Promis und der US-Wahlkampf:Der Profi-Provokateur sucht eine neue Aufgabe

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Milo Yiannopoulos während einer Rallye in Baltimore (Maryland) im November 2021. (Foto: AP)

Der rechtsnationale Populist Milo Yiannopoulos kündigt seine Stelle als rechte Hand von Kanye West. Er wurde auch dadurch berühmt, dass er Donald Trump in Erklärungsnot gebracht hat. Dieser könnte jetzt von Yiannopoulos’ Verbindungen profitieren.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Milo Yiannopoulos, bislang die rechte Hand von Kanye West, hat seinen Job als Chief of Staff bei Wests Firma Yeezy gekündigt. Aus moralischen Gründen, wie er schreibt. Dabei ist der 39 Jahre alte Brite selbst keiner, der als moralisch besonders integer gilt. Wer ist dieser Milo Yiannopoulos, und warum soll man sich dafür interessieren, wenn jemand bei Kanye West kündigt?

Die Affären um Yiannopoulos führen nicht nur zum Prozess gegen Donald Trump, bei dem die Geschworen kürzlich entschieden haben, dass sich dieser durch Vertuschung von Schweigegeldzahlungen an die ehemalige Porno-Darstellerin Stormy Daniels des Wahlkampfbetrugs schuldig gemacht hat, sondern auch zu Trumps Dinner mit dem White-Supremacy-Anhänger und Holocaust-Leugner Nick Fuentes im November 2022 in Mar-a-Lago sowie zur US-Präsidentschaftswahl in diesem Jahr.

Eine der lautesten antifeministischen Stimmen bei der Doxing-Kampagne „Gamergate“

Man tut Yiannopoulos sicherlich nicht unrecht, wenn man ihn als „Profi-Provokateur“ bezeichnet. Bekannt wurde er 2014 als eine der lautesten antifeministischen Stimmen bei „Gamergate“, einer der ersten Doxing-Kampagnen gegen eine Videospiel-Journalistin, bei der persönliche Daten veröffentlicht wurden, um der Frau zu schaden. Danach sorgte er für Aufregung, weil er seine Homosexualität als „Entscheidung, die Schmerz und Kummer bringt“ bezeichnete – Schwule sollten „zurück in die Kammer“, Transgender sei eine „psychische Störung“.

Yiannopoulos war ein Star der Alt-Right-Bewegung; als Redakteur des rechtsnationalen Portals Breitbart gründete er im US-Wahlkampf 2016 die Bewegung „Gays for Trump“. Den voraussichtlich erneuten Präsidentschaftskandidaten der Republikaner bezeichnete er als „Daddy“, sich selbst als den „großartigsten Superschurken im Internet“. Bei Twitter wurde er lebenslang gesperrt wegen einer Hetzkampagne gegen die schwarze Schauspielerin Leslie Jones, bei Facebook und Instagram wegen wiederholter Hassrede. Nachdem er behauptet hatte, sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und 13-Jährigen seien „total einvernehmlich“ und könnten eine „absolut positive Erfahrung“ für Kinder sein, verlor er seinen Job als Redakteur bei Breitbart und seinen Buchvertrag beim Verlag Simon & Schuster.

Er fädelte das Abendessen von Donald Trump mit Kanye West ein

Nach 2019 wurde es ein wenig ruhiger um ihn: Er war Praktikant der rechtsnationalen Abgeordneten Marjorie Taylor Greene, später Wahlkampfberater von Kanye West bei dessen irrer Präsidentschaftskandidatur sowie Chief of Staff von dessen Firma Yeezy. Es war aber auch Yiannopoulos, der das Abendessen von Trump und West im November 2022 eingefädelt und den Holocaust-Leugner Fuentes einfach mitgeschickt hatte. Er verfolgte offenbar genüsslich, wie Trump in Erklärungsnot geriet. Und in der Zwischenzeit hatte er auch noch angegeben, von Homosexualität „geheilt“ und in einer katholischen Kirche gefirmt worden zu sein. Sein Ehemann sei nun eher sein „Mitbewohner“, er selbst lebe keusch.

Das führt direkt zum Kündigungsschreiben, das Yiannopoulos dem Promi-Klatsch-Portal TMZ zugespielt hat und das der SZ vorliegt. Darin schreibt Yiannopoulos, dass er zum 31. Mai „aus moralischen und religiösen Gründen“ bei Kanye West aufhören werde. West hatte angekündigt, künftig Pornofilme drehen zu wollen, und gar einen Produzenten gefunden: Mike Moz, der – man kann sich so was nicht ausdenken – mit Stormy Daniels verheiratet war. Yiannopoulos schreibt nun: „Die Leute, die an diesen Produktionen beteiligt sein werden, stellen eine unmittelbare Gefahr für mein Leben als Süchtiger auf dem Weg zur Genesung dar – und sie sind ein inakzeptables Risiko für meine spirituelle und körperliche Gesundheit als ehemaliger Homosexueller.“ Auf Anfrage von SZ und anderen Medien hat sich West bislang nicht zur Kündigung von Yiannopoulos geäußert.

Wie geht es weiter? Milo Yiannopoulos hat bewiesen, dass er für Aufmerksamkeit alles tut. Er bezeichnet sich als Libertärer – eine Wählergruppe, bei der Trump gewaltige Probleme hat und die ihn kürzlich auf einer Veranstaltung in Washington sogar ausbuhte. Yiannopoulos betonte zuletzt immer wieder seine „Bekehrung“ zum Nicht-Homosexuellen und sein Leben als keuscher Christ – auch eine Gruppe, bei der Trump nicht zuletzt wegen des Stormy-Daniels-Prozesses Probleme hat.

Yiannopoulos ist professioneller Provokateur, der seine menschenverachtenden Ansichten auf alle gießt, solange er nur Aufmerksamkeit bekommt. Die dürfte ihm bei Trump im Wahlkampf gewiss sein. Und wenn Trump eines bewiesen hat, dann dies: Jeder, der ihn beim Stimmenfang in skeptischen Wählergruppen unterstützen kann, dürfte als Helfer willkommen sein – selbst oder vielleicht gerade einer wie Yiannopoulos.

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