlasten aus dem Krieg in halb Südosteuropa verteilt. So könnten die Flüsse Save und Donau die Sprengkörper nach Serbien oder sogar bis ins Schwarze Meer transportieren. Genaueres weiß aber noch niemand. Die Minenexperten in Serbien, Bosnien und Kroatien haben ein Team zusammengestellt, das die Lage analysieren soll. "Dort, wo das Wasser bereits zurückgegangen ist, beginnen unsere Spezialisten gerade erst mit der Bestandsaufnahme", sagt eine Mitarbeiterin.

Hätte man das nicht verhindern können?

"Es scheint so, als sei niemand auf ein solches Desaster vorbereitet gewesen", sagt die bosnische Minenexpertin Alma Al-Osta, "darum haben wir jetzt dieses gewaltige Problem". Bosnien habe nicht genügend Geld für die Beseitigung der Minen, so Al-Osta. Die internationalen Geldgeber, auf die das Land angewiesen ist, werden immer weniger. Es habe zwar "große Erfolge" in den vergangenen zehn Jahren gegeben, sagt Demira-Experte Auracher: "Aber das Ausmaß ist einfach gigantisch." Es handele sich um riesige Flächen, die zum Teil stark bewachsen seien. Witterungsbedingt könne zudem nur sieben Monate im Jahr geräumt werden.

Was kann man jetzt tun?

"Nach der Flut müssen wir neu evaluieren", sagt Auracher. Dafür müsse man aber warten, bis der Boden wieder tragfähig sei. Zunächst werden die Karten mit den verseuchten Gebieten mit den Überschwemmungskarten abgeglichen, um zu sehen, welche Gebiete betroffen sind. Minen könnten sich nur dort bewegen, wo es eine Erosion gebe, erklärt Auracher. Also vor allem in Regionen mit starkem Gefälle oder an Flussufern. Besonders entlang der Save sind viele Sprengkörper vergraben.

"Wenn wir wissen, wo es gefährlich ist, müssen wir sofort neue Warnschilder aufstellen", sagt Auracher. Zudem sei es wichtig, die Bevölkerung aufzuklären, gerade in Gebieten, wo bisher keine Gefahr bestand und sich die Menschen nicht mit Minen auskennen. Den Bewohnern in den überfluteten Gebieten wird derzeit geraten, ihre Häuser sehr vorsichtig zu säubern und nicht durch das Wasser zu waten.

Was sind die langfristigen Folgen?

Eigentlich hatte sich die bosnische Regierung das Ziel gesetzt, ihr Land bis 2019 minenfrei zu machen. Experten wie Auracher gehen aber davon aus, dass es ohnehin länger gedauert hätte - und das Wasser macht die Situation nun nicht einfacher. "Die Flut wird auf jeden Fall eine Menge Arbeit machen", sagt er.

Mit Material der Nachrichtenagentur dpa.

© Süddeutsche.de/feko/rus
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